Die ärztliche Ethik in einer postkonfessionellen Gesellschaft

Willigis Jäger

Zusammenfassung. Wenn der Mensch nicht mehr glauben kann, was ihm die Religionen vermitteln wollen, fällt auch die Grundlage der Ethik weg, die auf diesen Religionen beruht. Unser Religionsverständnis hat sich gewandelt. Dazu kommt, daß sich unser Welt- und Menschenbild in den letzten Jahrzehnten radikal verändert hat. Woher nimmt also der Mensch, die Gesellschaft und damit auch der Arzt seinen ethischen Halt? Zwar hat jeder Mensch ein angeborenes Gewissen, aber auch das Gewissen muß irgendwo geschult und von irgendwoher gestärkt werden. Die Grundlagen sind in der transpersonalen Bewußtseinsebene, zu der wir Zugang haben. Dort wird eine Einheit aller Lebewesen erfahrbar, die zu einer selbstverständlichen Achtung und universalen Liebe zu jedem Wesen führt.

Das große Mitgefühl, das mit einer Einheitserfahrung aufbricht, wird als die bewegende Kraft des Universums erfahren. Daraus ergibt sich eine andere Einstellung zur Krankheit, vor allem aber zum Tod. Wer den Tod als Ende betrachtet, behandelt einen Patienten anders als ein Arzt, für den der Tod nur Übergang in eine neue Existenzform ist. Der Glaube an eine Wiedergeburt ist dabei wenig hilfreich. Aber auch der Glaube an Gericht, Auferstehung und Himmel bietet den meisten westlichen Menschen keine Alternative mehr. Nur der Durchbruch zu unserem wahren Wesen, das weder geboren ist noch stirbt, scheint mir letzte Sinndeutung zu geben. Von daher erhält der Mensch und damit auch der Arzt seine ethischen Normen.

Schlüsselwörter: Das andere Weltbild - Das andere Menschenbild - Das anderes Religionsverständnis -Konfessionslose Religiosität? - Postkonfessionelle Grundlage der Ethik -Das Problem von Gut und Böse - Die Grundstruktur des Universums - Holon und Selbsttranszendenz - Das große Mitgefühl als die bewegende Kraft der Evolution - Wiedergeburt, eine Grundlage für Ethik? - Glück oder Heil? - Die andere Einstellung zu Krankheit und Tod

Einleitung

Das Thesenpapier zur Formulierung einer zeitgemäßen globalen ärztlichen Ethik gibt als Grundlage an: "Verantwortungsvolles ärztliches Handeln setzt die Bewußtheit einer ethischen Grundlage voraus. Das gilt auch für Ärzte, die sich keiner Religion verbunden fühlen. Die ärztliche Ethik soll tradierte Werte wie Sympathie, Nächstenliebe, Mitgefühl, Toleranz und Gerechtigkeit berücksichtigen." - "Die Ärztinnen und Ärzte sind der globalen ärztlichen Ethik vor ihrem Gewissen, vor ihrem Stand und vor ihren Patienten verantwortlich."

Solche Sätze sind schnell aufgestellt. Wo aber ist die globale Ethik angesiedelt? Woher erhalten diese Sätze ihre Stütze? Wer prägt das Gewissen? Wo liegen die Entscheidungskriterien für ethisches Handeln? Ich selbst weiß um die Probleme und Sorgen, die heute bestehen, wenn ich als Priester in eine Intensivstation komme, wenn ich an die Züchtung von Leben in der Retorte denke, an die neuen gentechnischen Möglichkeiten, an die Organtransplantation. Im Laufe meines Lebens wurde ich oft mit den Nöten des Arztes konfrontiert. Neben der fachlichen Kompetenz ist von ihnen ein hohes Maß an ärztlicher Ethik gefordert. Die Grenzen der Richtlinien für ethisches Handeln verschieben sich. Ich bin mir der Komplexität des Themas bewußt und weit davon entfernt, ausgearbeitete Richtlinien nennen zu können. Jedoch kann ich eine neue Basis aufzeigen, einen neuen Hintergrund, auf dem Ethik gedeihen kann.

Zuvor soll jedoch das andere Weltbild und das andere Menschenbild unserer Zeit beschrieben werden. Daraus ergibt sich ein anderes Religionsverständnis, das ich "postkonfessionell" nenne. Dann werde ich auf die Ethik eingehen mit den Schwerpunkten Krankheit, Heilung, Tod und Wiedergeburt.

Ein anderes Weltbild bringt andere ethische Vorstellungen

Unser Weltbild wurde jahrzehntelang von einer materialistisch eingestellten Wissenschaft geformt. Sie entwarf ein Universum, in dem nur Materie real ist und in dem es nur eine materialistische Entwicklung gibt. Bewußtsein, Leben, Ratio hielt man mehr oder weniger für zufällige Begleiterscheinungen der Entwicklung. Dieses Bild des Universums brach unter den neuen Erkenntnissen gerade der Wissenschaft selbst zusammen. Die Naturwissenschaft hat längst ein anderes Weltbild entworfen. Max Planck, der Entdecker der Quantenmechanik und des Planckschen Wirkungsquantums, hielt im Jahr 1944 in Florenz einen Vortrag zum Thema "Das Wesen der Materie". Er führte bereits damals u. a.. aus: "Als Physiker sage ich Ihnen nach meinen Erforschungen des Atoms dieses: es gibt keine Materie an sich! Alle Materie entsteht und besteht nur durch eigene Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und sie zum winzigsten Sonnensystem des Atoms zusammenhält So müssen wir hinter dieser Kraft einen bewußten intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie." Und weitere Physiker unserer Zeit, Capra, David Bohm, Schrödinger und andere, sehen hinter der Fluktuation von Elementarteilen eine unbeweglichen ersten Beweger. David Bohm spricht vom Quantenpotential als letzter Instanz, die alles durchdringt und dem absoluten Bewußtsein gleichgesetzt wird. Andere naturwissenschaftliche Disziplinen, so vor allem die moderne Hirnforschung und auch die Biochemie, stützen und ergänzen die neuen Erkenntnisse.

