Ökumenischer Gottesdienst in der Alexanderhauskirche

anlässlich des
3. Symposiums Medizin und Ethik, 16. 9. 2000

Texte: Joh.5,1-14 / Mk.8,31-35

Evangelium I: Joh.5,1-9:

In Jerusalem feierte man ein Fest. Und Jesus zog hinauf in die Stadt. Nun ist dort am Schaftor ein Teich mit fünf Hallen darum herum, der auf hebräisch Bethesda genannt wird. In diesem Siechen- haus (denn das war es) lagen Kranke, Blinde, Lahme und an Auszehrung Leidende, die alle nur darauf warteten, dass sich das Wasser bewegte. Ein Engel nämlich - so die Legende - führe zu gewissen Zeiten in den Teich hinab und wirbele das Wasser auf. Wer danach als erster hinein- stiege, der würde gesund werden, mit welcher Krankheit er auch immer behaftet sei. Nun lag dort unter anderen ein Mann, bewegungslos, schon seit 38 Jahren. Als Jesus diesen so daliegen sah und erfuhr, wie lange schon, da frage er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe ja keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser bewegt wird. Wenn ich mich aber schliesslich hingeschleppt habe, ist längst ein anderer vor mir in das Wasser getaucht. Jesus sagt zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Und alsbald wurde der Mann gesund. Und er hob wirklich sein Bett auf und ging.

Evangelium II: Mk.8,31-35:

An diesem Tag sprach Jesus zum ersten Male ganz offen zu seinen Jüngern von seinem bevor- stehenden Tod. ER sagte: "Der Menschensohn muss viel leiden. Die Führer des Volkes, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, werden ihn verurteilen und töten. Aber nach drei Tagen wird er von den Toten auferstehen." Da nahm ihn Petrus beiseite, um ihn von diesen Gedanken abzubringen. "Weg mit Dir, Satan!" - erwiderte Jesus. "So wie Du denken alle Menschen, die Gottes Gedanken nicht begreifen." "Hört her!" rief Jesus daraufhin allen seinen Jüngern zu und den Menschen, die bei ihm waren: "Wer bei mir bleiben will, der darf nicht mehr immerfort nur an sich selber denken, sondern der muss sein Kreuz willig auf sich nehmen und mir nachfolgen. Wer sein Leben um jeden Preis erhalten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich ein- setzt, der wird es für immer gewinnen."


