Ethische, juristische und ökonomische Aspekte der Sterbehilfe -
zum Stand der medizinethischen und politischen Diskussion in der Schweiz

Markus Zimmermann-Acklin

Ich bedanke mich herzlich für die Einladung hier nach Davos, der ich sehr gerne ge- folgt bin. Das Thema, das Sie mir für heute Nachmittag vorgegeben haben, könnte umfassender kaum lauten: "Ethische, juristische und ökonomische Aspekte der Sterbehilfe - zum Stand der medizinethischen und politischen Diskussion in der Schweiz." Das Ziel meines Beitrags soll in erster Linie darin bestehen,

  • Ihnen einen Einblick in die derzeitigen rechtlichen und politischen Vorgänge in bezug auf die Sterbhilfediskussion in der Schweiz zu vermitteln.
  • Daneben möchte ich Ihnen einen Überblick über die ethischen Argumente geben, die in diesen Auseinandersetzungen immer wieder eine wichtige Rolle spielen.

Ich habe den Vortrag daher in vier Teile aufgeteilt: Im Anschluss an einige einführende Bemerkungen erörtere ich im zweiten Punkt den Stand der rechtlichen und politischen Entwicklungen, im dritten Teil gebe ich einen Überblick über die wichtigsten ethischen Argumente, um meine Gedanken im vierten Teil dann mit ei- nem kurzen Ausblick zu beschließen.

1. Einführung

"The right to choose to die" nannte im Juni 1997 der Economist seine Titelstory, in der Zeitschrift findet sich ein Artikel mit der Überschrift "The euthanasia war". Anlass zu dieser Berichterstattung gab der damals anstehende Gerichtsentscheid des obersten amerikanischen Gerichts in Sachen "Physician-Assisted Suicide". Es ging um die Frage, ob sich aus der amerikanischen Verfassung ein Recht auf Suizidbegleitung ableiten lässt oder nicht. Die Mehrheit der Richter votierte damals zuungunsten eines solchen Rechts auf Suizidbeihilfe und überließ die Regelungen damit den Einzelstaaten. Bislang besteht erst in einem US-Teilstaat - in Oregon - eine Gesetzgebung zur Regelung des ärztlich begleiteten Suizids. Weitere Erfahrungen mit der Suizidbegleitung und der ärztlichen Tötung auf Verlangen liegen aus den Niederlanden und Nordaustralien vor, in ähnliche Richtung weisende Reformvorschläge bestehen in vielen Ländern der sogenannten "westlichen" Welt, namentlich in der USA, Frankreich, Belgien und auch der Schweiz.

Zur Debatte stehen grundlegende Fragen, die den Umgang mit dem menschlichen Leben betreffen. Grundsätzlich gerät dabei die Berufung auf die Selbstbestimmung des Einzelnen in direkte Konkurrenz zur staatlichen Aufgabe des Lebensschutzes. Ein Blick auf die Titelstory des Hastings Center Reports - ebenfalls aus dem Frühjahr 1997 - zeigt die zu erwartenden Spannweite der Debatten auf: Der Philosoph John Hardwig fragt: "Is There a Duty to Die?" - Wer so formuliert, hat die Antwort bereits gegeben: Ja. Es gibt auch eine Pflicht, unter bestimmten Umständen freiwillig aus dem Leben zu scheiden, dies meint jedenfalls John Hardwig begründen zu können.

Palliativmedizin, Hospizbewegung, Patientenverfügungen sind Indikatoren für die neue Aufmerksamkeit, die um die Gestaltung des Sterbens entstanden ist. Lassen sie mich nun in einem ersten Punkt auf die politischen und rechtlichen Initiativen in der Schweiz zu sprechen kommen:

2. Stand der rechtlichen und politischen Diskussion in der Schweiz

Die zwei Säulen, auf denen die gegenwärtige Sterbehilfepraxis in der Schweiz be- ruht, sind zum einen die Strafrechtbestimmungen und zum andern die standesrecht- lichen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW).

Schweizerisches Strafgesetzbuch StGB:

Art. 114 StGB

Tötung auf Verlangen.
1 Wer aus achtenswerten Beweggründen, namentlich aus Mitleid, einen Menschen auf dessen ernsthaftes und eindringliches Verlangen tötet, wird mit Gefängnis bestraft.

Art. 115 StGB

Verleitung und Beihilfe zum Selbstmord.
Wer aus selbstsüchtigen Beweggründen jemanden zum Selbstmorde verleitet oder ihm dazu Hilfe leistet, wird, wenn der Selbstmord ausgeführt oder versucht wurde, mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängnis bestraft.

In den "Medizinisch-ethischen Richtlinien für die ärztliche Betreuung sterbender und zerebral schwerstgeschädigter Patienten" der SAMW, die seit 1995 in der dritten überarbeiteten Fassung vorliegen und gegenwärtig bereits wieder in Überarbeitung sind, werden u.a. folgende Aspekte geregelt:

  • Entscheidungskriterien für den Behandlungsabbruch und -verzicht,
  • die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen bzw. die Berücksichtigung der Patientenautonomie und schließlich
  • die Grenzen ärztlichen Handelns.

Es handelt sich nicht um ein Gesetz, sondern lediglich um standesethische Leitlinien. Die Suizidbeihilfe wird hier ausdrücklich von der ärztlichen Tätigkeit ausgeschlossen (Ziffer 2.2) und damit der Art. 115 StGB erweitert.