Aus spiritueller Sicht läßt sich dieses andere Weltbild in zwei Metaphern aufzeigen:

Das erste Bild ist das Bild vom Tänzer und vom Tanz. Diese Erste Wirklichkeit sehe ich als den Tänzer, der gleichsam das Universum tanzt. Tänzer und Tanz können nur zusammen auftreten. Es gibt keinen Tanz ohne Tänzer und keinen Tänzer ohne Tanz. Es gibt keine Form ohne Geist. Der Tanz ist zeitlos. Es gibt darin nicht Anfang und nicht Ende. Es gibt keinen Punkt Omega, auf den alles hinzielt. Jeder Moment ist das Ganze, und er ist vollkommen. Und nur im Augenblick können wir diese Wirklichkeit erfahren.

Das zweite Bild ist das einer Symphonie. Die Erste Wirklichkeit erklingt als diese Symphonie, und alle Formen und Strukturen sind die Noten, die in einer grandiosen Harmonie zusammenklingen. Da sitzt keiner außerhalb, der diese Symphonie komponiert hat und sie sich jetzt vorspielt. Er (ES) ist diese Symphonie. Sie erklingt zeitlos. Sie hat nicht begonnen und wird nicht enden. Sie kennt nicht Geburt und nicht Tod. Durch dieses andere Weltbild relativiert sich die vermeintliche Größe und Bedeutung des Homo sapiens. Es muß notgedrungen zu einem anderen Menschenbild führen.

Ein anderes Menschenbild

Das alte Schema meinte, der Körper habe im Laufe der Zeit Geist entwickelt, Intelligenz sei nur im Gehirn und Nervensystem. Eccles, Hirnforscher und Nobelpreisträger hat experimentell nachgewiesen, daß Gedanken und Willen in der Lage sind über SMA-Felder Neuronenketten im Gehirn zu aktivieren. Von ihm stammt der Satz: "Der immaterielle Geist bewegt das Gehirn." Bewußtsein ist nicht im Körper eingeschlossen, es liegt allem kosmischen Geschehen zugrunde. Es ist unendlich, es ist eins und drückt sich nur in vielen Formen aus.

Das alte Paradigma lautete: "Wir sind menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen." Das neue Paradigma lautet: "Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen." In unserer christlichen Vorstellungswelt heißt das: Wir sind göttliches Leben, das diese menschliche Erfahrung macht. Wir sind göttliches Leben, das sich inkarniert hat, das Mensch geworden ist, das sich eingegrenzt hat in diese Form. Das ist die Botschaft von der Inkarnation Gottes in Jesus. Wie in Jesus ist dieses göttliche Prinzip in jedem von uns Mensch geworden. Was der Mensch "Person" nennt, ist eine "falsche Person". Diese Person erlebt sich als von der Urwirklichkeit abgespalten. Die ewige Person erfährt der Mensch, wenn diese "falsche Person" in der transpersonalen Erfahrung stirbt. Schon mit der Sprache haben wir die Entfremdung gelernt. Wir drücken uns falsch aus. Wir gebrauchen eine betrügerische Sprache. Wir sagen: "Ich bin geboren". In Wirklichkeit müßten wir sagen: "Es ist geboren". Geboren wird immer nur die Erste Wirklichkeit. "Geboren wird immer nur der Herr", sagt die Bhagavad-Gita. Es ist nicht unser Leben, das wir leben, es ist das Leben dieser Ersten Wirklichkeit. Wir sind nur die Gefäße, in denen sie sich präsentiert. Dieses neue Paradigma wird sich nicht nur auf ein neues Welt- und Menschenverständnis entscheidend auswirken. Der Mensch wird aus der Egozentrik nicht herausfinden und zu einer neuen Ethik kommen, ohne daß er sich von Grund auf neu versteht.

Das andere Religionsverständnis

Gibt es eine konfessionslose Religiosität? Was ist "postkonfessionelle Religiosität?"

Religion in der herkömmlichen Form als Konfession war für den Menschen und sein Überleben so notwendig wie Wasser, Luft und Nahrung. Er brauchte diese Hoffnungsbilder als Sinngebung für sein Leben. Religion ist in dieser Hinsicht ein wichtiger Faktor der Evolution. Sie scheint wirklich so etwas zu sein wie ein"Trick der Gene". Bei all der Not und der Bedrohung, die den Menschen befallen kann, entfaltete sich in ihm die Ursehnsucht alles Geschöpflichen: Geborgenheit, Heimat, Angenommensein. Es gibt eine transkonfessionelle Religiosität. Damit meine ich die Urerfahrung der Ersten Wirklichkeit. Sie ist ein sehr subtile, transrationale Erfahrung. Sie schöpft aus dem Einheitserleben mit dem kosmischen Geschehen und liegt in der Tiefe unseres Bewußtseins, in der transpersonalen Ebene also. Sie wirkt sich darin aus, daß sinnenhafte und rationale Wahrnehmungen als Manifestation einer kosmischen, nicht benennbaren Wirklichkeit erfahren werden. Das führt zu einer "kosmischen Religiosität" zu einer Religiosität, die sich mit der traditionellen mystischen Spiritualität aller Religionen deckt. Im Christentum nennt man sie Mystik, im Judentum Kabbala, im Islam Sufismus, im Hinduismus Yoga, im Buddhismus Zen oder Vipassana.

