Albert Schweitzer und wir

Walter Munz

Verehrte Versammlung!

Es ist mir eine grosse Freude, Ihnen über Albert Schweitzer berichten zu dürfen. Dieser Mann wurde 1875 als Pfarrerssohn im Elsass geboren und ist 1965 mit über 90-Jahren in seinem Krankendorf von Lambarene in Aequatorialafrika gestorben.

Der Urwaldarzt hatte mich schon als Knaben tief beeindruckt. Als Gymnasiast, dann als Medizinstudent und als Arzt begegnete ich Albert Schweitzer zuerst in seinen Büchern als eindrücklichem Denker und Theologen, als Kenner von Johann Sebastian Bach und als dem mit Afrika, seinen Menschen und ihren Krankheiten vertrauten Arzt. Da Albert Schweitzer lebte und tat, was er so packend schrieb, wurde ich immer sicherer, dass dieser Mann ein ganz Grosser ist.

1961 hatte ich die riesige Freude und das Glück, als junger Arzt nach Lambarene ausreisen zu dürfen. Daraus sind mehr als zehn Arbeitsjahre in Afrika geworden, und ich durfte Albert Schweitzer während seiner letzten 4 1/2Jahre fast täglich begegnen. Als er am 4. September 1965 gestorben war, hatte ich die Aufgabe, an seinem Grab die Worte des Abschieds und des Dankes zu sagen, mitten in einer fast unübersehbaren Schar von trauernden Schwarzen und im Kreis vieler Weisser, Albert Schweitzers Tochter Rhena und ihrem Mann, den Krankenschwestern, Ärzten und anderen Helfern im Spital und etlichen treuen Freunden des Doktors. Es war uns damals gewiss nur zum Teil bewusst, für wen wir unsere schlichten Lieder sangen und das "Unser Vater" beteten. Wir waren alle ergriffen und dankbar und hatten den festen Vorsatz, dass dieses Spital weiterschaffen müsse im Geiste von Albert Schweitzer.

Läon Mba, der erste Staatspräsident der jungen Republik Gabun, sagte zu Frau Rhena Schweitzer und mir, die wir damals miteinander die Verantwortung für das Spital trugen: "Bewahrt uns das Krankendorf des grossen Doktors. Ich möchte, dass unsere Kinder und Enkel im Gabun diesen Mann und sein Werk nie vergessen. Und wenn Ihr könnt, baut mit uns Schwarzen ein neues Lambarene, den Bedürfnissen und Möglichkeiten von heute und morgen angepasst, aber baut es im Geiste des Grand Docteur."

Dieses neue Lambarene hat erfreulich entstehen und sich entwickeln können. Die weissen Krankenschwestern sind heute zum grössten Teil durch afrikanische Schwestern und Pfleger ersetzt. Von den gegenwärtig 8 Ärzten sind 4 sehr tüchtige afrikanische Kollegen.

Persönlich verdanke ich Albert Schweitzer und seinem Lambarene viel mehr als ich sagen kann. Die Begegnung mit Männern, Frauen und Kindern Afrikas hat mich tief geprägt. Ich habe in Lambarene meine Frau gefunden, die während sieben Jahren unsere begeisterte Spitalhebamme war. Mit unseren drei Kindern waren wir 1980/81 nochmals in Lambarene. Unsere Familiengeschichte ist wie ein zweistimmiges Lied: eine Stimme singt die europäische Melodie, die andere tönt vielfältig dazu mit fröhlichen und auch ernsten Klängen aus Afrika.

Ich weiss, ich müsste zu Ihnen über Albert Schweitzer als Mediziner und Ethiker reden. Das Herauslösen der beiden Themen aus seinem Lebensganzen ist bei diesem Mann vielleicht noch schwieriger als bei einem anderen Menschen. Zum Teil mit seinen eigenen Worten möchte ich Ihnen Albert Schweitzer vorstellen als Arzt, Denker, Künstler und als ergriffenen, Gott verbundenen Menschen. Er war dies alles in jedem Augenblick gleichzeitig. Wohl daher hatte er seine Ausstrahlung von Güte, Einfachheit, Weisheit und innerem Frieden. Sie werden den Mediziner und den Ethiker auf Schritt und Tritt in untrennbarer Einheit erkennen.

