Brief aus der Synagoge der Atheisten

Welches ist der Beitrag der religiös Ungebundenen
am interkulturellen Ethikdiskurs ?

Niklaus Egloff
Referat am 3. Symposium für Medizin und Ethik
15.-16. September 2000, Davos

Inhalt:

I. Background

II. Die Metapher der Synagoge der Atheisten

  • Aussenansicht
  • Innenansicht
  • Die Besucher: Porträt der religiös Ungebundenen

III. Das Verhältnis von Religion und Ethik

  • innerhalb des Individuums
  • in historischer Hinsicht
  • in Gegenwart und Zukunft

IV. Die philosophische Ethik

  • Ein pragmatisches Verständnis
  • Vorteile
  • Wichtige Voraussetzungen

V. Schlussbemerkungen

  • Modellcharakter der Metapher

I. Background

Mittlerweile wird immer mehr realisiert, dass es angesichts der vielen Probleme weltweiten Ausmasses eines interkulturell geführten ethischen Diskurses bedarf. Die richtige gemeinsame Sprache zu finden für diesen geforderten, interkulturellen Diskurs ist keine einfache Aufgabe.

In Davos stand die bisherige Diskussion um Medizin und Ethik eng in Zusammenhang mit dem Thema Religion.
Analog wie in dem von Hans Küng anfangs 90er-Jahre initiierten "Projekt Weltethos" waren an den beiden ersten Symposien stets Vertreter der 4 grossen Weltreligionen beteiligt.
Am letzten Kongress tauchte denn aber im Laufe der Diskussion die Frage auf, wie es denn mit der ethischen Kompetenz religiös nichtgebundener Personen stehe.
In ähnlicher fragender Formulierung ist auch im damaligen Davoser Thesenpapier "Für eine zeitgemässe, globale ärztliche Ethik" zu lesen: "Woher nimmt die Ärztin/der Arzt, die/der konfessionell nicht gebunden ist, die Grundlagen für verantwortungsvolles Handeln?"

Elie Wiesel, der am letzten Kongress zugegen war, ging diplomatisch auf diese Frage ein, indem er erzählte, dass es früher in seiner rumänischen Heimat geheissen habe, selbst die Gottlosen hätten eine Synagoge...
So quasi, auch ein religiös ungebundener Mensch habe für sich einen Ort, wo er sich moralisch orientieren kann.

II. Die Metapher

Aussenansicht

Die Synagoge der Atheisten - kein Mensch weiss, wo sie gestanden hat - ist ein interessantes Phänomen.
Zum einen ist sie geistiger Zufluchtsort für die moralischen, möglicherweise selbst spirituellen Bedürfnisse ihrer Menschen; andererseits entbindet sie die einzelnen Menschen, irgend auf eine vorgeschriebene Art an etwas zu glauben.

Das Äussere der virtuellen Synagoge ist sehr schlicht. Wie bei den meisten Synagogen sind an der Frontseite die alten Gebotstafeln Moses angebracht. Es ist vielleicht ein Zugeständnis an die Herkunft, denn ob uns das bewusst ist oder nicht, der Grossteil der gegenwärtigen westlichen Ethik hat in diesen Geboten einen Teil ihrer Wurzeln.

Die Graffity-Aufschrift bedeutet "freidenkerisch, frei, offen". Die Synagoge entbindet den einzelnen von den einschränkenden und ausgrenzenden Aspekten der Traditionen. In diesem Gebäude leben Toleranz und in geistig-religiöser Hinsicht Liberalismus.

Von den 16 Synagogen der Heimatstadt Elie Wiesels steht heute noch eine.
Es ist irritierend, dass diejenigen Menschen, welche diese Synagogen und ihre Menschen vernichtet haben, eigentlich ebenfalls einer Religion entstammten, welche auf den 10 Geboten Moses fussen täte.
Wir erkennen, dass formale Religionszugehörigkeit noch lange nicht vor unethischem Handeln bewahrt.
Wir wissen auch, dass trotz ihrem unzweifelhaft hohen ethischen Potential die Religionen bis heute keine sichere Wertebasis bei Konflikten bieten. Wie auch im jüngsten Balkankonflikt zu sehen war, sind sie gerne sogar politisch instrumentalisierbare Eskalationsfaktoren.
Absolut grausam waren indessen auch die Verfolgungen der Menschen in den Ländern mit staatlich verordnetem Atheismus: In der kommunistischen Ära wurden sämtliche Glaubensrichtungen verfolgt. Stattdessen wurde - und dies mit Gewalt - den Menschen die "kommunistische Moral" aufgezwungen.
Es ist wichtig, aufgezwungene Glaubenslosigkeit nicht mit Glaubensfreiheit zu verwechseln.