Chronik der letzten Ereignisse:
     
1994   Motion Ruffy: Lockerung der heutigen Strafbestimmungen über die Beihilfe zum Selbstmord (Art. 115 StGB). Die aktive Sterbehilfe durch Ärzte auf Verlangen sollte unter bestimmten Bedingungen straffrei werden
   
1996   Diskussion im Nationalrat. Umwandlung der Motion in ein weit weniger verbindliches Postulat. Bundesrat Arnold Koller sichert die Bildung einer Arbeitsgruppe zu.
     
1997-1999   Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von a. Ständerätin Josi Meier ist aktiv und beendet ihre Arbeit mit einem Bericht an den Bundesrat.
     
Juli 2000   Bericht des Bundesrats zum Postulat Ruffy.
     
Vorschläge der Arbeitsgruppe:
     
Gemeinsame Voten  

palliative Versorgung Sterbender
Regelung der passiven Sterbehilfe und indirekten aktiven Sterbehilfe im Strafrecht.

     
Vorschlag der Mehrheit   In extremen Ausnahmefällen sollen jene von einer Strafe befreit werden, die aus Mitleid einen vor dem Tod stehenden Menschen auf sein ernsthaftes Verlangen hin durch Tötung auf Verlangen von einem unerträglichen Leiden befreien.
Einfügen einer Strafbefreiungsklausel in Art. 114, Absatz 2 StGB.
     
Position der Minderheit   Ablehnung einer Minderung des Lebensschutzes. Forderung der Intensivierung einer umfassenden medizinischen und menschlichen Betreuung Sterbender.
Heutiges Strafrecht soll unverändert bleiben.
     
Bericht des Bundesrates zum Postulat Ruffy (Juli 2000):
     
Zu den gemeinsamen Voten   Es ist alles zu tun, um die Palliativmedizin und -pflege voranzubringen.
Eine Regelung der passiven und indirekten aktiven Sterbehilfe ist notwendig (Expertenkommission vorgesehen).
     
Zum Vorschlag der Mehrheit   Der BR lehnt eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe ab. Selbst eine Ausnahme von der Strafbarkeit käme einer Lockerung des
Fremdtötungsverbotes gleich und würde somit ein Tabu brechen, das in
unserer christlichen Kultur tief verankert ist.
     
Zur Position der Minderheit   Damit schliesst sich der Bundesrat der Position der Minderheit an.
 

Es ist anzunehmen, dass die politische, rechtliche und gesamtgesellschaftliche Aus- einandersetzungen um die Sterbehilfe in näherer Zukunft noch intensiver werden als bis anhin. Alleine die Tatsache, dass der Bundesrat eine Expertenkommission damit beauftragt, die strafrechtliche Regelung der passiven und indirekten Sterbehilfe an- zugehen - zu diesem Dossier gehört u.a. auch die heikle Thematik von Behand- lungsabbruch und -verzicht bei schwerstgeschädigten Neugeborenen und Frühge- burten - garantiert einen anhaltenden Disput ebenfalls über die Tötung auf Verlangen und die ärztliche Suizidbeihilfe. Denn: Es erweist sich immer wieder als unmöglich, über das eine - passive, indirekte Sterbehilfe - zu reden und dabei das andere - aktive, direkte Sterbehilfe und Suizidbeihilfe - zu ignorieren.

3. Überblick über die wichtigsten ethischen Argumente

 

Aktive Sterbehilfe und ärztliche Suizidbeihilfe?
  PRO CONTRA
Prinzipien- ebene Autonomie
Lebensqualität

Menschenwürde (Recht auf ein
menschenwürdiges Sterben)

Arzt als Auftrags- empfänger
Kontext von Entscheidungen
Heiligkeit menschlichen Lebens

Menschenwürde (Wahrung der
Würde im Sterben)

Arzt hat berufseigene Werte
Handlungs- ebene Moralische Äquivalenz von Töten und Sterbenlassen
Intention des Handelnden ist
moralisch irrelevant
Töten und Sterbenlassen sind mora- lisch unterschiedlich zu beurteilen
Intention des Handelnden ist
moralisch relevant
Ebene sozia- ler Prozesse Palliativmedizin erreicht nicht alle
Patienten
Möglicher Missbrauch lässt sich
einschränken und kontrollieren
Ökonomische Aspekte spielen eine untergeordnete Rolle
Sicherheitsmaßnahmen
Gute Erfahrungen in den
Niederlanden
Palliativmedizin als Antwort
Missbrauch ist nicht zu verhindern
und in den Auswirkungen fatal
Ökonomischer Druck kann zu unfrei- willigen Bitten um Tötung führen
Slippery Slope-Argumente
Gefährliche Entwicklungen in den
Niederlanden

 

4. Ausblick

In einer Gesellschaft, in der verschiedene Menschenbilder und Vorstellungen von einem guten Leben nebeneinander existieren, sind die Auseinandersetzungen lang- wierig und benötigen den Willen, sich gegenseitig verstehen zu wollen. Drei Aufga- ben scheinen mir dabei wichtig zu sein:

  • Erstens, dass wir darüber sprechen, was wir unter Selbstbestimmung, Würde und Unantastbarkeit bzw. einem guten Arzt verstehen!
  • Zweitens, dass wir bereit sind, aus den bereits gemachten Erfahrungen anderer Länder zu lernen!
  • Und schließlich drittens: dass wir überdenken, ob wir langfristig nicht unser menschliches Zusammenleben gefährden, wenn wir die Suche nach dem Sinn unseres Leidens aufgeben, indem wir zu schnell bereit sind, technische Antworten auf menschliche Fragen zu geben!

Dr. theol. Markus Zimmermann-Acklin
Departement Moraltheologie und Ethik
Universität Fribourg
Rue St-Michel 6
CH-1700 Fribourg 6