Abbildung 1 soll verdeutlichen, was ich unter Esoterik und Exoterik verstehe. Mit dem Wort Esoterik benenne ich eine Spiritualität, die auf Erfahrung zielt und in diesem Ziel auch den Sinn der Religion sieht. Mit Exoterik bezeichne ich eine Spiritualität, die ausschließlich auf Schriften, Dogmen, Riten oder Symbolen beruht. Die Religionen der Zukunft werden also nicht so sehr durch Konfessionen getrennt, nicht durch das, was sie bekennen, sondern durch ihre esoterische oder exoterische Spiritualität. Und was noch wichtiger ist: Die exoterische Religiosität wird sich in Richtung esoterischer Religiosität verlagern. Das meine ich mit dem Begriff postkonfessionelle Religiosität. Sie beruht auf Erfahrung und nicht in erster Linie auf Wissen.

Was ist die Grundlage der Ethik in einem postkonfessionellen Religionsverständnis?

Immer mehr Menschen haben Sehnsucht nach einer wahren Authentizität, die nur hinter der personalen Abgrenzung zu finden ist. Diese transformative Spiritualität möchte nicht eine ganz bestimmte religiöse Einstellung vermitteln oder erhalten, sondern zu einer neuen Identität führen. Sie ist verbunden mit einem allumfassenden Mitgefühl oder, wie wir im Westen eher sagen, mit einer universalen Liebe. Eine Liebe, die nicht mehr personale ist, die sich vielmehr allen Wesen gegenüber offen hält. Es ist die Liebe, die wir im Westen Agape nennen. Aus dieser Liebe kommt die Ethik. Sie kommt aus der Erfahrung der Einheit, die in der Erfahrung des einen Grundes zu finden ist. Von hier aus läßt sich eine zeitgemäße Ethik begründen. Das Kriterium für einen reifen und ethischen Menschen ist seine Durchlässigkeit für den Wesensgrund. Und nur von dorther erhält er auch die Maxime seines Handelns. Die Polis eines Plato, in der sich das Ethos zu bewähren hat, ist ein Abbild des kosmischen Geschehens. In seinem Höhlengleichnis, auf das ich aus zeitlichen Gründen nicht eingehen kann, erläutert Plato die unmittelbare Schau der Wahrheit und dringt über das Wahre und Schöne zur Quelle der Ethik vor.

Abb. 1. Esoterik und Exoterik

Durch die Erfahrung tieferer Schichten unseres Menschseins ist auch eine positivistische der Ethik in Frage gestellt. Diese Ethik ist nur im Ich begründet. Aber auch die von einer außenstehenden Instanz (Gott) begründete Ethik ist in Frage gestellt. Wer ein solches Gottesbild nicht mehr nachvollziehen kann, wird auch nicht mehr von den ethischen Verpflichtungen getragen, die damit verbunden sind. Das ethisches Verständnis des Christentums hat mit dem religiösen Wandel nicht Schritt gehalten. Die Maximen, von denen ich spreche, sind in den tieferen Schichten des Bewußtseins begründet. Es ist zwar die gleiche Schicht, aus der die archaische Ethik auch kam, diesmal wird sie nicht aus einem Glauben sondern aus der eigenen Erfahrung der Ersten Wirklichkeit gestützt. Sie geht einher mit einem tiefen Wohlwollen zu allem Lebendigen.

Das große Mitgefühl ist die bewegende Kraft des Universums

Rumi, ein Sufimystiker, drückt aus, was uns diese Erfahrung an Bewußtseinswandel bringt:

"0 du, der den Selbstlosen mit dem Schwert durchbohrst, du durchbohrst dich selber damit. Hüte dich! Denn der Selbstlose ist dahingegangen, ist ein Spiegel geworden: nichts ist mehr da, als das Spiegelbild des Gesichts eines anderen. Wenn du darauf spuckst, so spuckst du in dein eigenes Gesicht. Und wenn du den Spiegel schlägst, schlägst du dich selbst. Und wenn du ein häßliches Gesicht im Spiegel siehst, bist es du. Und wenn du Jesus und Maria siehst, bist es du. Er ist weder dies noch das: er ist rein und frei vom ICH: er hält dir dein Bild vor", Rumi, S. 87 [10].

Es sind Worte, die aus der Erfahrung dieser anderen Wirklichkeit kommen. Abgrenzung, Feindschaft, Haß, Krieg sind Mangel an Erkenntnis der Einheit. Wer erkennt, wer er wirklich ist, erfährt alles Leid und alle Freude als das eigene Leid und die eigene Freude. Je tiefer die Erfahrung, desto größer die Barmherzigkeit. Erkenntnis Gottes mündet in bedingungslose Liebe ein.

