Diakonie und Management

Barbara Fülle

AUSGANGSSITUATION
Mit über 30.000 Einrichtungen unter dem Dachverband des Diakonischen Werkes der EKD und mehr als 400.000 haupt- und nebenberuflich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehört die Diakonie zu den grössten Arbeitgebern in Deutschland. Prägend für das öffentliche Erscheinungsbild sind die stationären bzw. teilstationären Einrichtungen. Zahlreiche Komplexeinrichtungen bieten unter einer rechtlichen Trägerschaft in verschiedenen Bereichen ihre sozialen Dienst an. Kennzeichnend für die Diakonie in Westdeutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders in den 60er bis 80er Jahren, ein regelrechter Bauboom, die Diakonie nahm Teil am "Wirtschaftswunder". Neue Arbeitsgebiete wurden übernommen, die Leiter, zum grössten Teil Pfarrer, avancierten quasi zu Unternehmen. Im Gegenzug reduzierte sich drastisch die Zahl der klassischen Dienstgemeinschaften, z.B. der Diakonissen-Schwesternschaften, so daß man von einem "internen Säkularisierungsschub" sprechen kann. Solange die Gelder aus sozialstaatlicher Quelle sprudelten, wurde dies zwar theologisch und strukturell als Problem erkannt und beklagt, bedeutete jedoch kaum eine Veranlassung zum Handeln. Die Entwicklung der Diakonie in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR war, wegen der politischen und ökonomischen - sozialistischen - Rahmenbedingungen, grundsätzlich anders. Die Entscheidung, in einem Hause der Diakonie zu arbeiten, wurde zumeist sehr bewusst getroffen. Ein späterer Wechsel in eine staatliche Anstellung war nur schwer möglich, wenn nicht - wie bei Leitungsfunktionen - gänzlich ausgeschlossen. Sehr deutlich verschoben sich durch staatliche Einflussnahme die Arbeitsbereiche diakonischer Arbeit in der DDR. Durch politische Vorgaben, besonders in den 50er Jahren, wurde massiv versucht, die Diakonie aus den bildungsrelevanten Bereichen herauszudrängen, so dass sich das Handlungsfeld der konfessionellen Einrichtungen immer mehr auf die Betreuung und Förderung behinderter Kinder und Jugendlicher spezialisierte. Bis 1970 vertrat die DDR-Staatsführung die These, dass allein durch die Wirtschaftspolitik auch die noch (!) vorhandenen sozialen Probleme gelöst werden würden. Erst 1971 wurde die Notwendigkeit einer Sozialpolitik zugestanden und die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" als politisches Programm verkündet. In gewisser Weise bedeutete dies auch die offizielle Anerkennung der Legitimität diakonischer Praxis in der DDR, so daß man seitdem von "konfrontativer Kooperation" sprechen kann. Nach der "Wende" wurde in Ostdeutschland die Expansionsbewegung der Diakonie auch durch die Übernahme ehemals staatlicher Einrichtungen gründlich nachgeholt, so daß man die gegenwärtige Entwicklung innerhalb der Diakonie der Bundesrepublik durchaus als ein gesamtdeutsches Phänomen betrachten kann, mit Parallelen in Europa und auch weltweit.

THEOLOGIE UND ÖKONOMIE
Spätestens seit der Wiedervereinigung sieht sich die Diakonie in Deutschland ernsthaft mit der Frage konfrontiert, wie das Verhältnis von Theologie und Ökonomie zu bestimmen ist. Dies hat ganz vordergründig seine Ursache in der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands, im Rückgang der staatlichen finanziellen Zuwendungen für die Diakonie infolge allgemeiner Rücknahme des Staates. Als Anfang der 80er Jahre in Westdeutschland erste Veröffentlichungen zum Thema "Diakonie und Management" auf den Markt kamen, waren zum Teil sehr entrüstete Reaktionen die Folge. Auch heute noch wird diese Entwicklung von etlichen in der Diakonie tätigen Theologen sehr heftig kritisiert. Im Vortrag soll daher gezeigt werden, wie sich innerhalb der Diakonie das Verhältnis von Theologie, Ökonomie, mit dem diakonischen Auftrag als selbstverständlicher Priorität, entwickeln sollte. Was ist damit gemeint, wenn von Diakonischen Einrichtungen als "Unternehmen" -oder gar "christlichen Unternehmen" gesprochen wird, wie Alfred Jäger/Bielefeld dies favorisiert? Wie kann es gelingen, ökonomische und theologische Aspekte sinnvoll miteinander zu verknüpfen? Zu dieser Thematik werden unterschiedliche Konzeptionen vorgestellt.

PERSPEKTIVEN DER DIAKONIE
Die Diakonische Arbeit in Deutschland läßt sich gegenwärtig noch vielfach von der Möglichkeit staatlicher Finanzierung leiten. Dies kommt im Grunde einer Selbstbeschneidung gleich, da auf vielfältige Möglichkeiten der Erschliessung zusätzlicher Quellen verzichtet wird. Auch ist die Frage dann nicht unberechtigt, worin sich beispielsweise ein Pflegeheim der Diakonie von einer vergleichbaren Einrichtung anderer Träger unterscheidet. Zu fragen ist deshalb nach möglichen Handlungsspielräumen, die es auf dem Wege der Selbstfinanzierung der Diakonie ermöglichen können, in Eigenverantwortung sich gerade den notwendigen Aufgaben zuzuwenden, die vom Staat nicht finanziert werden (können).

Barbara Fülle
Vikarin Hasslingerweg 22
D-13409 Berlin