Die Begriffe Religion und Ethik sind nur bedingt miteinander assoziierbar. Weder Religionsgebundenheit noch Religionslosigkeit garantieren ethisches Verhalten. Eine sorgfältige Entflechtung der Begriffe Ethik und Religion ist hilfreich.

Innenansicht

Im Innern unserer Metapher sind Aspekte einerseits einer religionsunabhängigen andererseits auch einer transreligiösen Ethik zu erkennen.
Bezüglich religionsunabhängiger Ethik sei auf die Namen berühmter Philosophen hingewiesen. Wir treffen hier auf Namen wie Aristoteles, Sokrates und Kant. Diese religionsunabhängigen Denker haben bezüglich der Entwicklung der menschlichen Ethik unbestritten grosse Beiträge geleistet.
Wurde nicht Sokrates, das Ideal eines Philosophen, wegen Zerstörung der damaligen religiösen Vorstellungen, von der griechischen Gesellschaft zu Tode verurteilt?

Bezüglich transreligiöser Ethik, sei auf den Namen Rabbi Hillels hingewiesen. Er lebte 60Jahre v.Chr. und war auch gegenüber Nichtjuden ein toleranter Geist. Er war, wie z.B. Konfuzius, ein Begründer der transreligiös findbaren goldenen Regel. Sie lautet: "Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie Dir tun". Die goldene Regel fand später in Kants kategorischem Imperativ als ethisches Fundamentalprinzip eine modernisierte Neuauflage: "Handle so, dass..."

Die Besucher

Wen trifft man in der "Synagoge der Atheisten"?
Man trifft auf einen grossen Teil der heutigen europäischen Gesellschaft.

Es gibt die Gruppe der Enttäuschten. Durch traumatisierende Erfahrungen können Menschen veranlasst sein, den Glauben an einen gerechten Gott zu verlassen.

Im weiteren sehen wir die inzwischen eher kleiner werdende Gruppe der so genannten Rationalisten. Unter ihnen waren viele Wissenschaftler und Ärzte. Sie glauben anstatt an Gott an das eigene Wissen, an das Wissbare. Heute sind sie eher stiller geworden. Der Positivismus und Materilismus haben den Hunger nicht ganz gestillt, deshalb suchen sie vielleicht Zuflucht in der Synagoge der Atheisten.

Eine weitere riesige Gruppe in Osteuropa sind die Geprellten. In der kommunistischen Ära wurden, wie erwähnt, sämtliche Glaubensrichtungen durch den staatlichen Machtapparat brutal verfolgt und verboten. Verständlicherweise fühlen sich diese Menschen als die Geprellten, sie sind nicht freiwillig religiös ungebunden.

Es bleibt noch die Gruppe der Unentschiedenen. Vielleicht liessen sie sich besser unter der Bezeichnung der Agnostiker einordnen. Nicht zuletzt aus Überdruss bezüglich der jahrtausendalten Spannungen und Verfolgungen zwischen den Verfechtern einzelner Religionen hat sich diese letzt erwähnte Gruppe herangebildet. Es sind ruhige Menschen, die dogmatisch nicht festgelegt sind. Sie bauen Verbindungen zwischen den Vertretern verschiedener Weltanschauungen.

Nicht erwähnt wurde die grosse Masse der religiös Indifferenten: Menschen, die kein Bedürfnis haben, sich in religiöser Hinsicht zu definieren.

Was wir eigentlich alle aus der Alltagserfahrung wissen, bestätigt der Religionsphilosoph H. Küng bezüglich den religiös Ungebundenen:

"Es lässt sich empirisch nicht bestreiten, dass nichtreligiöse Menschen faktisch auch ohne Religion über eine ethische Grundorientierung verfügen und ein moralisches Leben führen, ja, dass es in der Geschichte nicht selten religiös Nichtgläubige waren, die einen neuen Sinn für Menschenwürde vorgelebt und sich oft mehr als religiös Gebundene für Mündigkeit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und die übrigen Menschenrechte eingesetzt haben. Es lässt sich anthropologisch nicht leugnen, dass viele nichtreligiöse Menschen auch grundsätzlich Ziele und Prioritäten, Werte und Normen, Ideale und Modelle, Kriterien für Wahr und Falsch entwickelt haben und besitzen."

