Ethik und Medizin aus islamischer und arabischer Sicht

Adel Chérif

Zusammenfassung. Zunächst wird anhand von drei europäischen Schriftstellern, Ärzten und Historikern und in Form von zusammengesetzten Auszügen eine Zusammenfassung der arabisch-islamischen Medizin während 500 Jahren vorgelegt.

Die Ethik im allgemeinen und dann in der Medizin der Araber im speziellen wird fortfahrend sehr klar dargestellt.

Da im Islam die Wissenschaft sehr gelobt und vorangetrieben wird, ist die schnelle Entwicklung der modernen Medizin - Klonen, Organverpflanzung, Exitus, Sterbehilfe etc. - nicht in Kontradiktion mit der Religion, vorausgesetzt, daß die Einheit Gottes und die Würde seiner Propheten - Moses, Jesus und Mohammed - nicht und die Würde des Menschen selbst nicht erniedrigt wird.


Ethik im allgemeinen, besonders aber im Medizinbereich, ist eine Lebensweisheit. Der erste Mann, der mir den Begriff dieser Ethik erleuchtete, war Prof. Breitner Vorsteher der chirurgischen Fakultät in Innsbruck. Ich traf ihn per Zufall im Speisewagen eines Zuges. Als er vernahm, daß ich arabischer Abstammung war, sagte er mir rührend und bestimmend: "Du mußt Deinem arabischen Volke die Ehre halten. Sie haben uns ein bedeutendes Erbe in der Medizin hinterlassen. Sie haben nicht nur in der Wissenschaft Großes vollbracht, sondern vor allem eine echte Ethik dazu. Morgen 08.00 Uhr will ich Dich in der Vorlesung sehen." Am nächsten Tag saß ich zusammengeschrumpft ganz hinten. Als der Professor mit seinem imposanten Stab den Hörsaal betrat, große Ovation, und mit theatralischer Kopf- und Händebewegung rief er, als er mich entdeckte: "Du Kameltreiber, sofort hier in die erste Reihe kommen!" Und ich, der Kameltreiber, drängte mich zwischen den aufgeheiterten Studenten bis in die erste Reihe. Da saßen aber nur Mädchen, weil Herr Professor dies so wünschte. Er war nicht nur ein hervorragender Chirurg und Redner, sondern auch ein einmaliger Lebenskünstler und Idol der ganzen Stadt Innsbruck.

Nun zur Ethik, die ich in zwei Teile ordnen möchte:

Die allgemeine Ethik werde ich gleich fortlaufend anhand der Zusammenfassung der arabisch-islamischen Medizingeschichte erwähnen.

Die spezielle Ethik (Klonen, Sterbehilfe, Organtransplantation und Schwangerschaftsabbruch) werde ich am Schluß behandeln.

Die allgemeine Ethik

Die arabisch-islamische Medizingeschichte wird nachfolgend in großen Zügen skizziert. Als Grundlage habe ich drei Werke gewählt:

  1. "Médecins arabes anciens" von Prof. Jean-Charles Sournia, ancien président de la societé française et internationale d'histoire de la médicine (ehemaliger Präsident der französischen und internationalen Gesellschaft für Medizingeschichte).
  2. "Ce que la culture doit aux arabes d'Espagne" von Juan Vernet, Prof. de la faculté de Philosophie de l'université de Barcelone (Prof. an der philosophischen Fakultät der Universität Barcelona).
  3. "Allah's Sonne über dem Abendland, unser arabisches Erbe" von Frau Dr. phil. Sigrid Hunke, welche zahlreiche Bücher über Geschichte und Religion verfaßte.

Professor Sournia schreibt unter anderem:

Unter alt arabischer Medizin meint man die Medizinwerke, die in arabisch geschrieben wurden zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert. Dies war in den weit erstreckten Gebieten von Turkistan bis zur atlantischen Küste. Das ist eine beachtliche Tatsache.