1. Der Arzt Schweitzer, sein geschichtliches und globales Verantwortungsbewusstsein und seine Barmherzigkeit gegenüber dem einzelnen Kranken

An seinem zwanzigsten Geburtstag beschloss Schweitzer, bis zu seinem dreissigsten Lebensjahr sich für Theologie, Philosophie und Musik einzusetzen, anschliessend sich aber einem praktischen Dienst zu widmen. Er dachte daran, Waisenkinder zu sich aufzunehmen oder strafentlassenen Erwachsenen zu helfen, nach der Gefängniszeit ihren Weg zurück ins normale Leben zu finden. Es kam aber anders. Mit dreissig Jahren begann Schweitzer das Medizinstudium und mit 38 Jahren reiste er mit seiner Frau nach Lambarene. Helene Schweitzer war auf dieses gemeinsame Ziel hin Krankenschwester geworden. Dies war 1913. Damals sprach im Abendland für lange Zeit noch niemand von Entwicklungshilfe oder Partnerschaft zwischen Menschen verschiedener Regionen unseres Planeten. Vielmehr warfen die Kollegen der Universität Strassburg Albert Schweitzer, dem Philosophieprofessor, Verfasser etlicher Bücher, Pfarrer, Direktor eines Studentenheimes und schon damals gesuchtem Orgelbauer und Bach-Interpreten vor, er entfliehe den europäischen Problemen seiner Zeit, begrabe seine Talente im Urwald, und die"Wilden" Afrikas empfänden ohnehin keinen Schmerz.

Nach seiner ersten Rückkehr aus Lambarene schrieb Albert Schweitzer 1920 (!) in seinem auch heute noch sehr lesenswerten Buch "Zwischen Wasser und Urwald" folgendes:

"Wenn ich es als meine Lebensaufgabe betrachte, die Sache der Kranken unter fernen Sternen zu verfechten, berufe ich mich auf die Barmherzigkeit, die Jesus und die Religion befehlen. Zugleich aber wende ich mich an das elementare Denken und Vorstellen. Nicht als ein "gutes Werk", sondern als eine unabweisliche Pflicht soll uns das, was unter den Farbigen zu tun, ist erscheinen. Was haben die Weissen aller Nationen, seitdem die fernen Länder entdeckt sind, mit den Farbigen getan?

Was bedeutet es allein, dass so und so viele Völker da, wo die sich mit dem Namen Jesu zierende europäische Menschheit hinkam, schon ausgestorben sind und andere im Aussterben begriffen sind oder stetig zurückgehen!

Eine grosse Schuld lastet auf uns und unserer Kultur. Wir sind gar nicht frei, ob wir an den Menschen draussen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir müssen es. Was wir ihnen Gutes erweisen, ist nicht Wohltat, sondern Sühne.

Die Völker, die Kolonien besitzen, müssen also wissen, dass sie damit zugleich eine ungeheure humanitäre Verantwortung gegen die Bewohner derselben übernommen haben. Wir müssen aus dem Schlafe aufwachen und unsere Verantwortungen sehen."

Hören Sie das Revolutionäre in diesen Gedanken? Solche Worte waren der damaligen Zeit fremd. Der deutsche Theologe Helmut Thielicke schrieb, Schweitzer habe -unter anderem- wie ein weit zuvorkommender Prophet den Kolonialismus unterwandert.

Seine Gedanken sind revolutionär. Der Mensch der sie aufschrieb, war zwar voller Kraft und Energie, aber sanftmütig, tolerant und friedfertig, einer der trotz seiner vielen Bücher, Predigten und Briefe gleichsam nicht redete, sondern einfach da war und wirkte, als sei sein Tun das Allerselbstverständlichste. Schweitzer bildete sich auf sein Werk nie etwas ein, sondern erlebte es als ein Geschenk, dass er so wirken durfte. In seinem Tun war er glücklich, vor allem aber dankbar und demütig.