III. Das Verhältnis von Religion und Ethik

Das Verhältnis innerhalb des Individuums

Ein weiterer grosser Teil der Gesellschaft betrachtet sich nur bedingt als religiös gebunden. Das individuelle Verhältnis zu Religion mag ganz unterschiedlich sein. Womit ist der religiös Gebundene verbunden?

Jede Religion kann beispielsweise hinsichtlich folgender Dimensionen betrachtet werden:

  1. eine historisch-legendäre Dimension
    (z.B. die Geschichte vom auserwählten Volk )

  2. eine moralisch-dogmatische Dimension
    (z.B. die Halacha oder der christliche Moralkodex)

  3. eine innen- und aussenpolitische Dimension
    (Gerade in orientalischen Kulturen hat die Religion immer noch eine starke politische Gestaltungskraft. Aber auch z.B. die Kirchen und der Vatikan haben ein bestimmtes politisches Gewicht bewahrt.)

  4. eine kulturell-gesellschaftliche Dimension
    (Hieraus sind viele kulturelle Schätze der Menschheit entstanden, man denke an die Erzeugnisse der Kunst, der Architektur, der Musik, an den Festtagskalender, Wohlfahrtseinrichtungen etc.)

  5. eine mystisch-spirituelle Dimension
    (Sie findet vermehrt auf der persönlichen Ebene statt. Trotz einer Vielfalt von Erscheinungsformen zeigen sich hierin zwischen den Religionen gewisse Ähnlichkeiten.)

Der individuelle Bezug zu diesen fünf Dimensionen kann ganz unterschiedlich sein. Beispielsweise mag eine Person bezüglich historisch-legendärem oder moralisch-dogmatischem Hintergrund ihrer Religion Vorbehalte haben, die offizielle institutionell-politische Dimension ihrer Glaubensrichtung sogar verabscheuen, gleichzeitig wesensmässig Zugang haben zur mystisch- spirituellen Dimension gleich mehrerer Religionen.

Aber auch der individuelle Gebundenheitsgrad sagt nicht viel über die ethische Kompetenz aus. Einzig eine machtbetonte Fixierung auf die dritte Dimension mag indessen sogar eher ungünstig sein. Wird durch eine religiöse Zugehörigkeit die moralische Ausrichtung eines Individuums allenfalls erahnbar, ist sie dennoch für das ethische Verhalten im Alltag nicht alleine entscheidend: Psychische Faktoren wie Ich-Stärke, Einfühlungsfähigkeit, Egoismus etc sind oftmals entscheidendere Einflussgrössen.
Die meist lokalgesellschaftlich/familiär mitgegebene Schablone der religiösen Zugehörigkeit verblast vor den Tatsachen der individuellen charakterlichen Voraussetzungen. Es ist eine Binsenwahrheit, dass innerhalb jeder Religion "gute" und "schlechte" Menschen vorkommen.

Die Grenzlinie zwischen "Ethik" und "Unethik" verläuft also nicht als Trennlinie zwischen den Religionsgebundeneren und den Religionsungebundeneren, sondern geht letztlich als markante Linie quer durch jedes Individuum, welches je nach Situation gewisse Werthaltungen halten kann oder sie verliert.

Das Verhältnis in historischer Hinsicht

Dass die Begriffe Religion und Ethik dennoch unbestritten nahe beieinander liegen, ist nicht nur inhaltlich sondern auch historisch begründet.

Die Kirche im Abendland war zweifellos seit jeher eine wichtige Wertequelle bezüglich ethischer Werthaltungen. In vielen historischen Gesellschaften war die Religion einzige Hüterin und Trägerin der Ethik der Gesellschaft.

In Europa traten seit der Trennung von Kirche und Staat jedoch zunehmend säkulare Instanzen als Repräsentanten und Schutzorgane der Ethik auf. Man vergesse nicht, dass z.B. die Konzeption der Menschenrechte die säkulare Antwort des damaligen Europas war, als es die politischen Folgen der Konfessionsspaltung überwinden musste (J.Habermas).