Das Gesetz der Harmonie und Liebe

Bedingungslose Liebe bedeutet in Harmonie sein mit allen und allem. Harmonie ist das große kosmische Gesetz. Wer gegen dieses Prinzip der Harmonie verstößt, wird sich auch über kurz oder lang nicht wohl fühlen, da das Gesetz nach Ausgleich drängt. Im Osten spricht man von dem Gesetz des Karma. Man ist überzeugt, daß der Mensch von seinem Handeln eingeholt wird und daß er in einem nächsten Leben die Früchte seines Handelns ernten muß. Der Karma-Gedanke hilft uns, sorgfältiger umzugehen mit unseren Gedanken und Gefühlen und den daraus folgenden Handlungen. Wer nach diesem Gesetz handelt und versucht, danach zu leben, steht aber wieder unter moralischem Druck. Menschen, die sich gerade von dem "strafenden Gott" befreit haben, ersetzen diese Vorstellung oftmals durch ein strafendes Karmagericht" nach dem Tode. Dabei ist nichts gewonnen. In der Psychologie nennt man dies eine Verschiebung. Bei der Erfahrung des kosmischen Bewußtseins allerdings, in der Erfahrung der Alliebe und Zusammengehörigkeit aller Wesen, kommt die Liebe aus der Einheitserfahrung mit allem Seienden. Liebe ist die Grundstruktur der Evolution. Das ist nicht sofort verständlich, daher möchte ich den Begriff Holon zur Erklärung verwenden.

Selbsttranszendenz des Universums

Arthur Koestler prägte diesen Begriff [7]. Ein Holon ist auf der einen Seite ein Ganzes und auf der anderen Seite ein Teil von etwas anderem. Ein Atom ist z.B. ein Teil von einem Molekül und ein Molekül ist ein Teil einer ganzen Zelle und diese ein Teil eines Organismus. Das Holon hat daher zwei Tendenzen: Es muß sowohl für seine Offenheit zum Ganzen wie auch für sein Teilsein einstehen, d.h. Ein Atom muß offen sein für das Molekül, und das Molekül muß offen sein für die Zelle usw. Das Holon hat nur Sinn und Bestand im umfassenderen Holon. Auf den Menschen bezogen, bedeutet das Offenheit zum Mitmenschen und zur Natur hin. Ohne sich in das Ganze einzuordnen kann er nicht existieren. Er würde sich selber in Frage stellen. Charon, ein französischer Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger, nennt diesen "Trieb" Finalität des Atoms [1]. Es ist eine Finalität, die ständig zum Größeren hindrängt, aber keine Finalität, die Ende und Abschluß bedeutet. Er scheut sich nicht, diese Finalität Liebe zu nennen. Jedes Holon hat eine Tendenz zum größeren Holon. Die Evolution drängt zur Selbsttranszendenz. Selbsttranszendenz, d.h. letztlich Liebe, ist die Grundhaltung des Universums, nicht Liebe als Gebot, sondern Liebe als Einheitserfahrung. Wer sich nicht öffnen kann zum anderen hin, bleibt verkrüppelt und kann nicht wachsen. Wer sich der Selbsttranszendenz verschließt, geht unter.

Auch als Mensch sind wir ein Holon. Wir stehen nicht isoliert in diesem Kosmos. Wir sind wirklich Kinder des Kosmos. Wir sind von unserem Wesen her mit allem vernetzt. Das Vernetzende nennt die Mystik Liebe. Gewissen scheint mir nichts anderes zu sein als der "Trieb", der die Verbundenheit mit dem Ganzen aufrechterhält. Wenn ich das ungewöhnliche Wort Trieb hier gebrauche, dann meine ich diese innere Tendenz zum Ganzen und Einen hin. Dieser Trieb hat für mich etwas tief Religiöses. Er ist ein wesentlicher Faktor im Evolutionsprozeß. Er hilft, die Differenzierung Subjekt und Objekt und damit die Egozentrik zu überwinden, und macht größere Organismen und letztlich auch Gemeinschaft möglich. Nur in der Überwindung des Dualen und im Erleben der Einheit werden wir die Entfremdung überwinden und uns als Eins erfahren. Die Verweigerung der Selbsttranszendenz enthält das Mysterium dessen, was wir böse nennen. Das Böse hat für mich mit Moral zunächst nichts zu tun. Es ist die Verweigerung der Selbsttranszendenz, d.h. die Verweigerung, das Ego zu überschreiten. Wenn wir in die Evolution hineinschauen, dann bedeutet Mangel an Selbsttranszendenz bzw. an Liebe, sei sie verschuldet oder unverschuldet, die Ursache für den Untergang.

Was geben alle diese Gedanken her für den praktischen Alltag? Auch C. G. Jung hat sich diese Frage gestellt. Er kam zum Schluß, daß jede ethische Entscheidung ein schöpferischer Akt sei, der unsere aktuelle Stufe der Bewusstseinsentwicklung und die uns zur Verfügung stehenden Erkenntnisse ausdrücke. Wenn die Faktoren sich ändern, können wir rückblickend die Situation anders wahrnehmen. Das bedeutet jedoch nicht, daß unsere ursprüngliche Entscheidung falsch war. Worauf es ankommt, ist, daß "wir das Beste getan haben, wozu wir unter den jeweiligen Umständen in der Lage waren" [4].

