Care, not cure -
In Ruhe auf das Sterben vorbereiten

Joseph M. Bonnemain

1. Einführung

Als Priester bin ich Werkzeug und Vermittler einer Heilsbotschaft. So fällt es mir nicht leicht, von einer Pflege und Begleitung zu sprechen, welche im Tiefsten nicht zugleich Heil anbieten und ermöglichen kann. Als Mediziner ist mir aber zugleich klar, dass nicht immer, zu jeder Zeit, allen Heilung garantiert werden kann. So werde ich nun versuchen, die Dialektik, welche in dem mir von den Organisatoren des Symposiums vorgegebenen Titel durchscheint, zu einer Synthese zu führen.

2. Grundlagen

Eine angemessene Begleitung eines Sterbenden ist erst ganzheitlich möglich, wenn alle Begleitenden bzw. Beteiligten sich der eigentlichen Ursache des Todes bewusst sind. Auf diese Frage müssen wir meines Erachtens zuerst kurz eingehen. Die Bibel gibt uns schon ganz am Anfang in ihrer einfachen Sprache Kunde davon. Im 2. Kapitel der "Genesis" lesen wir:

"Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte. Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben" (1).

Im ursprünglichen Zustand des Universums herrschte Vertrauen: das Vertrauen des Menschen in Gott. Dieses Vertrauen war die Erwiderung des Menschen auf das ihm von Gott zuerst geschenkte Vertrauen. Gott hatte dem Menschen existentiell sein Ebenbild anvertraut. Er hatte ihm darüber hinaus die gesamte Schöpfung anvertraut. Das Vertrauen des Menschen in Gott ermöglichte dem Menschen anfänglich eine unsterbliche, restlos glückliche Existenz. Solange der Mensch vertrauensvoll glaubte, dass die Ratschläge Gottes sein Leben ermöglichten, konnte er leben, glücklich leben. Der Mensch nahm an: Gott weiss, was gut und böse für mich ist, er weiss es besser als ich. Ich kann diese Kenntnis von ihm übernehmen, ohne sie selber erzeugen zu wollen. Die Quelle des Lebens hiess somit Vertrauen des Geschaffenen in Gott (2). Mit der Frucht des Baumes hat der Mensch nichts anderes gegessen, als sein Vertrauen in Gott. Sobald dieses ursprüngliche Vertrauen aufgegessen, also verbraucht war, und Gott misstraut wurde, begann der Tod. Ohne dieses unbeschränkte Vertrauen musste der Mensch nunmehr alle seine Gewissheiten von sich selbst aus zu begründen versuchen. Er musste sich selber die Quelle der Sicherheit sein. Er musste auf sich selber bauen. Als geschaffenes Wesen kann der Mensch dies aber nur in begrenzter Weise tun. Er kann sich selbst nur begrenzt, mühsam, befristet, Leben schenken. Als grundsätzlich sterblich begann der Mensch ein Sterblicher zu sein. Das unbeschränkte Heil wurde in eine prekäre Heilung umgetauscht. Der Tod steht deshalb in enger und kausaler Verbindung mit dem Misstrauen des Menschen Gott gegenüber (3).

Eine weitere Frage grundsätzlicher Natur sollten wir noch, mindestens ansatzweise, erörtern. Wenn man von Sterbebegleitung und Sterbehilfe spricht, sollte hier die Frage erlaubt sein, warum der Sterbende der Begleitung und Hilfe, der Pflege und Zuwendung würdig ist. Womit verdient er sie? Diese Frage konfrontiert uns mit einer weiteren: Warum verdient der Mensch Hilfe, warum darf er im Leben überhaupt Hilfe von anderen beanspruchen?