Liebe Patienten der Alexanderhausklinik, liebe Davoser und Feriengäste, liebe Teilnehmer am Symposium! Heute ist nun das 3. Symposium Medizin und Ethik zu Ende gegangen. Um Einbezug von Spiritualität in ärztliches Denken, Forschen und Handeln ging es dabei. Nachdem die WHO ihre Definition für Gesundheit als "körperliches, seelisches und soziales Wohlergehen" ergänzt sehen möchte um eine spirituelle Komponente, ging es darum ganz konkret.
Auch die Mehrheit der Ärzte möchte das wohl mittlerweile, jedenfalls alle, die an diesem Symposium teilgenommen haben. Aber siehe da, es zeigte sich (was auch Theologen zu schaffen macht): Schon im Vorfeld fehlte die nötige Klarheit darüber, was das denn eigentlich sei: "Spiritualität". Und was gar: "spirituelle Gesundheit"?
Beim Symposium war Einigkeit schnell erreicht darüber, was es nicht heissen kann: Nichts hat es mit Spiritismus zu tun. Und nicht gemeint sind auch selbstverliebte Egotrips - ganz so, als ginge es nur um etwas sehr Individuelles.
Sie alle werden verstehen, dass ich jetzt nicht in wenigen Minuten zusammenfassen kann, was die Teilnehmer des Symposiums viele Stunden lang beschäftigt hat. Auch vor Bewertungen werde ich mich hüten. Ausgenommen dieser einen: Ich finde es gut, dass Ärzte und Wissenschaftler aus dem Umkreis der Medizin heutzutage der Meinung sind: Antworten auf Fragen nach Leben und Tod und nach Spiritualität dürfe man nicht ihnen allein überlassen. Es ist gut, dass sie deswegen (wie bei solch einem Symposium) auch bei den Religionen anklopfen. Nicht nur bei unserer. Aber eben ganz gewiss bei uns auch. Genauer: bei der Grundlage, die wir Christen (gleich welcher Konfession) die unsere nennen: bei der Bibel. Nun gibt es auch in der Bibel keine Definition von "Spiritualität". Aber es gibt Geschichten. Geschichten, die natürlich nicht einfach so etwas wie Illustrationen unserer Fragen sein wollen. Geschichten, die aber doch zusammen vielleicht einiges erhellen können. Geschichten, die z.B. schon damals etwas von den Erwartungen der Patienten deutlich werden lassen - und andere, die den Therapeuten in der Zerreissprobe zeigen.
Von den verschiedenen Beiträgen der Teilnehmer am beim Symposium hat mich am meisten berührt der Versuch, "Spiritualität" mit "Hingabe" in Verbindung zu bringen. Ein anderer Beitrag war das Eingeständnis: "Wir Ärzte geben meist technische Antworten auf menschliche Fragen."
Ich würde sagen: Manchmal zielen allerdings auch schon die Fragen der Patienten auf den Einsatz von technischen Mitteln. Ich sehe das so bei dem ersten der beiden biblischen Texte, die gerade vorgelesen worden sind: "Willst Du gesund werden?" - Mit dieser Frage beginnt Jesus die Heilung des Kranken am Teiche Bethesda. "Willst Du?" Damit spricht Jesus in dem Gelähmten etwas an, was in einer Welt, in der Dinge und Mittel regieren, leicht vergessen wird (damals also auch schon, liebe Gemeinde): Nämlich die Person, das Ich, das da leiden und ertragen muss. Das aber auch wünschen, wollen und kämpfen kann.
"Willst Du gesund werden?" - Und der kranke Mann antwortet, als hätte der die Frage nicht verstanden: "Ich habe keinen Menschen!" Man achte auf die Worte, liebe Gemeinde: Diese Entgegnung ist ja nicht nur die berechtigte Klage eines Ausgestossenen.
Der Mann meint, etwas "haben" zu müssen, soll's besserer werden mit ihm. Und wenn er nichts "hat", geht auch nichts. "Haben" in diesem Fall "einen Menschen"! Aber nicht eigentlich, damit der sich zu ihm setzt, ihm zuhört, mit ihm weint oder lacht! Sondern einen Menschen, der ihn schnellstens zu den Heilmitteln bringt. Heute würden wir sagen: Der ihn an die Apparate anschliesst. Damals war es das magisch wirkende Wasser.
Er, der Kranke mit der ewiglangen Krankengeschichte - er kann noch nicht antworten auf die Frage Jesu! Kann noch nicht sagen: "Ja, ich will! Und ob ich das will!" Und dieses in herkömmliche und enge Vorstellungen gefangene "Ich" will Jesus wecken! Er will es aus seiner Abhängigkeit befreien. Jesus "gibt" dazu dem Kranken nicht eigentlich irgendetwas, nichts jedenfalls, was dieser hernach "besitzen" könnte. Er heilt ihn einfach, heisst es. Aber gleich daraufhin mutet Jesus ihm auch eine ganze Menge zu: "Steh auf, nimm dein Bett und laufe!" sagt Jesus. Und der ehedem Kranke, siehe - er tut's!
Man muss sich das einmal wirklich ganz genau vorzustellen versuchen, liebe Gemeinde: Da trägt einer nun sein Bett, Zeichen seiner Krankheit, die vier Jahrzehnte währte, mitten durch die Stadt. Dabei: wer ein halbes, damals, als die Menschen ja kaum viel älter als 40 Jahre wurden, fast ganzes Menschenleben lang auf einer Art Bahre hat liegen müssen - für den war die doch … für den muss doch diese Bahre so etwas gewesen sein wie ein "Folterinstrument"! Und das nimmt man doch nicht hernach auch noch mit, so als ginge es um einen kostbaren Besitz. Das lässt man liegen. Das lässt man zurück!
Nein, es gibt nur einen Grund für dieses seltsame Verhalten, und der wird auch genannt in unserer Geschichte: Jesus will es so! Und Er will es, damit deutlich wird für den einst Gelähmten, aber auch für andere, die ihm begegnen: Heilung ist mehr als die Wiederherstellung des Zustandes, der einstmals war, vor Ausbruch der Krankheit! Und Gesundheit ist mehr als das Freisein von Beschwerden! Jesus stellt diesen Menschen mitsamt seinem Bett (und das heisst: mitsamt seiner ganzen Lebens- und Leidensgeschichte) von der Horizontalen auf die Beine!
Du sollst und Du kannst, höre ich Jesus zu dem Mann sagen … du sollst und du kannst nun leben mit deiner Geschichte. Deine Jahre des Leidens eingeschlossen. Du wirst lernen müssen (und das wird Kraft kosten), beide Welten in dir zu vereinen! Und damit kannst und sollst du deinerseits ein Stück weit zum Therapeuten werden! Weisst du noch, wie es angefangen hat, als wir einander trafen? Erzähl mir deine Wünsche, die Träume, deine Hoffnungen, habe ich zu dir gesagt.
Nun ist die Reihe an dir, das an meiner Stelle zu fragen. Und damit bei anderen Sprachloses zur Sprache zu bringen! Hoffnung herauszufragen aus deinen Mitmenschen! Und du kannst sicher sein, von einem "mit seinem Bett unterm Arm", von einem also, der Leiden erlebt hat und der daraufhin heil geworden ist -von einem solchen werden andere Leidende sich sicher eher befragen lassen also von einem, der vor Gesundheit strotzt.
Und nun zu den, zumindest dem Therapeuten in der Zerreissprobe - und zur Hingabe. Der Hingabe Jesu, ist hier wohl zuerst einmal gemeint. Aber auch vielleicht der von Ärzten unserer Zeit? Ich meine, ein gutes Stück weit schon, liebe Gemeinde. Hören wir noch einmal: Jesus wanderte (so heisst es) mit seinen Jüngern durch die Dörfer. Und es drängte ihn, sich ihnen anzuvertrauen über den Weg, wie Er ihn vor sich sah. Er sprach dabei wie von einer anderen Person. Er sagte "Menschensohn" und meinte sich selbst:
"Der Menschensohn wird viel leiden müssen. Die religiösen und politischen Führer des Volkes werden über ihn herziehen. Sie werden ihn verurteilen und töten schliesslich. Da nahm IHN Petrus fürsorglich beiseite, um ihn zu beruhigen und ihn von solchen dunklen Gedanken abzubringen. "Weg mit dir, Satan", erwiderte Jesus. "Du redest nicht im Sinne Gottes. Du sprichst nur nach, womit Menschen andere Menschen gerne zu vertrösten pflegen."
"Weg von mir, Satan!" - Und das aus dem Munde Jesu? Unglaublich eigentlich! Und wir fragen uns: Ist das wirklich derselbe Jesus, wie wir ihn zu kennen meinen? Der Jesus, der die Kinder segnet, der liebevoll zu den Menschen spricht? Und was heisst "muss"? "Der Menschensohn muss viel leiden!"? Redet hier ein Fanatiker, ein Besessener? Ein Fundamentalist vom Schlage derer, die sich notfalls selber in die Luft sprengen? Wir kennen ihn doch anders: Als einen, der sich freuen konnte an dem Schönen in dieser Welt: An den Lilien auf dem Felde, an der Sonne, dem Wein, der Liebe und Gesundheit von Menschen, an der Gemeinschaft mit ihnen. Was ist hier eigentlich los?