Die andere Einstellung zum Tod

Der letzte Schritt zur Selbsttranszendenz ist der Tod. Mit ihm wird jede Ich-Zentrierung überschritten. Er ist der entscheidende Schritt in der Öffnung zum Einen und Ganzen hin. Gerade weil ich überzeugt bin, daß nach dem Tod nicht alles aus ist, geht es nicht um eine Verlängerung des Lebens um jeden Preis.

Vor einigen Wochen erhielt ich den Brief eines Arztes mit folgendem Inhalt. "Den Kampf gegen den Tod um jeden Preis kämpfe ich nicht mehr. Anfang Oktober ist ein 70jähriger Patient mit geplatzter Bauchschlagader auf dem OP-Tisch gestorben. Ich habe mit meinen Leuten eine halbe Stunde reanimiert, aber der Patient war tot. Der Operateur wollte aber einfach nicht aufhören zu operieren. Wir haben dann den Operateur mit der Leiche allein im Saal gelassen. Dies hat ihn sichtlich frustriert, aber anders hätte er es wohl nicht kapiert."

Wenn Ärzte aus Verbissenheit in ihrem Kampf gegen das Sterben den Sinn für die Begrenztheit des Lebens verlieren, fehlt ihnen das rechte Menschenbild. Tod bedeutet dann für sie das Ende, das um jeden Preis hinausgeschoben werden muß. Ihre Weltsicht bezieht kein Weiterleben ein. Das ist keine Schuldzuweisung. Der Arzt ist nur eingebettet in die Denkweise der Gesellschaft. Weil wir eine falsche Einstellung zu unserer Lebenszeit haben, haben wir auch eine falsche Einstellung zum Sterben.

Ich bin immer wieder beeindruckt von einer Episode, die uns erzählt wird von Alexander dem Großen und einem indischen Weisen, den er auf seinem Feldzug am Indus traf [2] Er führte mit Kalamos, das war sein Name, tiefe Gespräche. Eines Tages bat dieser, Alexander möge ihm doch einen Scheiterhaufen errichten, er sei alt und krank und möchte sein Leben beenden. Er war überzeugt, daß er jetzt, da er doch sehr alt und gebrechlich sei, aus dem Leben scheiden dürfe. Alexander der ihn sehr schätzte, war traurig, ging aber auf seinen Wunsch ein. Das ganze Heer trat zum festlichen Ereignis an. Die Trompeten erschallten. Kalamos, der sich gebadet und geschmückt hatte, bestieg feierlich den Scheiterhaufen, um aus dem Leben zu scheiden. Stellen wir uns daneben eine Intensivstation vor, wo offensichtlich Leben, das oft ganz natürlich zu Ende gehen will, mit allen Raffinessen erhalten wird. Ärztliches Handeln, das nur auf Lebensverlängerung eingestellt ist, scheitert am Sterben. Ärztliches Handeln, das den Tod einbezieht, kann beim Sterben helfen. Kosmische Religiosität, die alle Angst vor dem Sterben auffangen kann, wird zur Grundlage des Helfens und Heilens.

Helfen darf nicht zum Quälen werden. Das Wort Euthanasie ist in Deutschland belastet. Eigentlich heißt es "gut sterben". 1976 fand die erste Weltkonferenz der "Right to die Societies" statt. Sie verabschiedete die sog. Tokyo-Erklärung:
1. Jede Person soll selbst über ihr Leben und ihren Tod entscheiden.
2. Patientenverfügungen ("Living wills") sind als Recht des Menschen anzuerkennen. Sie müssen
3. als legales Dokument anerkannt werden. Solche Dokumente werden in einigen Ländern auch als rechtlich anerkannt. Es gibt bereits 30 Selbsthilfeorganisationen. Der Mensch hat heute mit Recht Angst, in die Hände eines hochtechnisierten medizinischen Systems zu fallen, das ihn unter allen Umständen am Leben erhalten will. Dann wird das Recht zum Weiterleben zu einer Pflicht, ja zum Zwang?

Der Mensch darf über sein Leben, das natürlich zu Ende gehen will, verfügen. Er darf als Mensch Gott sein Leben zurückgeben, wenn es natürlich zu Ende gehen will. Es geht hier nicht um Menschen, die einfach nur an Lebensüberdruß leiden, sondern um Menschen, die wirklich am Ende ihres Lebens sind. Natürlich ist damit auch die Möglichkeit für Mißbrauch offen (Belegzahlen im Krankenhaus, ungeduldige Erben). Man sollte Sterbenden die Verantwortung und die Gewissensentscheidung in diesem Falle überlassen. Ich plädiere damit nicht für unverantwortliche Sterbehilfe. Ich stelle nur die Frage: Kann, darf ein Mensch sagen: Mein Leben ist erfüllt, ich kann jetzt in die nächste Existenz gehen? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo Menschen aus ihrem Sterben ein Fest machen wie aus der Geburt. Aber das setzt voraus, daß der Mensch sein unsterbliches Wesen erfährt. Dann entdeckt er das Sterben als ein entscheidendes Ereignis seines Lebens und macht daraus eine Feier, wie es die Krankensalbung in der katholischen Kirche eigentlich vorsieht, leider aber auch nicht mehr transparent machen kann.