Vorher haben wir die Antwort der Bibel auf diese Frage kurz gestreift: Der Mensch wurde als Abbild Gottes geschaffen. Diesen innerhalb des Universums einmaligen Charakter verlor der Mensch selbst nach seinem Misstrauensvotum gegen Gott nicht. Jeder Mensch ist eine Person, d.h. er ist in seiner unwiederholbaren Einmaligkeit als solcher von Gott gewollt, angenommen und geliebt. Er kann auf die ganze Aufmerksamkeit und Zuneigung Gottes zählen unabhängig von Alter, Rasse, Sprache, Religion, Intelligenz, Vermögen, Kraft und Gesundheitszustand. Er bleibt immer liebenswert wegen dem, was er ist: Mensch! (4) . Ausschlaggebend ist hier eine ontologische - metaphysische - und nicht eine technologische, pragmatische, funktionelle oder positivistische Betrachtungsweise. Die Art und Weise einen Menschen zu betrachten, die Art und Weise ihm zu helfen, ihm im Sterben zu helfen, hängt von dieser wesentlichen Tatsache ab: In jedem Augenblick seines Lebens ist der Mensch Mensch; im ersten Augenblick seiner Zeugung und im letzten Augenblick seines Hinscheidens; immer ist Gott sogar um jedes einzelne seiner Haare besorgt (5). Immer bleibt er Träger einer unantastbaren Würde. Jede Sekunde seiner Existenz hat einen echten Sinn. Niemals darf man annehmen, dass etwas Menschliches sinnlos geworden ist. Von einem Menschen verrichtet, ist die Arbeit wertvoll und sinnvoll. Von einem Menschen gesagt, ist jedes Wort ernst zu nehmen. Vom Menschen erlebt, ist jedes Leiden kostbar. Der Mensch transzendiert die eigene Begrenztheit und so darf niemand, auch nicht er selber, über seine geschaffene Begrenztheit absolut verfügen. Einem Menschen helfen heisst nicht zuletzt ihm zu ermöglichen, genau zu wissen, was er auf Erden tut, was er ist, wer er ist, welchen Sinn seine Existenz hat. Jene globale medizinische Ethik, die wir uns erhoffen, setzt diese Sicht des Menschen voraus. Sie kann freilich unabhängig von Nationalität, Kultur oder Religion erreicht werden, nicht aber unabhängig von einer gemeinsamen Überzeugung über die Transzendenz des Menschen (6) .

3. Das ursprüngliche Vertrauen

Die verschiedenen therapeutischen Massnahmen, die besten pflegerischen Bemühungen und alle palliativen Behandlungen, welche zur Verfügung stehen und welche wir den Sterbenden anbieten können, sind in ihrer Wirksamkeit begrenzt. Am Schluss hat der Tod das letzte Wort. Wenn aber der Sterbende entdeckt, das er kein Sterbender ist, dass der Tod keine letzte Macht ist, sondern nur ein entmachteter Vorgang, ein erhellter Durchgang, dann kann der Mensch in Ruhe heimgehen. Gerade dies ist also erforderlich: das ursprüngliche Vertrauen, dass wir für ein Zuhause ohne Ende gewollt wurden und geliebt werden. Dürfen wir von Therapie und Pflege im vollen Sinn sprechen, kann irgend eine Therapie oder die technisch gesehen gekonnteste Pflege wirklich lindern, wenn der Patient sich vor dem Tod weiter fürchtet? Versuchen wir eine sachliche Analyse. Die üblichen so genannten Heilmittel und die verschiedenen palliativen Bemühungen, ja vieles von dem, was uns die Schul- aber auch die Alternativmedizin sowie die moderne Pflegekunst zur Verfügung stellt, bringt den Kranken dem befürchteten Tod näher, falls die Mittel oder Bemühungen nicht die richtigen sind. Aber auch wenn diese Mittel naturwissenschaftlich gesehen wirklich geeignet sind - was sicherlich in der Mehrheit der Fälle zutrifft - tritt lediglich eine Verschiebung der Konfrontation mit dem Tod ein: eine Verschiebung um Tage, Wochen, Monate oder Jahre. Die Linderung der Schmerzen und Beschwerden ermöglicht in anderen Fällen dem Terminalkranken, sich mit mehr Aufmerksamkeit und wacherer Haltung der Frage des Todes zu stellen. Durch die Heilung einer Krankheit hat man - so betrachtet - nur die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die nächste Krankheit ausbrechen kann. Die Leiden kann man nicht aus der Welt schaffen. Jedes überwundene Leiden bestätigt uns in der Erfahrung, dass wir nochmals leiden werden. Wenn wir nicht ein Siegeslicht hinter dem Leiden und dem Tod erahnen können, muss man sich fragen, was das ganze therapeutische und pflegerische Arsenal eigentlich nützt. Das Leben könnte man als eine lange Agonie auffassen. Wozu dann die Agonie verlängern? Ohne die Einsicht in die Transzendenz des Menschen sind pessimistische Auffassungen über das Leben und das beständige Auftauchen von Themen wie Suizid, Euthanasie oder im Labor genmanipuliertes, bzw. vorprogrammiertes Leben nur zu verständlich. Nur die gewonnene Einsicht, dass der so gennante Tod Übergang ist, dass er uns das Ankommen bei dem ermöglicht, der auf uns immer schon gewartet hat (7), kann im Tode heilen, befreien, wirklich helfen. Wenn wir hier von einer gewonnenen Einsicht sprechen, müssen wir sogleich ergänzen, dass diese Perspektive zugleich eine geschenkte ist. Das Vertrauen wurde am Anfang der Geschichte dem Menschen geschenkt. Wenn er dann im Sterben mit Hilfe einer angemessenen Betreuung dieses ursprüngliche Vertrauen wieder gewinnt, handelt es sich um ein Sich-wieder-bewusst-werden eines existentiellen Urgeschenks.