Das Verhältnis in Gegenwart und Zukunft

Wie sieht das Gefüge der ethischen Schauplätze heute aus?

Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung der "Säkularisierung der Ethik" in Zukunft noch weiter geht. Es ist richtig, dass sich ethisches Bewusstsein zunehmend ausbreitet von den Kirchen zum Staat, zu Wirtschaft und Wissenschaft - und sich dabei wandelt und weiterentwickelt.

Wissenschaft und Wirtschaft kommen immer mehr moralische Eigenverantwortung zu. Im Rahmen ihrer zunehmend übernationalen Konstituierung entziehen sie sich der früheren Kontrollierbarkeit durch Staats- oder Kirchenmeinung. Hans Ruh spricht von der ethischen Selbstverantwortlichkeit der Wirtschaft.
Die gesellschaftlichen Träger der sich globalisierenden Wirtschaft und Wissenschaft verfügen nicht mehr über einen gemeinsamen soziokulturellen Hintergrund. Es besteht auch eine Heterogenität der Beteiligten bezüglich kulturellem und religiösem Verständnis.

Auch was den zeitgemässen ethischen Diskurs der Medizin anbelangt, kann nicht mehr von einem gemeinsamen religiösen Hintergrund ausgegangen werden, je umfassender oder globaler man den Diskussionsrahmen wählt gerade desto weniger.

Auf welcher Ebene soll denn der interkulturelle ethische Diskurs weiter gehen, wenn einerseits zunehmend säkularen Bereichen ein ethisches Verantwortungspotential zukommt und andererseits nicht von einem gemeinsamen religiösen Hintergrund ausgegangen werden kann?

IV Philosophische Ethik

Ein pragmatisches Verständnis

Bei fehlender Kongruenz bezüglich des religiös-weltanschaulichen Hintergrunds anerbietet sich die Weiterentwicklung des ethischen Diskurses auf einer philosophischen Ebene.
Eine "global taugliche" Ethik sollte ungehindert sowohl Andersgläubige wie auch nichtreligiösgebundene Menschen erreichen. Diesen Anspruch kann aber die theologische Ethik nur umständlich erfüllen, weil sie ein Paradigma voraussetzt, dass nicht von allen Diskussionspartnern geteilt werden kann. Gesellschaften, welche bereits mehr Erfahrung haben bezüglich Multikulturalität, haben daher die philosophische Ethik als Konsensebene der ethischen Diskussion erkannt. Die stark von philisophisch-ethischen Grundsätzen geprägte Medizinethik von T. L. Beauchamp und J. F. Childress trägt beispielsweise dieser Herausforderung in solider Form Rechnung.

Auch von Seiten der theologischen Ethik wurde im interreligiösen Dialog versucht, dem Globalitätsanspruch gerechter zu werden. Dieser Dialog brachte zwar die fruchtbare Erkenntnis vieler Gemeinsamkeiten, so z. B. die allgemeine Akzeptanz der transreligiös vorkommenden "goldenen Regel". Weiter wurden beispielsweise im Rahmen des Parlaments der Weltreligionen 1993 in Chigaco die "vier unverrückbaren Wahrheiten" als gemeinsame ethisch-religiöse Basis definiert. Doch damit blieb der Dialog irgendwie stecken, indirekt hat man mit den Gemeinsamkeiten auch das Ungemeinsame definiert. Ein weiteres "Zusammenrücken" wäre mit Identitätsabstrichen verbunden. Möglicherweise wäre selbst für die Weiterführung des interreligiösen Dialogs die philosophische Ethik längerfristig eine gangbare Konsensebene.

Es wäre aber ein Fehlschluss zu meinen, die theologischen Ethiken wären im interkulturellen Gespräch überflüssig. In einer weiter gefassten Definition können die Religionsethiken auch als Teilgebiete der philosophische Ethik verstanden werden.
Selbstverständlich werden bei diesem weitgefassten Verständnis indessen auch keine einzelnen, bestimmten philosophischen Ethikschulen favorisiert. Je nach konkretem Problem können im interkulturellen Diskurs z.B. Argumente der kantianischen, utilitarischen, empirischen Ethik oder irgendwelche anderen Argumente den Vorzug haben.