Geburt und Tod sind zu transzendieren. Wer in die Erfahrung des wahren Selbst vordringt, definiert den Begriff Unsterblichkeit anders als die Religionen. Unser tiefstes Wesen erfährt Geborenwerden und Sterben nicht. Geburt und Tod werden transzendiert. Es geht nicht um ein Auslöschen des Todes, um ewig zu leben, sondern um ein Transzendieren von Geburt und Tod. Was wir zutiefst sind, ist zeitlos. Es erscheint nur in Zeit und Form. Es wechselt nur die Kleider, aber nicht das Wesen. Was wir zutiefst sind, ist weder geboren noch stirbt es.

Glück oder Heil - Die andere Einstellung zu Krankheit

Dieses neue Welt- und Menschenbild bringt auch eine andere Einstellung zur Krankheit. Das Schlimme an der Krankheit ist der Mangel an Sinn. Der Mensch sucht mehr nach Glück als nach Heil. Was der Mensch unter Glück versteht und was er unter Heil versteht, ist nicht dasselbe. Glück hängt zusammen mit angenehmen Erlebnissen. Dazu gehören Essen, Haus, Erfüllung der leiblichen Bedürfnisse, aber auch Angenommensein, Zuwendung, Status haben, Geborgenheit. Nicht zum Glück gehören Angst, Leid, Konflikte, Einsamkeit, Tod.

Heil dagegen meint etwas ganz anderes. Heil meint vielmehr, eine endgültige Antwort auf den Sinn des Lebens gefunden zu haben. - Die Heilswege sind zwar ganz verschieden, haben aber alle eines gemeinsam. Sie führen durch Konfrontation, durch Not, durch Angst, durch Sterben und Tod. Diese Fragen lassen sich nur lösen aus einem individuumsüberschreitenden Kontext. Das Leben zwischen Geburt und Tod ist unvollständig, unvollendet. Es ist nicht unverletzlich, es besitzt keine Permanenz, es ist anfällig durch Krankheit und Tod. Geborgenheit kommt aus einem über alles Individuell-Personenhafte hinausreichenden Bereich. Wir sind Teil eines Größeren, Umfassenderen. Nur diese Erfahrung bringt Geborgenheit und Zuversicht auch in der Krankheit.

Plato berichtet von Sokrates, der von einem jungen Mann mit Kopfschmerzen konsultiert wurde. Er läßt Sokrates sagen: "Er (der junge Mann) klagte mir neulich ... der Kopf wäre ihm immer so schwer, wenn er des Morgens aufstände." Was ist das Mittel, das Sokrates dem jungen Mann empfiehlt?"... so wie man nichts unternehmen dürfe, die Augen zu heilen ohne den Kopf, noch den Kopf ohne den ganzen Leib, so auch nicht den Leib ohne die Seele; sondern dieses eben wäre auch die Ursache, weshalb bei den Hellenen die Ärzte den meisten Krankheiten noch nicht gewachsen wären, weil sie nämlich das Ganze verkennen, auf welches man seine Sorgfalt richten müßte, und bei dessen Übelbefinden sich unmöglich irgendein Teil Wohlbefinden könnte. Denn alles, sagte er, "entspränge aus der Seele, das Böse und das Gute" (Platon - Dialog, Charmides S. 156/57).

Sokrates meint, daß man nicht die Symptome einer Krankheit heilen soll, sondern den ganzen Menschen. Zum ganzen Menschen aber gehören auch Psyche und Geist. Zum ganzen Menschen gehört vor allem auch jener Bereich unseres Menschseins'den wirTranszendenz nennen oder in der traditionellen Sprache Gott. Alles entspringt aus der Seele, meint Sokrates. Gesundheit und Krankheit haben sehr viel mehr mit unserer Lebensauffassung und Weitsicht zu tun, als wir meinen. Bereits Sokrates hat eine Lanze für die Ganzheitsmedizin gebrochen, wie sie heute mehr und mehr ins Blickfeld rückt. G. Jung schreibt, daß der Mensch sich nur dann ganz entfalten kann, wenn er das Göttliche in sich mit einbezieht. Viktor Frankl ist überzeugt, daß die Menschen vielmehr an einer noogenen Neurose leiden, einer Neurose, die nicht psychische und physische, sondern existentielle Ursachen hat. Maslow nennt das Metapathologie. Die eigentliche Krankheit sitzt viel tiefer als die Symptome. Wenn das physische Grundbedürfnis nicht erfüllt wird, erkrankt der Mensch. Er wird aber genauso krank, wenn er seine spirituellen Grundbedürfnisse nicht erfüllt. Die Tragik liegt darin, daß viele Menschen diese spirituellen Grundbedürfnisse nicht spüren. - Ein Mensch, der Hunger hat, wird sich etwas zu essen suchen. Er weiß, wenn er diesem Grundbedürfnis nicht nachkommt, wird er krank. Wenn er aber seinen Hunger nicht wahrnimmt, wird er auch nichts zu essen suchen. Er wird an Mangelerscheinungen erkranken. Wenn er weiterhin nichts ißt, wird er sterben. Viele Menschen merken nicht, daß sie spirituell unterernährt sind und daher keine Resistenz und keine Kraft für das eigentliche Leben besitzen. Wohl dem Menschen, der einen Arzt, einen Therapeuten oder Priester findet, der ihm hilft, diesen Hunger zu spüren und zu stillen.