Ober Schweitzer's ärztliche Tätigkeit in Lambarene könnte ich Ihnen fast Unzähliges berichten. Ober die Anschaulichkeit und Sorgfalt seiner handgeschriebenen Operationsberichte in einem grossen Buch, über die Lückenlosigkeit seiner ärztlichseelsorgerlichen Bemühungen für seine Patienten, über den praktischen Sinn, mit dem er sein Krankendorf gebaut hatte und es in einer menschengerechten, vor allem auch afrikagerechten, einfachen Ordnung verwaltete. Albert Aléwina Chavihot, ein gescheiter Mann in Lambarene, schrieb: "Es war Albert Schweitzer's Kunstgriff, die Gewohnheiten von uns Afrikanern möglichst wenig zu stören."

Aber das wichtigste Wort über den Arzt Schweitzer ist das afrikanische"NKENGO" in der einheimischen Galoa-Sprache: Barmherzigkeit, la pitié des gens, il avait la pitié pour nous les Noirs." NKENGO - dieses Wort hörte ich am häufigsten, wenn schwarze Frauen und Männer über ihren "Grand Docteur" erzählten. Die Afrikaner drückten also auffallend Ähnliches aus wie Paracelsus: "Der Artzeneien höchste aber ist die Liebe." Ich bin überzeugt, dass Paracelsus genau dieses meinte: "NKENGO - die Barmherzigkeit."

Das Gedächtnis an Albert Schweitzer ist heute - 33 Jahre nach seinem Tod - in jeder Stadt und in jedem Dorf, wahrscheinlich sogar in jedem Haus und in jeder Hütte des Landes lebendig. In manchem afrikanischen Herzen, das ich kenne, ist der Doktor sogar in einer Art zärtlichem Gedenken aufbewahrt. Es war für mich eine Dankespflicht an Schweitzer, darüber ein Buch zu schreiben: "Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung".

II. Der Philosoph - Ehrfurcht vor dem Leben

Die frühesten Entwürfe zu seiner vierbändigen Kulturphilosophie hat Albert Schweitzer im Jahre 1900 geschrieben, als 25-Jähriger. 1914-1917 hat er im Urwald Afrikas die ersten zwei Bände ausgearbeitet, nämlich

  1. Verfall und Wiederaufbau der Kultur
  2. Kultur und Ethik (hier sind die beiden letzten Kapitel der Ehrfurcht vor dem Leben gewidmet)

Wenn ich an sein erstes Spital auf dem Gelände der evangelischen Mission in Lambarene denke und daran, dass Schweitzer in dieser Zeit den Urwald roden, die ersten Unterkünfte für seine Kranken bauen, sich in die praktische Tropenmedizin einarbeiten und diese fast vom ersten Tage an auch ausüben musste, so kann ich mir nicht vorstellen, wie der Doktor Kraft und Zeit fand, in eben diesen Jahren zwei so gründliche und originale Bände der Kulturphilosophie zu schreiben. Aber er tat es.

In der Beschäftigung mit Schweitzer komme ich aus dem Staunen nicht heraus, immer weniger je älter ich werde.

Nun aber zum Denker Albert Schweitzer, in seinen eigenen Worten:

"Wahre Philosophie muss von der unmittelbarsten und umfassendsten Tatsache des Bewusstseins ausgehen. Diese lautet: "Ich bin Leben, das [eben will, inmitten von Leben, das leben will". Dies ist nicht ein ausgeklügelter Satz. In jedem Augenblick der Besinnung steht er neu vor mir."