Vorteile

Zusammenfassend nochmals die wichtigsten Vorteile eines Diskussionsrahmens auf einer philosophischen Ebene:

  • Keine Ausgrenzung
    Ermöglicht auch Integrierbarkeit religionsunabhängiger Weltanschauungen. Erschliesst den Diskussionszugang auch für Menschen mit Ablehnung oder Skepsis gegenüber religiösen Institutionen.

  • Bessere Erreichbarkeit von säkularen Instanzen
    wie z.B. politische Instanzen, Wirtschaft, Schule und Wissenschaft

  • Neutraler Rahmen
    Vorwürfe wie z.B. jene kürzlich von Bassam Tibi, das Weltethos von Hans Küng sei allzu katholisch gefärbt, fänden eine neuen Orientierungspunkt.
    Mit der philosophischen Diskussionsebene käme es selbst im interreligiösen Diskurs automatisch zu einer Erübrigung des stets latenten Konkurrenzaspektes oder der Angst, etwas von sich aufgeben zu müssen. Jede Religion kann bleiben, was sie ist. Man trifft sich auf einer neuen neutralen Verhandlungsebene.

Wichtige Voraussetzungen

Bedingungen für einen fruchtbaren philosophisch-ethischen Diskurs sind folgende:

  • Erkennen der Notwendigkeit
    eines interkulturellen ethischen Dialogs
    (Bsp. Kriegsprävention, globale Umweltprobleme, HIV-Epidemie etc)

  • Fähigkeit der Transkribtion
    Um auf der philosophischen Ebene verhandeln zu können, ist es erleichternd, theonome oder ideologische Begründungen in dahinter stehende empirisch bewährte Werthaltungen übersetzen zu können.
    Die wichtige übergreifende Währung (quasi der "Euro") wären also in der jeweiligen Gesellschaft sich bewährende Werthaltungen, nicht der mühsam kompromisshaft gesuchte "grösste gemeinsame Teiler" zwischen den Geboten der einzelnen Glaubensbekenntnissen oder Ideologien.

  • Orientierung hinsichtlich finaler Argumentation
    Orientierung am Resultat der praktizierten Ethik, kein Klebenbleiben an deontologischer Begründerei gefangen im eigenen Sittenkodex. In unserer Zeit käme wohl immer mehr die teleologische Ethikperspektive zum Zug.

  • Raum für Idividualisierung
    Der Raum für Individualisierung sollte gemäss lokal-kulturellen Bedingungen erhalten bleiben. Dies fordert die Fähigkeit der Akzeptanz für Andersartigkeit und damit auch eine Loslösung von geheimen Hegemonieansprüchen. Was man umgekehrt gewährt bekommt, ist das eigene Selbstbewahrungsrecht.
    Die philosophische Ethik ist also nicht ein "ideologischer Ersatz" weil man keine Einheitsreligion finden wird, sondern lediglich das diplomatische Parkett für eine diskursive Ethik unserer pluralistischen Gesellschaft.

  • Raum für Imponderabilien (Unwägbarkeiten)
    Ein Vorteil der theologischen Ethik ist, dass sie aufgrund ihrer Transzendenzperspektive einen Raum für Imponderablilien/Unwägbarkeiten vorsieht. Diese Tatsache des Nichtwissbaren sollte bei der Integration der theologischen Ethik in den interkulturellen Diskurs nicht verloren gehen. Die Möglichkeit von Imponderabilien sollte stets in die ethische Gesamtbeurteilung einbezogen werden. Dieses Bedingungsargument liegt durchaus auch in der Absicht des Agnostikers.

  • Handlungsfähigkeit
    Die geforderte Ethik sollte pragmatisch und handlungsfähig sein. Nicht umsonst beginnt Kants Kategorischer Imperativ mit den Worten: "Handle so.."
    Sie sollte auch fähig sein, jenen Hilfe zu bieten, welche ausserhalb jedes Diskurses liegen.