Heutzutage bemängeln viele westliche, knapp informierte Ärzte die Rolle der arabischen Medizin, indem sie ihr nur die Rolle des Übersetzers und des Vermittlers der althellenischen Medizin an Europa zusprechen. Das Erbe der Griechen wurde von denen nicht nur übersetzt, sondern weit analysiert und erweitert. Mein Buch bemüht sich, dies zu beweisen.

Er fährt fort: Diese Denkart ist eine Illusion. Denn es ist unvorstellbar, daß dieses Konglomerat von Völkern von Turkistan bis zum Atlantik unter der Flagge des Islams während 500 Jahren Glorie nichts für die Humanität hinterlassen hat. Wenn die europäischen Mathematiker ihre Anerkennung und Schätzung der Schöpfung der Araber der Algebra zugeben, warum sollten die Mediziner heute die große Leistung der Araber ignorieren?

Er schreibt weiter: Der Islam zu Beginn seines Sprunges war offen und tolerant für alle Kulturen der Welt, für alle Sprachen und alle Religionen, solange die Doktrin des einzigen Gottes nicht berührt war, und so haben sie meisterhaft gewußt, wie sie von den Kulturen der Perser, Syrer, Griechen und Ägypter profitieren konnten. Es wurde also nicht nur übersetzt, sondern weiterentwickelt und dann übergeben. Sie schrieben viele Bücher über Grippe, Schlafkrankheit, Meningitis, Spontanpneumothorax, Gicht und Rheuma mit Unterscheidung von beiden.

Al Heitham und Aboulkassis bewiesen sich in Ophthalmologie und brachten darüber Kenntnisse, von denen Gallen gar nichts wußte. Und die Ärzte waren damals sehr gut honoriert (Probleme mit Krankenkassen gab's noch nicht!).

Auf die Reklamation eines Patienten, der teuer seinen Arzt honorieren mußte, antwortete der Kalif Haroun Al Raschid: Das Schicksal meines Reiches hängt von mir ab. Mein Schicksal aber hängt an diesem Arzt. Der Kalif hat schon zu dieser Zeit, also 930 n.Chr. das Studium der Medizin geordnet und reglementiert, also vor über 1000 Jahren. Das ist eine große Leistung.

Nun einige Auszüge von Sigrid Hunke:

Vor 600 Jahren besaß die Medizinische Fakultät in Paris die kleinste Bibliothek der Welt. Sie bestand aus einem Titel, und diese Schrift war das Werk eines Arabers. Es war so kostbar, daß König Ludwig Xl. 12 Mark in Silber und 100 Taler in Gold hinterlassen mußte, als er sich diesen Schatz auslieh, damit seine Leibärzte jederzeit eine Kopie als Nachschlagewerk bei möglichen Attacken auf die allerhöchste Gesundheit zu Rate zu ziehen vermochten.

Wie sehr aber die Pariser ihren Schatz zu würdigen wußten, beweist das Denkmal, das sie dem Andenken seines Autors Ar Rasi (Rasis) im Auditorium maximum ihrer Medizinschule gewidmet hatten. Heute haben die Studenten der Ecole de Médicine täglich sein Bild und das eines anderen Arabers, Avissena, vor Augen, wenn sie sich im großen Hörsaal am Bv. Saint Germain des Prés versammeln.

Ar Rasi pflanzte bei seinen Schülern eine hohe ethische Auffassung des Arztberufes ein und kämpfte gegen alle Scharlatanerie in Schrift und Wort. Er war der Abgott der Armen, die er nach der Heilung mit seinem Geld zu unterstützen pflegte, während er selbst anspruchslos, beinahe dürftig lebte. Wahrhaft eine hohe und edle Ethik.