Jetzt darf ich Sie die Stimme des 89-jährigen Albert Schweitzer hören lassen. Im Jahre 1964 hat er in Lambarene die Ehrfurcht vor dem Leben in der folgenden kurzen Botschaft zusammengefasst:

"Ich rufe die Menschheit auf zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niedrigerem Leben. Sie lehnt eine solche Unterscheidung ab. Denn der Versuch, allgemeingültige Wertunterschiede zwischen den Lebewesen anzunehmen, läuft im Grunde darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unserem Empfinden näher oder ferner zu stehen scheinen. Dies aber ist ein ganz subjektiver Massstab. Wer von uns weiss denn, weiche Bedeutung das andere Lebewesen an sich und im Weitganzen hat? Die Konsequenz dieser Unterscheidung ist dann die Ansicht, dass es wertloses Leben gebe, dessen Vernichtung oder Beeinträchtigung erlaubt sei. Je nach den Umständen werden dann unter wertlosem Leben Insekten oder primitive Völker verstanden. Die unmittelbare Tatsache im Bewusstsein des Menschen lautet."ich bin Leben das leben will, inmitten von Leben, das leben will". Diese allgemeine Bejahung des Lebens ist eine geistige Tat, in der der Mensch aufhört dahinzuleben, in der er vielmehr anfängt, sich seinem Leben mit Ehrfurcht hinzugeben und ihm seinen wahren Wert zu geben. Der auf diese Weise denkend gewordene Mensch erlebt zugleich die Notwendigkeit, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. So erlebt er das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm alsdann, Leben zu erhalten und zu fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert zu bringen - als böse gilt ihm nun: Leben schädigen oder vernichten, entwickelbares Leben in der Entwicklung hindern. Dies ist das absolute und denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen. Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben kommen wir in ein geistiges Verhältnis zur Weit. In meinem Leben habe ich immer versucht, in meinem Denken und Empfinden jugendlich zu bleiben und habe stets von Neuem mit den Tatsachen und meiner Erfahrung um den Glauben an das Gute und Wahre gerungen. In dieser Zeit, in der Gewalttätigkeit sich hinter der Lüge verbirgt und so unheimlich wie noch nie die Weit beherrscht, bleibe ich dennoch davon überzeugt, dass Wahrheit, Friedfertigkeit und Liebe, Sanftmut und Gütigkeit die Gewalt sind, die über aller Gewalt ist. Ihnen wird die Weit gehören, wenn nur genug Menschen die Gedanken der Liebe und der Wahrheit, der Sanftmut und der Friedfertigkeit rein und stetig genug denken und leben. Alle gewöhnliche Gewalt in dieser Weit schafft sich selber eine Grenze, denn sie erzeugt eine Gegengewalt, die ihr früher oder später ebenbürtig oder überlegen sein wird. Die Gütigkeit aber wirkt einfach und stetig. Sie erzeugt keine Spannung, durch die sie sich selbst aufhebt, sondern sie entspannt die bestehenden Spannungen. Sie beseitigt Misstrauen und Missverständnisse. Indem sie Gütigkeit weckt, verstärkt sie sich selber Deshalb ist sie die zweckmässigste und intensivste Kraft. Was ein Mensch an Gütigkeit in die Weit hinaus gibt, das arbeitet an den Herzen der Menschen und an ihrem Denken. Unsere törichte Schuld ist, dass wir nicht ernst zu machen wagen mit der Gütigkeit. Wir wollen immer wieder die grosse Last wälzen, ohne uns dieses Hebels zu bedienen, der unsere Kraft verhundertfachen kann. Eine unermesslich tiefe Wahrheit liegt in dem Worte Jesu: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen."

Mich berührt und überzeugt diese Botschaft immer von neuem ganz tief. Ich hoffe, dass Sie diese Gedanken ähnlich empfangen konnten.

Mit der Ehrfurcht vor dem Leben hat Albert Schweitzer etwas Grundlegendes formuliert, erst noch in einer allgemein verständlichen Sprache. Zugleich hat er auch das Fundament gelegt für die Umwelt-Ethik im weitesten Sinn, welche heute immer bedeutungsvoller wird.

Zur Erläuterung, wie Schweitzer in der Ehrfurcht vor dem Leben stand, lebte und wirkte, könnte fast jede Stunde seines Lebens erzählt werden. Es war bei ihm ein Sein in dieser Ehrfurcht, nicht nur die gelegentliche Anwendung einer persönlichen Überzeugung.