Heil kommt von Innen

Sokrates rät dem kopfwehkranken jungen Mann, das Ganze im Auge zu haben. Zum Ganzen gehört auch das, was wir Spiritualität nennen. Spiritualität meint jenen transpersonalen Bereich des Bewußtseinsraums, den gewöhnlich die Religion, vor allem aber die Esoterik anspricht. Wenn der Mensch diesen spirituellen Teil vernachlässigt, gerät er genauso ins Ungleichgewicht, wie wenn er den physischen Bereich vernachlässigt. Nicht unser Körper ist dann krank, der ganze Mensch ist krank, auch wenn sich die Krankheit zunächst nur im Körper zu zeigen scheint.

Das transpersonale oder kosmische Bewußtsein

Jede Ethik, jedes sittliche Leitbild vom Menschen beruht auf bestimmten ontologischen und metaphysischen Fundamenten und wird getragen von bestimmten Anschauungen über das Sein. Die Anschauungen über das Sein, im weitesten Sinne des Wortes verstanden, haben sich in unserer Zeit verändert und verändern sich immer mehr. Die Konfessionen verlieren an Bedeutung. Damit schwindet auch die Grundlage derEthik, die jahrhundertelang von den Religionen geprägt und gestützt war.

Ich sprach in diesem Vortrag die spirituelle Ebene an, die ich "transpersonales Bewußtsein" oder"Erste Wirklichkeit" nannte. Sie wird im Grunde von allen Menschen anerkannt. Von dieser Ebene aus versuchte ich eine Basis für verantwortliches Handeln aufzuzeigen. Was ich Erste Wirklichkeit nenne, wurde in den letzten Jahrtausenden im Westen Gott genannt. Diese Erste Wirklichkeit ist erfahrbar. Manche bekommen eine Ahnung davon beim holotropen Atmen oder auch unter der Einwirkung von Psychopharmaka. Aber der eigentliche Weg dorthin ist der Weg der gegenstandsfreien Meditation, die wir in unseren Kreisen Mystik und Kontemplation nennen, die im Hinduismus die verschiedenen Formen des Yoga beinhalten, im Buddhismus Zen und Vipassana, im Islam Sufismus und im Judentum Kabbala. Es ist die Erfahrung des Grundes, auf dem wir alle stehen. Erleuchtete und Religionsstifter aller Völker stießen in diese Tiefendimension des Bewußtseins vor und versuchten, Ihre Erkenntnisse in Form von Niederschriften der Umwelt mitzuteilen. So ein Hippokrates im medizinischen Bereich, so Laotse, Jesus Christus etwa mit der Bergpredigt und Mose nach seiner Erfahrung am brennenden Dornbusch, so Buddha, Zoroaster und andere. Auch große Entdeckungen, wie die Gleichung von Heisenberg oder die Benzolformel von Kekule oder auch große künstlerische Schöpfungen wie die Musik von Beethoven oder Mozart entstammen dieser Dimension. Große begnadete Ärzte, ich denke an Paracelsus oder an Albert Schweitzer, schöpften Wissen, Energie und medizinische ethische Normen aus diesen transpersonalen Dimensionen. Albert Schweitzer schreibt z. B.:

Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben gelangen wir in ein geistiges Verhältnis zum Universum. Die Verinnerlichung, die wir durch sie erleben, verleiht uns den Willen und die Fähigkeit, eine geistige, ethische Kultur zu schaffen, durch die wir in einer höheren Weise als der bisherigen in der Welt daheim sind und in ihr wirken" [11].

Nur von dieser höheren Dimension können wir in unserer Zeit das ethische Verhalten ableiten. Die Zeiten, in denen sich der Mensch an Dogmen oder moralischen Vorschriften gehalten hat, sind im Schwinden begriffen. Man spricht viel von Weltethos, wenn es aber nur auf der Basis des "du sollst und du mußt" und nicht auf der Erfahrung der Einheit des Wesensgrundes geschieht, wird dieses Ethos nicht tragen. Im Tao Te King, dem uralten chinesischen Weisheitsbuch, heißt es:

"Geht das wahre Tao verloren, so tritt Moral an seine Stelle. Wenn sie versagt, wird das Gewissen' bemüht. Verblaßt dieses, erschallt der Ruf nach dem ,Gesetz'. Geht auch das verloren, dann haben wir dies: Verwirrung herrscht.

Niemand kennt sich mehr aus. Weissagungen und Prophezeiungen gibt es im Überfluß, doch sind diese nur ein trügerischer Abglanz des Tao; sind die Wurzel aller Irreführung. Darum schaut der Weise nur auf das, was wirklich ist. Er sieht nicht nur die Oberfläche, er bläst den Staub zur Seite und trinkt das reine Wasser. Er hält sich nicht nur an die Blüte, sondern auch an die Wurzeln und an die Frucht. Blase den Staub beiseite, und: Komm zum lebendigen Wasser."

Die Stufen des kosmischen Bewußtseins werden heute in der transpersonalen Psychologie wie folgt beschrieben:

  1. Erfahrung einer meta- oder suprakosmische Leerheit. In dieser Leerheit sind alle Potenzen; sie ist schwanger mit allen Möglichkeiten. Sie ist der Ursprung der Schöpfung. Im Zen spricht man von"Sunyata", Johannes von Kreuz spricht von "Nada", Meister Eckehart vom "Nichts" [9].
  2. Auf dieser Stufe zeigt sich überströmende Liebe und mitfühlendes Erbarmen. Das Gesagte scheint sehr abgehoben zu sein, unerreichbar für die allermeisten Menschen. Aber es ist der Zielpunkt aller Religionen und die eigentliche Grundlage für die Ethik, denn diese Erfahrung ist gleichbedeutend mit einer umfassenden, alles umgreifenden Liebe.