Ar Rasi sagte: Ein Arzt sollte immer seine Patienten glauben lassen, daß es ihnen besser gehen wird, und ihnen Hoffnung auf Heilung geben, wenn er auch selbst nicht so sicher über den Ausgang ist. Ebenso wie der Körper der Prägekraft des Geistes gehorcht, so soll der Arzt auch den vom Tod schon Gezeichneten ermutigen und ihm neue Lebenskraft verleihen. Das ist auch eine klare Ethik.

Der Auszug eines Briefes, den ein junger Patient seinem Vater aus dem Spital schrieb, gibt uns ein klares Zeugnis für das Niveau der damaligen arabischislamischen Medizin

Lieber Vater!

Du fragst, ob Du mir Geld bringen sollst. Nein. Wenn ich entlassen werde, bekomme ich vom Spital einen neuen Anzug und 5 Goldstücke für die erste Zeit, damit ich nicht sofort wieder arbeiten muß. Ich liege auf der orthopädischen Station neben dem Operationssaal. Wenn Du durch das Hauptportal kommst, bist Du bei der Poliklinik, wohin sie mich nach meinem Sturz gebracht hatten. Ich wurde nach der Untersuchung dort registriert und dem Oberarzt vorgeführt. Ein Wärter trug mich in die Männerstation, machte mir ein Bad und steckte mich in saubere Spitalbekleidung. Der Gang links vom Hof führt zur Frauenstation. Du mußt also rechts halten und an der inneren und chirurgischen Abteilung vorbeigehen...

Wenn Du unterwegs Musik oder Gesang hörst, siehe hinein, vielleicht bin ich dann schon im Aufenthaltsraum für die Genesenden, wo wir Musik und Bücher zu unserer Unterhaltung haben.

Als der Chefarzt heute morgen mit seinen Assistenten und Wärtern auf Visite war und mich untersuchte, diktierte er dem Stationsarzt etwas, was ich nicht verstand. Dieser erklärte mir hinterher, daß ich morgen aufstehen darf und bald entlassen werde. Dabei mag ich gar nicht fort, die Betten sind weich, die Laken aus weisem Damast und die Decken flaumig und fein wie Samt. In jedem Zimmer ist fließendes Wasser und jedes wird geheizt, wenn die kalten Nächte kommen. Fast täglich gibt es Geflügel oder Hammelbraten."

Die Verhältnisse, von denen der Brief spricht, würden wir ohne weiteres unserem 20. Jahrhundert zuschreiben. Das war aber vor mehr als 900 Jahren.

Woher wurde das alles bezahlt? Die Rechnung wurde aus dem staatlichen Grundbesitz beglichen, mit dem die Krankenhäuser bei ihrer Gründung reich versehen wurden.

Zur Einweihung des Mansouri-Spitals in Kairo Ende des 10. Jahrhunderts, sagte der Sultan Al Mansour, dieses habe er gestiftet für seinesgleichen und Geringere. Ich habe es bestimmt für die Herrschaft und die Diener, die Soldaten und den Emir, die Großen und die Kleinen, die Männer und die Frauen. Dies ist auch eine hohe Ethik.

Weiter in die Ethik hinein: Im Jahre 931 hatte der Kalif Al Moktadir erfahren, es sei durch einen Bagdader Arzt ein Kunstfehler passiert, welcher den Tod des Patienten zur Folge hatte. Er befahl, daß hinfort alle Ärzte geprüft und durch einen Praktizierschein approbiert werden sollten. Er setzte eine Ärztekammer ein, welche die Aufgabe dieser Prüfung hatte.

200 Jahre später, also im 12. Jahrhundert, war Ibn Al Thalmith Vorsteher der Ärzte in Bagdad, und ihm passierte bei seinen Prüfungen folgende köstliche Geschichte, die den Gipfel der Ethik bezeichnen soll-.