Dazu drei Beispiele aus Lambarene:

1. Ehrfurcht - auch vor dem geistigen Leben des andern

Das vorher zitierte Wort von Albert Aléwina Chavihot gehört hierher: "Es war Albert Schweitzer's Kunstgriff, die Gewohnheiten von uns Afrikanern möglichst wenig zu stören." Neben die für den Arzt selbstverständliche Ehrfurcht vor dem biologischen Leben tritt hier als ebenso bedeutend die Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen des andern. Von da aus führt der Weg direkt zur Teilnahme am Leben des anderen, zu Toleranz und grundsätzlicher Freude am Miteinandersein.

2. Die Gemeinschaft mit den Tieren

In Lambarene war es eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit, dass jede Krankenschwester und jeder Arzt, natürlich auch der Schreiner und der Buchhalter, ein eigenes Haustier pflegten.

Mein Freund und chirurgischer Kollege Rolf Müller hatte den Papagei Habakuk, das freche Äffchen Hanomed und den unvergesslich-lieben Hund Caroline. Zu Herrn Schweitzer gehörten der Wolfshund Porto, der Dackel Tschütschü und der Papagei Kudeku. Ich selber hatte das Schimpansenmädchen Branca während mehr als zwei Jahren in meiner häuslichen Nähe. Sie können sich die tausend Beziehungen ausdenken die da entstanden sind.

Unsere Gemeinschaft mit den Tieren war weder bewusst ausgedacht noch von uns gefordert, sondern sie entstand und lebte ganz natürlich, wie von selbst. Sie hatte nicht nur anekdotischen Charakter, sondern war Ausdruck einer Art von franziskanischer Gemeinschaft mit allen Geschöpfen. Daran störte grundsätzlich nicht, dass unter uns auch ein böser Truthahn lebte, der mit Vorliebe die Krankenschwestern in die Waden pickte und den wir darum alle fürchteten. Der Grand Docteur pflegte das Federvieh so zu verteidigen: "Der Truthahn gehört eben auch zu uns. Er und ich, wir haben etwas Gemeinsames: wir bilden uns beide ein, wir seien der Chef in diesem Spital. Wir müssen ihn eben ertragen.

3. "Der Doktor pflegte alle: Menschen, Tiere und Pflanzen. Er machte keinen Unterschied."

Massandi Josef, langjähriger Koch und Respektsperson im Spital, erzählte mir dieses: "Der Doktor hat uns alle gepflegt, sogar die Katholiken, sogar die Protestanten und die Heiden, die Schwarzen und die Weissen, sogar die Tiere und die Pflanzen. Er machte keinen Unterschied."

Tatsächlich gab es im Spital neben den 620 Liegeplätzen für kranke Menschen auch 20 Tiergehege für kranke Hunde, Schafe, Ziegen, Antilopen, Menschenaffen und Pelikane. Dass Schweitzer aber auch Pflanzen behandelte war mir neu. Auf meine Frage hin zeigte Massandi mir einen grossen zweistämmigen Mangobaum. Der eine Stamm trug eine riesige Krone mit vielen Ästen, Blättern und Früchten. Der andere Stamm hörte unvermittelt stumpf auf und trug an seinem Ende eine noch gut sichtbare Zementkanne Massandi erzählte das der Blitz hier vor Jahren eingeschlagen habe und der Stamm danach gebrochen sei. Der Doktor habe die Wunde am Baum dann verbunden. Zuerst habe er etwas Erde auf das Holz geschüttet und dann eine Kappe aus Zement darüber gegossen und diese mit den Händen gut angedrückt. Massandi fuhr fort: Tu vois, le Grand Docteur voulait aider le Dieu pour garder toutes les choses, que le Dieu avait faites -toutes les choses!" (Siehst Du, der grosse Doktor wollte Gott helfen, alle Dinge zu bewahren, die Gott gemacht hatte - alle Dinge!)

Nach diesen lebensfrohen Beispielen aus Lambarene muss ich Ihnen schildern, dass Albert Schweitzer sich schmerzlich bewusst war, dass die Natur um uns herum ein grauenhaftes Ringen von Leben gegen Leben zeigt. "Ein Dasein setzt sich auf Kosten des anderen durch, eines zerstört das andere." Die Erkenntnis, dass in der Welt der Schöpferwille zugleich als Zerstörungswille waltet, bleibt für den Denker Schweitzer ein schmerzvolles Rätsel, das er nicht erklären kann.