Schlußbetrachtung

Nur aus einer neuen Bewußtseinsstufe kommt eine neue Ethik. Wer die Erste Wirklichkeit als Grund allen Seins erfährt, reduziert auch den Hang nach unmoralischem und unsozialem Verhalten. Statt dessen wird er von Liebe und Mitgefühl erfüllt. In meinen Kursen sagen mir immer wieder Menschen Worte wie: "Ich könnte die ganze Welt umarmen." "Mein Nachbar war mir unsympathisch, er ist es auch noch, aber ich kann ihn trotzdem umarmen." Vor allem aber entdecken wir im Rahmen der Selbsterkenntnis, daß unser Ich, das aus Körper, Psyche und Ratio besteht, nicht unsere eigentliche Identität ist. Es geschieht in der Tiefenerfahrung eine radikale Veränderung des Identitätsgefühls. Der Mensch erfährt sich als eins mit dem Universum. Das macht uns nicht zu hilflosen Eintagsfliegen in einem übermächtigen Universum. Wir sind Ko-Akteure und Ko-Kreatoren in dieser schmerzlichen Krise der Menschheit beim Übergang ins 3. Jahrtausend. 99% aller Spezies auf dieser Erde sind im Laufe der Zeit ausgestorben. Wenn wir überleben wollen, muß auch unser Bewußtsein sich weiter entfalten. Bis zum Jahr 2000 soll es 500 Atomkraftwerke geben. Die meisten stehen in Ländern, die nicht den erforderlichen Sicherheitsstandard haben. Wir werden die Fragen der Gentechnologie, den Umgang mit der Umwelt, der Atomenergie nicht lösen durch Verbote. Wir werden sie nur lösen durch einen Bewußtseinssprung auf die nächste Ebene. Ob wir die Zeit dafür bekommen, weiß ich nicht. Ein ganz neues Wertesystem wird zur Grundlage unseres Handelns nötig sein. Nicht Normen, Vorschriften, Gebote und Furcht vor Strafe stehen im Hintergrund, sondern die Erkenntnis einer universalen Ordnung, die von einer unendlichen Liebe getragen ist. Die spirituellen Lehrer aller Religionen und Zeiten sind ohne Ausnahme der Meinung, daß ein Verfolgen materieller Ziele nicht zur Erfüllung der menschlichen Existenz führen kann. Die Unzufriedenheit in den zu Wohlstand gekommenen Industrienationen bestätigt das nur. Das eigentliche Heilmittel, das von allen Weisen angegeben wird, ist die Wende nach innen. Von dorther kommt die Verwandlung und die Ethik.

Die ärztliche Ethik der Zukunft wird in diesem Wesensgrund des einzelnen beheimatet sein, in der transpersonalen Bewußtseinsebene. Von hier aus, aus der Erfahrung der Einheit allen Seins, erfährt der Arzt unendliche Liebe, Toleranz und Mitgefühl für alle Wesen als Grundlage für sein verantwortliches Tun in seinem Berufe.


[1] Charon JE (1979) Der Geist der Materie, Hamburg

 

zurück zum Text

 

[2] Droysen JG (1983) Geschichte Alexanders d. Gr., Verl. Manesse, S 504

 

zurück zum Text

 

[3] Gebser J (1953) Ursprung und Gegenwart, Stuttgart

 

zurück zum Text

 

[4] Grof S (1997) Kosmos und Psyche, Frankfurt, 182

 

zurück zum Text

 

[5] Hellenika, Krefeld H (1972) (Herausgeber), Frankfurt

 

zurück zum Text

 

[6] Jens/Küng (1995) Menschenwürdig sterben, München

 

zurück zum Text

 

[7] Koestler A (1976) The ghost in the machine, New York

 

zurück zum Text

 

[8] Obrist W (1988) Neues Bewußtsein und Religiosität, Olten

 

zurück zum Text

 

[9] Quint J (1977) Meister Eckehart, München

 

zurück zum Text

 

[10] Rumi, zit. nach Nicholson, Rumi Poet and Mystic

 

zurück zum Text

 

[11] Schweitzer A (Hurth Herg), Albert Schweitzer, Texte zum Nachdenken 1701, Herder TB

 

zurück zum Text

 

[12] Segal S (1997) Kollision mit der Unendlichkeit, Bielefeld

 

zurück zum Text

 

[13] Sri Aurobindo, der Integrale Yoga, Rororo - Klassiker Nr. 24. The act of creation, New
York1964 (dt. Der göttliche Funke)

zurück zum Text

 

[14] Wilber K (1997) The Eye of Spirit, Boston

 

zurück zum Text

 

[15] Wilhelm R (1957) (Übersetzer), Das Geheimnis der Goldenen Blüte, Zürich

 

zurück zum Text

 

[16] Wolff K, Der kabbalistische Baum, Knaur TB 4223

 

zurück zum Text

 

[17] Zukav G (1985) Die transzendenten Wu Li Meister, Ro 7910
 

 

zurück zum Text

 

W. Jäger
Haus St. Benedikt
St. Benedikt-Str. 3
D-97072 Würzburg