Unter denen, die sich zur Prüfung einfanden, war auch ein weißhaariger, würdiger, alter Scheich, der nur geringe praktische Kenntnisse in den einfachen Behandlungsarten besaß, aber kein wirklich medizinisches Wissen. Als die Reihe an ihn kam, fragte ihn AI Thalmith:

Warum beteiligt sich der ehrwürdige Scheich nicht an der Diskussion, damit wir erfahren können, über was für medizinische Kenntnisse er verfügt?" "Wie?" fragte der Scheich, und wölbte die Hand hinter dem Ohr. "Hat da jemand etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe, wie mir das schon öfters gegangen ist?"

"Wer war dein Lehrer in dieser Kunst?" fragte ihn Al Thalmith jetzt mit erhobener Stimme. Es antwortete der Scheich: "Wenn ein Mann mein Alter erreicht, mein Herr, ist es höflich, ihn zu fragen, wieviel Stunden er hat und wer der berühmteste unter ihnen ist. Meine Lehrer sind schon alle tot." -"Es ist leider so üblich, diese Frage zu stellen, und wir haben uns dabei nichts Böses gedacht", entschuldigte sich Al Thalmith zuvorkommend. Jedoch sage mir, oh verehrungswürdiger Scheich, welche medizinischen Bücher und Manuskripte hast Du gelesen?"

"Gelobt sei der Allmächtige, wir sind auf die kindische Stufe gekommen, wo man einen Mann wie mich fragt, welche Bücher ich gelesen habe. Es wäre passender, mein Herr, in meinem Alter zu fragen, welche Bücher und welche Artikel ich geschrieben habe. Ich sehe, daß ich mich bei Dir erst einmal einführen muß." Damit trat er an Ibn Al Thalmith heran und flüsterte ihm zu: "Ich bin ein alter Mann mit einer großen Familie und bin immer als Arzt bekannt gewesen. Alles, was ich kenne, sind ein paar einfache und praktische Mittel, durch die ich den Lebensunterhalt für meine Familie verdiene. Bitte stell mich vor diesen Leuten nicht bloß."

Ihn Al Thalmith flüsterte zurück: "Unter der einen Bedingung, daß Du nicht einen Fall behandelst, von dem Du nichts verstehst, und daß Du nicht zum Abführen oder zu einem Aderlaß rätst, außer in einfachen Fällen."

"Das ist mein Prinzip schon immer gewesen", beteuerte der Scheich eifrig, "mein Lebtag bin ich über Zuckerkand und Rosenwasser nicht hinausgegangen."

Da sagte Ibn AI Thalmith - so, daß alle es hören konnten: "Entschuldige uns, oh Scheich, jetzt kennen wir Dich gut, Du kannst in Deiner Praxis fortfahren."

Er wandte sich ab und während der Alte davonschritt, warf er dem nächsten der wartenden Kandidaten zu: "Wer war Dein Lehrer?". -"Der Scheich, den Ihr eben geprüft habt, mein Herr", antwortete der Kandidat. Ibn AI Thalmith lachte, daß ihm das Wasser in die Augen trat, "Ein wackerer Scheich", sagte er, als er sich beruhigt hatte, "und Du befolgst seine Methode?" Der Kandidat bejahte. Da sagte Ibn Al Thalmith: "Überschreite sie niemals", und fuhr in seiner Prüfung fort.

Ist dies nicht die nobelste Art der Ethik - sei es in medizinischer oder sonst irgendwelcher Gesellschaft? Dies ist ein Kompromiß zwischen Humansein und trotzdem Beachten des Gesetzes.

Die Grenze kennen und da stehen bleiben, das lehrte schon lange eine alte arabische Weisheit. Gott segne denjenigen, der seine Grenze kennt und diese nicht überschreitet.

Die Ethik überhaupt ist im Islam eine heilige Aufgabe. So sprach Gott zu Mohammed: "Sei höflich, lieb und human, sonst verlierst Du die Sympathie des Volkes."

Hier einige Zitate des Propheten Mohammed:

"Wer seinen Herd verläßt auf der Suche nach Wissen, wandelt den Weg Gottes." "Die Tinte des Schülers ist heiliger als das Blut des Märtyrers."