Ich denke, liebe Gemeinde, Menschen, die auch so in der Zerreissprobe von Entscheidungen stehen wie Jesus (Patienten vor einer Operation etwa oder Ärzte, die sie ausführen sollen) - die werden IHN verstehen.
Es ist ja im übrigen nicht eigentlich Petrus, den Jesus hier so ungeheuer schroff anfährt. Er meint nicht eigentlich seinen lieben, oft tolpatschigen und ein bisschen angeberischen Jünger Simon. Er meint sich selbst! Er meint die andere, die dunkle Seite in sich selber!
Wenn wir das nicht so wahrhaben wollen, liebe Gemeinde, dann sind wir im Begriffe, Jesus zu einer Ikone zu machen - schön, goldumrandet, herrscherlich vielleicht auch noch, aber starr und stumm! Wir aber wissen doch, Jesu Weg insgesamt beginnt mit seiner Versuchung in der Wüste. Und man kann das, was dort geschieht, auf den einfachen Nenner bringen: Es ist die Versuchung zur Macht. Die Versuchung, der besonders die Grossen dieser Welt ausgesetzt sind - und der sie nur zu oft auch erliegen.
Hier nun handelt es sich um die Versuchung zur selbstbetrügerischen bequemen Alternative für Leid. Um die Versuchung zu Kompromissen. Übertragen auf heute und unsere Medizin: Die Versuchung zum Einsatz noch einmal und noch einmal und noch einmal immer weiterer technischer Möglichkeiten, die Ärzte in den Spitälern heutzutage haben. (Beim Symposium gestern: Bericht über Qualenverlängerung durch immer nochmalige Chemotherapie bei einem tumorkranken Kind.)
Wenn Jesus nun sagt: "Wer sein Leben um jeden Preis erhalten will, der wird es verlieren", dann, denke ich, meint Er wohl wirklich zunächst einmal sich selbst.
"Wir brauchen dich doch!" - höre ich Petrus beschwörend dagegensetzten (wie wir es tun bei einem Lieben, der schwer erkrankt ist und für den es womöglich zum Sterben geht): "Wir brauchen Dich doch! Du kannst uns doch jetzt nicht einfach allein lassen! Was sind wir denn schon ohne Dich!?