Gerne möchte ich hier auf einen paradigmatischen Fall wiedergewonnenen Vertrauens im Sterben hinweisen (8). Als Christus am Kreuz hing, schrie einer der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde: "Hilf uns!" Selbst wenn Christus diesen Menschen vom nahen Tod befreit hätte, wäre dieser in seiner Angst vor dem Tod verblieben. Der andere Verbrecher reagierte ganz anders. Der von der Tradition immer als "guter Räuber" Bezeichnete war zur Annahme bereit: "Uns geschieht es recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten". Und er bat um eine Erinnerung, welche von Jenseits des Todes kommen sollte. Das radikale, vertrauensvolle Sich-Anvertrauen öffnete ihm im Tode das Paradies.

Die Pflege und Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden hat viele Aspekte. Die Aufmerksamkeit der Beteiligten wird von den verschiedensten Erfordernissen in Anspruch genommen. Die Betreuenden und Pflegenden sind in mehrfacher Hinsicht gefordert. Und dennoch sollten sie nicht die wichtige Frage vernachlässigen oder verdrängen: Wie steht es mit dem Urvertrauen (9) bei diesem konkreten Menschen? Die tiefste Wunde, die tiefstgreifende Krankheit im Innern des Menschen hat mit dem Urmisstrauen eng zu tun. Ich möchte es hier nochmals unterstreichen. Der Tod stellt einen Kristallisationspunkt dieser Realität dar. Wir helfen dem Sterbenden wirklich, wenn wir ihm helfen, sein Vertrauen zurückzugewinnen, falls er es vorher noch nicht gefunden hatte. Diese Hilfeleistung muss zweifelsohne individuell geschehen. Die Schmerzbekämpfung beispielsweise muss diese Frage taktvoll berücksichtigen. Die Schmerzen können sowohl das Vertrauen in Frage stellen wie auch die endgültige Beheimatung jenseits aller Schmerzen ersehnen lassen. Eine bewusste Annahme von Beschwerden kann unter Umständen helfen, die Last begangener Fehler, die immer noch das Gewissen belasten, endlich loszuwerden. Andere Male ist die gekonnte Schmerzlinderung entscheidend für die innerliche, seelische Entspannung (10). Wie sehr ist die Haltung der Angehörigen oft massgebend für ein befreiendes Sich-Überlassen-Können! Wenn ein Sterbender erlebt, dass hängige Streitpunkte, nachgetragene Verletzungen, offene Schulden oder misslungene Entscheidungen einen versöhnten Ausgang finden, kann er viel leichter sein Vertrauen wiedergewinnen. Unter anderem auch vor dem Hintergrund solcher Zusammenhänge sollen lebensverlängernde Massnahmen abgewogen werden. Einzelne Patienten benötigen einen langen Prozess, bei dem die körperlichen und geistigen Fähigkeiten abnehmen, bei dem die Kräfte immer weniger werden, während dem die Selbstautonomie fortschreitend kleiner und das Angewiesensein auf Hilfe grösser wird, um - wie man sagt - loszulassen. Andere Patienten hingegen bitten Gott bereits im Vertrauen, dass ihnen dieser lange Weg erspart bleibe. Ich möchte damit deutlich machen, wie wenig tabellisierte Kriterien, programmatische Richtlinien einer Klinik oder Abteilung, Checklisten oder Ähnliches mehr wahre Entscheidungshilfen sein können. Der einzelne Mensch, der durch das Leiden und den Tod sich unterwegs zum Jenseits befindet, und das, was er wirklich ist, bleiben massgebend für die einzelnen konkreten Massnahmen und Entscheidungen.