"Suche Wissen von der Wiege bis zum Grabe."
"Wer nach Wissen strebt, betet Gott an."
Das Studium der Wissenschaft hat den Wert eines Gebetes."

Der Prophet selbst lenkte den Blick seiner Anhänger über die Volksgrenze hinaus, denn die Wissenschaft dient der Ehre Gottes.

,Darum erwirb sie, aus welcher Quelle sie auch stammen mag, ja um Allahs Willen, empfange Wissen, sogar von den Lippen eines Ungläubigen."

So Mohammed - und dazu Goethe:

Und so muss das rechte scheinen, was auch Mohammed gelungen; nur durch den Begriff des Einen hat er alle Welt bezwungen."

Dies sind keine Märchen aus 1001 Nacht, was zum Beispiel den Brief des Patienten und die Geschichte der Prüfung des Scheichs angeht, sondern echte Tatsachen, die in den genannten Büchern nachzulesen sind.

Cordoba in Andalusien besaß in der Mitte des 10. Jahrhunderts allein 50 Krankenhäuser, 80 öffentliche Schulen, 27 höhere Lehranstalten und Hochschulen und 20 öffentliche Bibliotheken, die 100000 Bücher enthielten.

Die Zahl der Ärzte in Bagdad allein betrug damals (also anfangs des 11. Jahrhunderts) 860, die der beamteten Regierungsräte nicht mitgerechnet.

Das weitläufig in vielen Pavillons angelegte Adudi-Spital in Bagdad, das prachtvolle Nuri-Spital in Damaskus und das Mansouri-Spital in Kairo waren zu dieser Zeit die berühmtesten Anstalten und Medizinzentren der arabischen Welt.

Nicht nur Kalifen und Sultane oder vermögende Privatleute, sondern auch Ärzte gründeten Krankenhäuser neben ambulanten Sanitätsstationen und Gefängnislazaretten.

Nicht nur Juden, die eine große Aufgabe als Vermittler der arabischen Kultur nach Europa erfüllt haben, auch Christen hat der Ruf des gesegneten Landes Cordoba und Toledo der Weisheit angezogen.

Einer der ersten Großen des Abendlandes, der - vom lebenden Hauch des arabischen Geistes angerührt - keine Scheue zeigte, ihn zu verkünden, war zugleich einer der größten Kaiser, der sizilianische Stauffer, Friedrich II.

In Cordoba waren 27 Schulen, in denen die Kinder unbemittelter Eltern unentgeltlich Unterricht erhielten. Die Kosten zahlte der Kalif Al Hakam.

Während der Omajadenherrschaft zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert strömten Studenten von allen Teilen der Welt in Andalusien zusammen, um die Wissenschaft zu lernen, für die Cordoba der edelste Speicher war.

Die Bibliotheken in Cordoba enthielten mehr als eine halbe Million Bücher.

Noch Mitte des 10. Jahrhunderts dringen die Araber, vom Lombardenkönig Hugo ins Lande gerufen, hoch ins Engadin vor, wo Pontresina - die Pont Sarazena, die Brücke der Sarazenen -, bis heute Spuren der Fremdlinge bewahrt.

Vergessen wir nicht, daß diese unglaublich große Zahl von Büchern nicht automatisch gedruckt, sondern in monate- und jahrelanger Arbeit von Hand geschrieben wurde und nicht eben billig war.

Ein arabisches Wort sagte: "Wer sich mit der Bearbeitung von Perlen beschäftigt, muß Sorge tragen, daß er ihre Schönheit nicht zerstöre. Ebenso ziemt es dem, der menschliche Leiber, die edelste Schöpfung der irdischen Welt, heilen will, daß er behutsam und liebevoll mit ihnen umgehe." Hier besteht auch eine einmalige Ethik im wahrsten Sinne.