Er weicht deswegen aber nicht von seiner grundsätzlichen Forderung zur Ehrfurcht vor dem Leben ab und mahnt: "Wo ich irgendwelches Leben schädige, muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist. Über das Unvermeidliche darf ich in nichts hinausgehen, auch nicht in scheinbar Unbedeutendem. Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstrasse zu köpfen, denn damit vergeht er sich an Leben, ohne unter der Gewalt der Notwendigkeit zu stehen."

Nach diesem Schlussakkord in Moll zum Kapitel der Ehrfurcht vor dem Leben, wollen wir uns jetzt dem Künstler Schweitzer zuwenden.

III. Albert Schweitzer als Musiker

Die Musik hat Schweitzer während seines ganzen Lebens begleitet. Schon als neunjähriger Knabe durfte er den Organisten in seinem Heimatdorf vertreten, wenn sein Vater die Predigt hielt. Als Orgelbauer hat er viele alte Instrumente in europäischen Kathedralen vor dem Untergang bewahrt und wieder hergestellt. Gemeinsam mit Johann Sebastian Bach, pflegte er zu sagen, ging er auf seine Vortragsund Konzertreisen, während derer er - in Lambarene-Urlauben - das nötige Geld für sein Urwaldspital sammelte.

Gerne erzähle ich Ihnen, wie ich Herrn Schweitzer zwischen seinem 86. und 90. Lebensjahr musizieren sah und hörte: In der Regel kam er etwa eine Stunde vor dem Nachtessen zum Klavier, wenn die Arbeiten draussen beendet waren. Im Dämmerlicht des Abends, später im warmen Schein der Petrollampe, die auf dem Klavier stand, spielte er - ohne Noten. Seine Hände waren breit, gross, sehnig, nervig, sonnengebräunt, fast wie die eines Gärtners oder Bauern, jedenfalls gewohnt an viel Arbeit.

Was und wie musizierte er nun? Zuerst waren es Tonleitern, Triller, immer komplizierter werdende Läufe und Verzierungen, dann ganz langsam gespielte Klänge, dann eine Folge von Akkorden -und wieder Tonleitern. Es war, als ob der alte Mann sich nochmals vorbereiten wolle für eine Konzertreise. Dabei war er 1959 zum letzten Mal in Europa gewesen. Längst hatte er beschlossen, in Lambarene zu bleiben.

Er setzte die Töne präzis und fügte sie so zueinander, wie ein Baumeister an grosser Architektur arbeitet. Wenn eine Melodie ihm nicht gelang, spielte er sie immer wieder und steigerte das Tempo, bis er die Passage beherrschte und nun langsam und sicher vortragen konnte. Ruhige und schöne Phantasien wurden gelegentlich von schwierigen Tonleitern unterbrochen, in welchen die technische Übung ganz im Vordergrund zu sein schien. Ebenso unvermittelt konnte er aus der Etüde wieder zu gewaltigen und tiefen Melodien überspringen. Bei Schweitzer überraschte mich nicht nur in der Musik - immer wieder ein rätselhaftes Nebeneinander verschiedener Tätigkeiten: Briefe schreiben, Gespräche, Schubkarren stossen, Hühner füttern, Andacht halten, musizieren- eines folgte dem andern nach. Alles wurde ganz getan, und seelenruhig.

Beim Anhören seines Spiels war ich manchmal gerührt, wenn Schweitzer nach klaren Tonleitern und ernsten, grossartig durchgeführten Melodien plötzlich leise und zart wurde und sich in den Klängen so anmutig bewegte, als dächte er an ein Kind oder an eine Blume im Aufgehen. Im Halbdunkel sass er am Klavier, langsam um sich schauend und über sich, als würde er seine Melodien irgendwo ablesen. Von Zeit zu Zeit bewegte er die Füsse, als sässe er an der Orgel.