4. Weder Therapieverbissenheit noch Euthanasie

Im ersten Jahrhundert des Christentums lebte und wirkte in Antiochia der Bischof Ignatius. Während einer Christenverfolgung wurde er festgenommen und nach Rom gebracht, um im Zirkus den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Unterwegs schrieb er Briefe an verschiedene Gemeinden. Den Gläubigen, die ihn vor dem sicheren Tod retten wollten, schrieb er den berühmten Satz: "Hindert mich nicht zu leben, indem ihr mich zu sterben hindert" (11). Dieser Satz gibt so kurz und so prägnant wie möglich jenes Vertrauen angesichts des Todes wieder, von dem wir hier heute sprechen. Diese Formulierung kann auch uns eine Hilfe sein, um die Möglichkeiten zu beurteilen, welche heute der an sich positive wissenschaftliche Fortschritt eröffnet. Die modernen Behandlungsmöglichkeiten "hindern" manchmal daran, wirklich "zu leben", indem sie "das Sterben hindern". Die künstliche Aufrechterhaltung des Lebens bedeutet in gewissen Fällen eine unangebrachte Hinderung des natürlichen Sterbens. Wir sind sicherlich alle davon überzeugt, dass die Therapieverbissenheit, welche von den Italienern sehr bildhaft als "acannimento terapeutico" bezeichnet wird, keine geeignete Hilfe für den Terminalkranken darstellt. Aber auch die Euthanasie ist im Grunde ein "Hindern" des Sterbens. Sterben kann man nur allein, sterben kann man nur selber. Diejenigen, welche beim Sterben eines Mitmenschen aktiv eingreifen, "hindern" diesem das Sterben, so paradox dies klingen mag. Der Patient stirbt dann nicht mehr, der höchstpersönliche Vorgang wird verunmöglicht, der Sterbende wird sozusagen gestorben. Sterben im wahren, vollen menschlichen Sinn ist eine unübertragbare Aufgabe, ist ein persönlich erlebter und durchlebter Vorgang. Es ist ein persönlicher Vorgang im Sinne eines erlebten, angenommenen, sich zu eigen gemachten Ereignisses mit all den von Gott in seiner Vorsehung zugelassenen oder gewollten Umständen (12). Durch fremdes Eingreifen - auch durch Selbsteingreifen des Sterbenden - wird das Sterben kein Sterben mehr, sondern Tötung, Beseitigung, Selbstmord, ja letzter Akt des Misstrauens.
Selten findet man einen so widersprüchlichen Begriff wie den des Freitods. Dieser Begriff wird aber nicht selten gerade im Zusammenhang mit gesetzlichen Bestimmungen über Euthanasie gebraucht. Wie kann man von Suizid als Freitod sprechen? Hat jemand je einen Menschen erlebt, der gesund, glücklich, zufrieden, entspannt, seelisch ausgeglichen war, und der sich dennoch das Leben genommen hat? Niemals! Der Suizid ist immer die Folge einer unglücklichen Verkettung von verschiedenen Zwängen. Wenn rechtzeitig Hilfe geleistet wird, um diese Zwänge zu lösen, erhält der Mensch wieder die Freiheit, das Leben zu bejahen und anzunehmen (13). In allen Umständen braucht der Mensch Lebenshilfe und vor allem im Sterben. Er muss entdecken können, dass im wahren Sterben das Leben pulsiert. Wahrscheinlich ist Ihnen aufgefallen, dass hier der Begriff Euthanasie gebraucht wurde, ohne dass zwischen aktiver und passiver Euthanasie unterschieden worden wäre. Abgesehen davon, dass die Grenzen hier auch in Zukunft fliessend bleiben werden, habe ich die Unterscheidung absichtlich unterlassen, weil ich der Idee der Euthanasie nie etwas abgewinnen konnte (14) . Dürfen wir überhaupt von Sterbehilfe, von Hilfe im Sterben sprechen? Sterbehilfe, helfen dabei, wenn das Sterben einfach Sterben, ja unüberwundenes Misstrauen bleibt, ist immer eine traurige Kapitulation, etwas schlussendlich wohl Zerstörerisches. Nur der kann ruhig sterben, der im Sterben das Leben entdeckt. Der Mensch braucht auch in seiner Sterbestunde Lebenshilfe. Er erwartet" bewusst oder unbewusst, dass man ihm hilft, zu spüren und zu wissen, dass er bald ein Ankommen erleben wird, dass die Beengung des Übergangs bald aufhören wird, dass der ewig Gute, Gott, auf ihn wartet (15). Wie können wir im Tode zum Leben helfen? Diese Frage bleibt der Massstab für eine angemessene Begleitung eines Sterbenden. Es handelt sich immer um eine Lebensbotschaft. Nur Lebenshilfe kann helfen. So betrachtet kann ich mich mit dem Titel des Referates versöhnen: Das Heil, die wahre Heilung, die Grundheilung des Menschen kann im Tode entstehen und entdeckt werden.