Bis 1924 galt, daß der Blutkreislauf vom Spanier Michael Servet und William Harvey Mitte des 15. Jh. entdeckt worden war. Doch im selben Jahr, also 1924, bewies der ägyptische Student, Dr. At-Tatawi, mit seiner Dissertation, daß es ein Araber war, Ihn Al Nafis, der als erster in der Geschichte der Medizin im 13. Jh. den Blutkreislauf entdeckt hatte.

Die prüfenden Freiburger Professoren haben dies nach langer Forschung bestätigt.

AI Rasi (Rahses) hatte die Araber das unbefangene Schauen gelehrt. Das schreibt Hunke. Mit seiner Schrift über Masern und Pocken hatte er zum ersten Male nach sorgfältiger Beobachtung ihr vollständiges Krankheitsbild festgehalten, was noch von Ärzten des 18. Jh. als eine der besten Arbeiten in dieser Hinsicht genannt wird. Ibn Sina (Avissena genannt) liefert als erster die vorzüglichste differentialdiagnostische Unterscheidung von Rippenfellentzündung, Lungenentzündung, Interkostalneuralgie, Leberabszess und Mittelfellentzündung. Er unterscheidet die Symptome von Darm- und Nierenkoliken und beschreibt Gesichtslähmungen aus zentralen und lokalen Ursachen.

Der andalusische Chirurg Abu L'Qassin hat sich 700 Jahre vor Percival Pot mit der Gelenkentzündung und der Wirbeltuberkulose beschäftigt, die später nach dem Engländer Pottsches Übel = Malum Potti genannt wurde. Er lehrte die Naht mit Catgut. Bei allen Eingriffen unterhalb der Nabelhöhle riet er als erster zur Hochlagerung der Beine, heute benannt nach Friedrich Trendelenburg.

Die Psychotherapie spielte bei den Arabern eine wichtige Rolle. Eine eigene Literatur (die Wirkung der Musik auf Mensch und Tier) befaßte sich mit der psychischen Heilbehandlung.

Ibn Sina (Avissena) schrieb: "Wir müssen bedenken, daß die Musik als eine der besten und erfolgreichsten Methoden die geistigen und seelischen Kräfte des Patienten stärkt und ihn ermutigt, besser zu kämpfen, und seine Umgebung freundlich und gefällig gestaltet."

Den Ruhm Galens und der Griechen lange Zeit zu verdunkeln - Ibn Sina ist es gelungen.

 

An den Lehranstalten Europas, also Salerno, Padova, Bologna, Paris und Oxford, wurden die Werke von Avissena, Ahn L'Qassis, Rahses, Avenzoar, Hunein und Isaak Judäus am häufigsten studiert. Hier muß nochmals erwähnt werden, daß die gelehrten Juden an dieser arabischen Kultur sehr stark mitgearbeitet haben.

Erst im Jahre 1500 erhielt als erstes das Strassburger Krankenhaus einen angestellten Arzt, also 800 Jahre nachdem der Omaj ade Kalif Al Walid das erste arabische Krankenhaus gegründet und Ärzte dorthin gerufen hatte. Leipzig folgte 1517, das Hôpital de Dieu in Paris 1536. So waren die Araber einst - und heute?? Daß um die Mitte des 16. Jh. ein Veroneser Arzt und Avissena-Kommentator in einem Krankenhaus in Padova klinischen Unterricht erteilte, war eine Sensation. Studierende aus aller Herren Länder strömten in Padova zusammen, um an den neuartigen Demonstrationen der Avissena- und Galenteste an den Kranken teilzunehmen.

In den Schriften des Grafen Ferrari Da Grado, Prof. aus Pavia, wird laut Statistik Avissena mehr als 3000mal zitiert, Rahses und Galen 1000mal und Hippokrates 140mal.

Obwohl die Araber nun endgültig in Ungnade gefallen sind, wirken ihre Schriften, besonders ihre Augenheilkunde unter der Oberfläche bis ins 18. Jh. weiter. Viele ihrer wertvollen Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen sind jedoch, wenn auch ungenannt, fester Bestandteil der internationalen Heilwissenschaft geworden.