Unvergesslich bleibt mir in Erinnerung, wie er mit der linken Hand in den tiefen Tönen schwere unerschütterliche Rhythmen spielte - wie Klänge aus der Ewigkeit, während seine rechte Hand dazu jubilierte in fröhlichen hohen Melodien. Dieses Nebeneinander war für mich ein besonders schöner und gültiger Ausdruck seines Wesens, welches ewigen Werten verpflichtet war und sich gleichzeitig mit Freude allem Schönen hingab.

IV. Der Theologe und fromm Ergriffene

Der afrikanische Arzt Hervé Moutsinga nannte Schweitzer einen "Gottesmann und Jünger Jesu". Und er formulierte dies sehr gut mit folgenden Worten:"Schweitzer war durchdrungen von der Liebe Gottes und erlebte in sich, dass nur derjenige Mensch in die Nähe Gottes kommen kann, der auch seinen Nächsten liebt. Diesen Glauben hat Schweitzer als persönliches Glück erlebt und in Freiheit weiterzugeben versucht."

Schweitzer's Ehrfurcht vor dem Leben hatte nicht nur philosophische Wurzeln. Sie bricht auch hervor aus der Tiefe seiner Frömmigkeit. Den Schwarzen, die ihn fragten, warum er zu ihnen gekommen sei, antwortete er: "Der Herr Jesus hat mir geboten, hier an den Ogowe zu kommen." (Der Ogowe ist der breite Strom, der am Spital vorbeifliesst) Es ist auch nicht eine Nebensache, sondern es gehört zum innersten Kern seiner Arbeit in Afrika, dass der Grand Docteur jahrzehntelang Sonntag für Sonntag in seinem Spital Gottesdienst gehalten hat. Und jeden Abend bis etwa sechs Tage vor seinem Sterben - hielt er mit uns nach dem Abendessen eine Andacht mit Gesang, Bibellesung, Auslegung und Gebet.

In seinen Erläuterungen vermochte Schweitzer uns die Gedankenwelt Jesu und der Menschen seiner Umgebung so nahe zu bringen, dass im Zuhören und Mitdenken wir das Dramatische und Kämpferische der Aussagen Jesu und das über allem Verheissungsvolle in einer Weise erlebten, als wären wir selbst mitbeteiligt. Die Texte bekamen Wirklichkeitswert, so als ob die Seligpreisungen oder die Gleichnisse jetzt und zu uns persönlich gesprochen wären, zu Herrn Schweitzer und zu uns. Der biblische Bericht war nicht neutraler Gegenstand einer augenblicklichen Studie, sondern wir spürten dessen Verbindlichkeit für den Doktor, und daraus folgte Verbindlichkeit auch für uns - für alle, die Ohren hatten, zu hören. Schlichtheit und Gelehrtheit waren in diesem alten Mann seltsam und wunderbar nahe beieinander. Mich dünkte es manchmal, Schweitzer habe nie ein strahlenderes Gesicht gehabt als in diesen Augenblicken, in weichen er herrlich aufblühte, auch wenn er vorher spürbar müde erschienen war. Am Schluss der Andacht folgte das "Unser Vater".

V. Albert Schweitzer und wir

Manchen Gedanken und manche Lebenshaltung von Albert Schweitzer habe ich versucht, an Sie weiter zu geben. Die Zeit reichte nicht, ihn auch als scherzenden, leutseligen, tanzenden Menschen zu zeigen, obwohl ich vielleicht gerade das auch hätte tun müssen. Schweitzer's grundsätzliches Ringen für Verständigung und gegen die Vorurteile unter Menschen und Völkern und sein unerbittlicher Kampf gegen die Atomwaffe hätten gewiss auch erwähnt werden müssen.

Drei seiner Worte möchte ich Ihnen zum Schluss sagen:

  • Der Friede Gottes ist nicht Ruhe, sondern treibende Kraft
  • Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben
  • Ich glaube an die Zukunft dieser Zeit, aber wir müssen sie machen

Dr. med. Walter Munz
Junkerstr. 26
CH-9500 Wil