5. Im Dialog mit dem Transzendenten schlechthin

Ist der Pflegende angesichts einer solchen Aufgabe nicht überfordert? Dies hängt zum guten Teil vom eigenen Vertrauen ab. Die Zurückeroberung des ursprünglichen Vertrauens geschieht meistens nicht plötzlich. Es ist die Aufgabe eines ganzen Lebens. Derjenige aber, der sich ehrlich bemüht, der tagtäglich um dieses Vertrauen ringt, ist ausreichend vorbereitet, dieses Vertrauen glaubhaft zu vermitteln. Es kann nicht in Kursen oder aus Büchern erlernt werden; es handelt sich nicht um eine Pflege-Technik. Wenn man nicht sich selber die Frage nach der Transzendenz des Menschen stellt, ist es besser auf die Betreuung und Pflege von Terminalkranken und Leidenden zu verzichten. Nicht die Psychologie an erster Stelle, sondern ein echter Dialog mit dem Transzendenten schlechthin befähigt zu einer angemessenen Seelsorge. Selten wie heute sind Betende nötig (16). Nicht selten ist es dieser betende Pflegende, der gerade von leidenden Sterbenden eine deutlicherere Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens erhält. Auch hier geschieht nicht selten Lebenshilfe, und zwar in die andere Richtung. Der Sterbende hilft dem Betreuenden weiter zu leben, kann diesem einen Teil des von ihm neu entdeckten Vertrauens vermitteln. Aus Überzeugung und Erfahrung pflege ich zu sagen, dass ein Krankenhaus eine privilegierte Lebensschule ist. Wir sollten aber nicht auf Krankheiten warten, um uns diesen gegenseitigen Dienst zu leisten. Die beste langfristige Vorbereitung für den kommenden Tod besteht darin, unterwegs im Leben das ursprüngliche Vertrauen in Gott einwandfrei und vorbehaltlos zu gewinnen.

6. Der "Biotod"

Heutzutage werden die biologisch angebauten und gewonnenen Produkte sehr geschätzt und gepriesen. Die Bezeichnung "Bio" sollte uns garantieren, dass die Produkte naturgemäss, ohne künstliche Zutaten und Manipulierungen entstanden sind. Könnten wir nicht von einem "Biotod" sprechen? Damit meine ich eine Art des Todes, welcher die Natur des Menschen voll und ganz respektiert: seinen Ursprung und seine Endbestimmung. Wenn Begleiter, Pflegende, Mediziner und Therapeuten, Verwandte und Seelsorger sich bemühen, diese Wesensparameter einzuhalten, wenn sie zeugenhaft nicht zuletzt versuchen, das ursprünglich in das Innere des Menschen hineingelegte Vertrauen wiederzuerwecken, dann kann gerade während der Abschiedsstunden eines Menschen ein Klima des Lebens entstehen: Im Tode gedeiht das Leben. Der "Biotod" wird so zu einer Art Biotop, einem Ort des Lebens im Sterben.

7. Schlussbemerkungen

Erlauben Sie mir, dass ich zuletzt, ohne zynisch oder destruktiv werden zu wollen, den Rahmen unserer Thematik kritisch durchleuchte. Von den etwa 160.000 Menschen, welche täglich auf unserem Planeten sterben, passen ziemlich wenige in das Konzept und in die Theorie einer Sterbebegleitung einer Wohlstandgesellschaft, wie wir sie bei uns kennen. Viele Menschen, ja die grosse Mehrheit, müssen in einer nackten, primitiven Art sterben, in der es keinen Platz und keine Möglichkeit für eine durchdachte und spezialisierte Hilfe und Begleitung gibt. Sie sterben durch Hunger, im Krieg, als Folge brutaler Gewalt, aus dem Schoss der eigenen Mutter ausgetrieben, als Opfer von Naturkatastrophen... Viele andere sterben in sehr armen und prekären Umständen. Sollten wir nicht primär unsere besten Energien und Mittel für die Prävention bzw. Beseitigung solcher Umstände und Missstände einsetzen, soweit dies uns überhaupt möglich ist?