Was die Handlungsdringlichkeit anbelangt, soll zum Schluss als Illustration auf ein Beispiel aus dem aktuellen medizinischen Geschehen eingegangen werden: die HIV-Epidemie.
Elie Wiesel hat in Bezug auf den 2. Weltkrieg wiederholt die unbequeme Frage gestellt, wieso man nicht mehr gemacht habe, um den drohenden Tod von Millionen von Mitmenschen abzuwenden. Unter anderem ist auch das Forum "Medizin und Ethik" aus dem Versuch eine Antwort auf diese Frage zu finden, entstanden.
Diese Frage Wiesels richtete sich in erster Linie an unser politisches Gewissen. Dieselbe Frage im Zusammenhang mit der HIV-Epidemie, richtet sich jetzt aber primär an unser wirtschaftsethisches Gewissen.
Gemäss Angaben von UNAIDS ist zur Zeit in der Ukraine, wo übrigens die meisten der gezeigten Bilder herstammen, ein explosionsartiger Anstieg der Anzahl HIV-Infizierter zu beobachten. Nach einer Schätzung von Médecins sans frontières geht man für Russland in diesem Jahr von 800'000 Infizierten aus. Und das ist erst der Anfang.
Solange die Monatskosten für eine antiretrovirale Behandlung das 80fache eines ukrainischen Monatsgehaltes übersteigen, werden präventive Massnahmen das einzige machbare sein. Das globale Preis-Gleichheitsprinzip bei den antiretroviralen Medikamenten fordert so in den wirtschaftlich schwächeren Ländern - nicht nur in Afrika - massenweise Tote. Unzweifelhaft ist es ein enormer Verdienst, dass die Pharmaindustrie die Entwicklung der antiretroviralen Medikamente vorangetrieben hat. In der Realisierung einer Preissenkung käme der pharmazeutischen Industrie nun zusätzlich eine enorme ethische Verantwortung zu.
Diese ethische Eigenverantwortlichkeit wahrzunehmen ist die Wirtschaft und Wissenschaft bislang noch nicht gewohnt. Nur mit dem Instrumentarium der philosophischen Ethik wären diese absolut säkularen, übernationalen, globalen Konzerne ansprechbar.
Es wäre wünschenswert, dass mit der Entwicklung eines philosophischen, medizinisch-ethischen Instrumentariums unser Forum, das Symposium für Medizin und Ethik, ebenfalls an Handlungskompetenz gewinnt.

V. Abschlussbemerkungen

Modellcharakter der Metapher

Der Beitrag der religiös Ungebundenen am interkulturellen Diskurs liegt in der Betonung einer weitgefassten, pragmatischen philosophischen Ethik. Sie ist die gemeinsame Diskussionsbasis zu der Angehörige verschiedener Religionen wie auch Nichtgläubige Zugang haben.

Das Paradoxon der "Synagoge der Atheisten" mag als Metapher gelten für die Offenheit des ethischen Diskurses. Als "diviner Versammlungsort" zeugt sie für hohe moralische Verpflichtung. Andererseits soll sie mit der Betonung auf "Nicht- Gläubigkeit" ein Ort sein, wo die trennenden Grenzen der einzelnen Glaubensvorstellungen hinter sich gelassen werden. Damit steigen die Chancen, dass im Dialog auch der säkulare, moderne Globus erreichbar wird.

Angesichts der globalethischen Probleme ist eine Zusammenarbeit zwischen den Gläubigen und den religiös Ungebundenen notwendig.
Möglicherweise wäre das Konzept der "Synagoge der Atheisten" eine passende Werkstatt dazu.

Literaturhinweise und Quellen:

  • Sinagogi din Romania, Streja A und Schwarz L, Editura Hasefer Bucuresti
    (ISBN 973-9235-03-4)

  • Das Schwarzbuch, Grossmann W, Ehrenburg I Rowohlt
    (ISBN 3-498-01655-5)

  • Alle Flüsse fliessen ins Meer, Wiesel E, btb
    (ISBN 3-442-72113-X)

  • Principles of Biomedical Ethics, Beauchamp T L, Childress J F,
    Oxford University Press (ISBN 0-19-508537-X)

  • Christliche Sozialethik, Anzenbacher A, Schöningh
    (ISBN 3-8252-8155-8)

  • Wissenschaft und Weltethos, Küng H, Kuschel K-J Piper Verlag
    (ISBN 3-492-03910-3)

  • Report of the global HIV/AIDS epidemic, UNAIDS/WHO Geneva 1999

  • The HIV epidemic in eastern Europe: recent patterns and trends and their implications for policy-making, Dehne KL, Khodakevich L, Hamers FF, Schwartländer B, AIDS 1999; 13:741-9

Dr. med. Niklaus Egloff
Lindenfeldweg 28
3400 Burgdorf