Über Cordoba und Andalusien äußerte sich ebenso lobend Prof. Vernet. Er schreibt: "Und während diese Andalusienperiode floriert, besuchten zahlreiche Wissenschaftler, Philosophen und Ärzte aus Frankreich, England, Deutschland, Italien und Dalmatien die Bibliotheken und konsultierten ihre Kollegen in Cordoba, Toledo und Sevilla und kauften ihre Manuskripte."

Das Wellcome-Institut of the History of Medicine publizierte 1973 eine wichtige Arbeit von Spink und Lewis über Abu L'Qassis.

Die UNESCO würdigte Avissena und feierte seinen 1000. Geburtstag. 1952 wurde für ihn ein grandioses Mausoleum errichtet, und bei der Feier des 1000. Geburtstages wurden zahlreiche seiner Bücher geehrt. Zahlreiche Dissertationen, Theaterstücke und Radiosendungen wurden gemacht. Über 40 Werke hat er geschrieben. Das berühmteste war"Quanumfit Tibb"; das bedeutet"Die Heilkunst" und wurde von Occident mit dem Namen"Die Kanone der Medizin" versehen.

"Die Kanone von Avissena" und "Der Kontinent von Rahses" waren die fundamentalen Bücher der Medizin in Europa bis zum 17. Jh.

Während Hippokrates nur eine bescheidene Urinuntersuchung machte, erreichte Avissena die Grenze der Uroskopie; seine Werke sind trotz aller Kritiken der Ursprung der modernen Medizin.

Abu L'Qassis war einer der ersten Ärzte, der die Lepra gut beschrieben hat. Und Averros (Ibn Ruschd) behandelte als erster die Krätze.

Zwei Institutionen haben die Europäer von den Arabern übernommen: die Anstalten der Geisteskranken und die Prüfung für die Genehmigung zur Ausübung des Medizinberufs.

Lange Zeit bestand die Behandlung der Schizophrenie in Peitschenhieben, bis die arabischen Ärzte die Beruhigung der Krisen mit geeigneten Opiumdosen (Ibn Abi Usaybia) einführten, dies noch vor dem 13. Jh.

Spezielle Ethik

Die Sterbehilfe

Wie vorher erwähnt, ist der Mensch die edelste Schöpfung auf dieser Erde und hat infolgedessen, wenn seine Stunde schlägt, das Recht auf ein würdiges und natürliches Sterben. Jede weitere Maßnahme, die das Ziel hat, das elende Leben künstlich zu verlängern, wird im Islam abgelehnt.

Schwangerschaftsabbruch

Im Islam ist der Schwangerschaftsabbruch nach dem 42. Tag nach der Befruchtung die größte Sünde überhaupt, denn es ist eine willkürliche Tötung. Somit gilt hier die gleiche Betrachtung wie auch im Christentum. Nur in speziellen Situationen, wo die Rettung des sicheren Lebens der Mutter im Vordergrund steht, wird der Schwangerschaftsabbruch toleriert, vorausgesetzt aber, daß eine zuständige Gruppe von Fachärzten die Zustimmung dazu erteilt. Auch im Falle von Schwangerschaft durch Vergewaltigung kann ein Gremium von Ärzten und Religiösen dem Schwangerschaftsabbruch zustimmen. Organtransplantation Der Islam ist für den Fortschritt der Wissenschaft und im Dienste der Würde des Menschen sehr tolerant und offen. Voraussetzung dafür ist, daß ein Team von Spezialärzten zunächst den sicheren Tod des Spenders deklariert und eine andere Ärztegruppe die Transplantation beim Empfänger vornimmt.