Eine Jüdin, Feministin,' Philosophin, Ordensfrau, Mystikerin und Heilige hat mit einigen wenigen Sätzen das Vertrauen, von dem ich zu sprechen versucht habe, meisterhaft beschrieben und existentiell verwirklicht. Ihr Lebensweg endete bestimmt nicht einfach in der Gaskammer von Auschwitz. In Ruhe - um hier den Titel meines Vortrags aufzunehmen - verstand sie es, ihre Ermordung als ewigen Heimgang anzunehmen. So möchte ich nun meinen Beitrag abschliessen mit einem Gebet-Gedicht von Edith Stein (17):

"Laß blind mich, Herr, die Wege gehn,
die Deine sind.
Will Deine Führung nicht verstehn,
bin ja Dein Kind!
Bist Vater der Weisheit, auch Vater mir.
Führest durch Nacht Du auch, führst doch zu Dir.
Herr, laß geschehn, was Du willst,
ich bin bereit!
Auch wenn Du nie'mein Sehnen stillst
in dieser Zeit.
Bist ja Herr der Zeit.
Das Wann ist Dein.
Dein ew'ges Jetzt, einst wird es mein.
Mach alles wahr, wie Du es planst
in Deinem Rat.
Wenn still Du dann zum Opfer mahnst,
hilf auch zur Tat.
Laß übersehn mich ganz
mein kleines Ich,
daß ich mich selber tot,
nur leb' für Dich".


(1) Gen 2,15-17.

 

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(2) Vgl. Katechismus der katholischen Kirche (KKK),Oldenbourg/Benno/Paulusverlag/Veritas

1993, Nr. 374-379, 396-401.

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(3) Vgl. CHRISTOPH SCHÖN13oRN, ALBERT GÖRRES, ROBERT SPAEMANN, Zur

kirchlichen Erbsündenlehre, Johannes Einsiedeln-Freiburg 1991. KKK Nr. 1008.

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(4) Vgl. ROMANO GUARDINI, Welt und Person, Grünewald/Schöningh, Mainz-Paderborn,

1988, S. 109-160.

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(5) Vgl. Mt 10, 30.

 

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(6) Vgl. ROMANO GUARDINI, Das Ende der Neuzeit, Grünewald/Schöningh 1986, "Die

Auflösung des neuzeitlichen Weltbildes und das Kommende". MARTIN RHONHEIMER,Über die Existenz einer spezifisch christlichen Moral des Humanums, in: Communio 23 (1994), S. 360-372.

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(7) Vgl. FRANKNAGER, Der Arzt angesichts Sterben und Tod, in: Ethik in der Medizin, Band

10, Supplement 1, 1998, S. S25. THEOLOGISCH-HISTORISCHENKOMMISSION FÜR DAS HEILIGE JAHR 2000, Gott der barmherzige Vater, Schnell & Steiner, Regensburg 1998.

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(8) Vgl. Lk 23, 39-43

 

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(9) Vgl. BALTHASAR STAEHELIN, Haben und Sein, EVZ-Verlag, Zürich 3. Aufl.

1970, S. 41-63.

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(10) Vgl. KONGREGATION FÜR DIEGLAUBENSLEHRE, Erklärung zur Euthanasie,

Vatikanstadt 1980, 111.

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(11) Vgl. IGNATIUS VONANTIOCHIEN, Brief an die Römer 6, 2.

 

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(12) Vgl. WOLFGANG HAAS,Vereinigung Katholischer Ärzte der Schweiz, Jahrestagung, Chur,

7-8. November 1992.

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(13) Vgl. CÉCILE ERNST, Fakten und Meinungen zum Suizid, Neue Zürcher Zeitung, Nr. 39,

17. Februar 1999, S. 15. KKK Nr. 2280-2283.

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(14) Vgl. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung zur Euthanasie,

Vatikanstadt 1980, I-II. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Evangelium vitae (1995), Nr. 46, 64-67. KKK Nr. 2276-2279.

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(15) Vgl. KKK Nr. 1010- 1014.

 

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(16) Vgl. BALTHASAR STAEHELIN, Vom sakralen Weltverständnis und von der

Jesustherapie, in: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 149 3/1998, S. 129-13 1. KXK Nr. 2697-2745. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Schreiben über einige Aspekte der christlichen Meditation, Vatikanstadt 1989.

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(17) EDITH STEIN, Das Kreuz wie eine Krone tragen, Benziger Verlag, Zürich und Düssseldorf

1997, S.70.

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Dr. med. Dr. jur. can. Joseph M. Bonnemain
Bischöfliches Diözesangericht
Hof 19
CH-7000 Chur