"Genauso brauchen wir dich, Jesus! sagt Petrus. Und ähnlich denken die anderen Jünger. Tritt den Priestern in Jerusalem ruhig auf die Füsse. Geh bis hart an die Grenze! Aber bitte, bitte: überschreite sie nicht! Wem nützte es schon, wenn sie dich zum Schweigen bringen!? Weichst du aber im letzten Momente aus, dann kannst du immer wieder das kritische Wort Gottes einbringen. Wer denn sonst, wenn nicht du? Meinst du denn nicht auch, dass damit der Sache, der wir doch gemeinsam dienen - dass der damit unterm Strich ein sehr viel grösserer Dienst getan wird?
O ja, das klingt gut für die gequälte Seele. Das klingt so ungemein wohltuend und überzeugend. Aber, es liesse eben all diejenigen allein, die keine Chance zu solchen Kompromissen haben, liebe Gemeinde! Gott wäre auf seinem Wege zur Bruderschaft mit den Menschen (mit allen Menschen!) gewissermassen auf halber Strecke stehen geblieben!
Ach, liebe Gemeinde, vielleicht mehr noch als davor in der Wüste ist hier für Jesus seine Lebensaufgabe auf dem Prüfstand gewesen. Aber es geht hier nicht nur um Gottes einsame Heilstat. Es geht auch um uns. Nicht so, als würden wir uns selber erlösen wollen oder können. Aber doch eben so, dass wir mitgenommen werden sollen auf diesen Weg des Lebens.
Es wird ja eben auch zu uns gesagt: "Wer sein Leben um jeden Preis erhalten will, der wird es verlieren! Wer es aber einsetzt für mich und damit für Gottes Weg, der wird es für immer und ewig gewinnen!" Festkrallen und Versteinern dabei - das ist also das eine. Der Abusus. Und das heisst Verlieren! Einüben ins Loslassen ist das andere. Die gute Möglichkeit zum Freiwerden zu "Glaube, Hoffnung, Liebe", zu einem Leben, das auch im Tode noch bleibt.
Wir allerdings (denke ich) sind ebenso wenig wie einstmals die Jünger für solche harten Alternativen. Sie, diese Jünger - sie wollten ja hergeben (und sie hatten ja auch hergegeben, mehr als wir wohl jemals herzugeben bereit wären). Sie wollten loslassen! Aber eben doch nicht alles! Sie wollten mitgehen (und sie sind ja auch mitgegangen, weiter, als wir alle wohl dazu bereit wären). Sie wollten mitgehen, aber gewissermassen nur mit einem Bein.
Mir kommt dazu ein Zeichentrickfilm in den Sinn, den ich vor Jahren gesehen habe: Er zeigt, wie einer ausschreitet und plötzlich an eine Weggabelung stösst. Welchen der Wege soll er nun einschlagen? Beide haben sie ihre Verlockung. Er kann sich nicht entscheiden! So teilt er sich denn einfach auf, in zwei gleiche Hälften (im Zeichentrickfilm geht soetwas). Die eine Hälfte wandert zur Linken, die andere zur Rechten. Unterwegs macht jede der Hälften je ihre Erfahrungen. Schönes und Schweres ist dabei. Halt nur Hüben drüben jeweils anders. Am Ende treffen die beiden Hälften wieder zusammen und möchten sich nun wieder vereinen. Doch sie müssen erfahren, dass sie auf dem Wege unterschiedlich gross geworden sind. Sie passen einfach nicht mehr zusammen.
Ich denke, so sind die Jünger! Und so sind wir! Weder schwarz noch weiss, aber hübsch geteilt! Und das heisst auch schon "verlieren", sagt Jesus!
Es geht nicht um eine Verherrlichung des Leidens, liebe Gemeinde. Wo so etwas propagiert wird, da werde ich misstrauisch. Da verfolgen entweder die Propagierer unlautere Absichten, indem sie andere ermuntern zu etwas, wozu sie selber nicht bereit sind - oder es handelt sich um Radikalismus, im Grunde also um Ideologien.
Jesus hat nicht das Leiden verherrlicht. Nicht darum ist es IHM gegangen. Es ging ihm und geht ihm einzig um Leben! Leben - nicht gespalten! Leben in Einheit und Wahrheit! Und es geht ihm um die Liebe.
Das Dazwischen aber - zwischen Wahrheit, Liebe und Hingabe, die ständige Wechselwirkung - das würde ich einmal vorsichtig "spirituelles Leben" nennen. Und daraus hat sich (wenn ich das richtig sehe) eine Medizin, wie wir sie möchten, abzuleiten.
Ich aber kann abschliessend nur bitten: Herr Gott, schenke uns allen diese Liebe! Liebe, die hingibt! Liebe, die nicht gewinnen will - aber gerade dadurch einmal alles gewinnt. Amen

Pfarrer Joachim Mietz, Davos