Selbstverständlich muß der Spender vor dem Ableben aus freiem Willen und unentgeltlich diese Spende schriftlich oder vor zwei Zeugen bestätigen, oder die nächsten Angehörigen können auch nach dem Ableben des Spenders unentgeltlich zustimmen. Jeder Handel mit menschlichen Organen ist kategorisch verboten und strafbar.

Bei Spendern, die zum Tode verurteilt sind, gelten die oben genannten Bedingungen, denn die Würde des Menschen (auch wenn zum Tode verurteilt) ist heilig und steht im Vordergrund.

Klonen

Dem Klonen, soweit dies bei Pflanzen oder Tieren geschieht und zur Besserung des Lebensstandards des Menschen führt, steht im Islam nichts entgegen. Was aber das Klonen beim Menschen angeht, so besteht hier eine sehr strenge Ablehnung, und zwar nicht nur im Religionssektor, sondern auch bei den Ärztegesellschaften.

Im letzten islamischen Kongreß wurde das Klonen beim Menschen kategorisch abgelehnt mit folgender Begründung: Das Klonen beim Menschen wird eine Kette von unannehmbaren Problemen auslösen, welche kaum vorauszusehen sind, religionsmäßig, moralisch und vor allem ethisch. Die Angabe von Befürwortern, die Menschheit werde daraus nur Vorzüge erzielen, indem Rasse, Intelligenz, Körperschönheit und selektive Weisheit ausgewählt und kreiert würden, ist total irreführend; denn beim Kopieren wird nur der Körper, nicht aber die Fähigkeit des Gehirns nachgeahmt.

Die Antwort auf die bessere Entwicklung der Schönheit und Rasse steht in flagranter Kontradiktion zum Rassismus, den wir heute alle ablehnen und versuchen, mit allen Mitteln aus unserem Leben auszuradieren. Die ganzen ethischen Gesetze bezüglich Heirat, Scheidung, Kinderhaben und Welterleben - sowie die Würde von Mann, Frau und Sex-würden chaotisch oder radikal zerstört. Zweifelsohne sind alle Religionen und fast alle Ärzte und Wissenschaftler heute dagegen.

Doch die Annahme, daß das Klonen beim Menschen seinen Weg schreitet und sich bald verwirklicht, ist leider Gottes da. Und das bedeutet mindestens die Zerstörung der Familie und deren Sinn in Zukunft. Man kann sich ein Leben ohne Familie oder Kinder und ohne Lebensfreude für Mann oder Frau kaum vorstellen. Dieses Problem ist sicher die größte Herausforderung, die uns Menschen von heute schwer prüfen wird. Die Förderung von Ethik und Religion, beide untrennbar, ist zweifelsohne die stärkste Waffe dagegen.


Literatur

  1. Ammar S, En Sonvenir de la Médicine arabe. Imprimerie Bascone et Muscat, Tunis
  2. Arnoldez R (1998) Averroés: Un rationaliste en Islam. Le Nadir Balland
  3. Crespi G (1992) Die Araber in Europa. Belser, Stuttgart/Zürich
  4. Hunke S (1997) Allah's Sonne über dem Abendland, unser arabisches Erbe. Fischer, Stuttgart
  5. Lévi-Provencal E (1961) La Civilisation arabe en Espagne. G. P. Maisonnenve et Larose, Paris
  6. Niedermeyer A (1955) Philosophische Propädeutik der Medizin. Herder, Wien
  7. Papadopoulo, A (1976) L'Islam et Part. Editions d'Art Lucien Mazenad, Paris
  8. Sournia J-Ch (1986) Médecins arabes anciens. Conseil international de la langue francaise
  9. Talbot Rice D (1967) Die Kunst des Islam. Drömersche, München/Zürich 10. Uruoy D (1998) Averro6s: Les Ambitions d'un intellectuel Musulman. Flamarions 11. Vernet J, Ce que la culture doit anx arabes d'Espagne. Sindbad, Paris

Dr. med. Adel Chérif
47c Avenue du Midi
CH-1820 Montreux Territet