Heil, Heilung, spirituelle Gesundheit

Ernst August Prinz zur Lippe

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Symposiums

Als selbständiger Heilpraktiker in Deutschland arbeite ich an der Erlangung von Heilung, habe mich aber bisher nicht so sehr mit dem theoretischen Hintergrund dieser Fragestellung beschäftigt. Daher bitte ich Sie um Nachsicht, wenn mein Vortrag vielleicht wissenschaftlichem Standard nicht ganz entspricht.

Zunächst ist es interessant, die drei Begriffe an Hand des Gebrauchs in den einzelnen Religionen zu betrachten, wobei ich mich an die Definitionen aus dem "Lexikon der Bioethik" (Hrsg.: W. Korff, Gütersloher Verlagshaus, 1998) halte:

Heil - Heilsuche in verschiedenen Religionen

Die Naturreligionen verstehen das Heil als materiell gedachten Anteil an der lebenserhaltenden Kraft der Natur oder des Kosmos, die durch Ahnengeister und Naturgottheiten repräsentiert und dem Menschen über magische Observanzen und Riten vermittelt wird. In den östlichen Weltreligionen kommt es zu einer Verknüpfung der kultischen Vergegenwärtigung des Heils durch Opfer, rituelle Darbietungen und zeremonielle Anbetungen mit methodischen Regeln zur eigenen Lebensführung. Der Buddhismus in seinen verschiedenen Spielarten versteht den Heilsweg als einen Pfad der Erkenntnis, in dem rationale und transrationale Elemente sowie die Eigenaktivität des Menschen und das Vertrauen in eine fremde Kraft zusammenwirken. In der Gruppe der Offenbarungsreligionen, zu der religionstypologisch neben Judentum und Christentum auch der Islam zählt, besitzt das erhoffte Heil dagegen eine geschichtliche Dimension, die über die innergeschichtlichen Auswirkungen des Heils im Sinne eines irdischen Wohlergehens oder diesseitiger Heilsgüter hinausgeht.

In der jüdisch-christlichen Tradition wird das Heil durch eine befreiende Tat Gottes herbeigeführt. Andererseits leistete die Übernahme einer philosophischen Geist-Metaphysik und die bei Augustinus (354 - 430) vollzogene Konzentration auf den Aspekt der Sündenvergebung aber einer dreifachen Tendenz zur Individualisierung, Spiritualisierung und Vergeistigung des Heils Vorschub, wobei die gegenwarts- und gemeinschaftsbezogene Dimension der biblischen Erlösungsmetaphern in den Hintergrund geriet. Auf diese Weise kam es zu einer verhängnisvollen Entgegensetzung von irdischem Glück und ewigem Heil, die den Bereich der diesseitigen Lebensgütern radikal von dem transzendentalen Lebensziel des Menschen trennte. In der Theologie und Ethik des Thomas von Aquin (1224/25 - 1274) findet sich dagegen eine innere Zuordnung von Glück und Heil, die den augustinischen Dualismus von uti und frui überwindet und den ethischen Bezugspunkt der religiösen Rede vom Heil offenlegt. Auf diese Weise gelingt es Thomas von Aquin, das im kontemplativen Leben und in der moralischen Lebenspraxis erfahrbare unvollkommene Glück des irdischen Lebens als anfanghafte Vorwegnahme des ewigen Glücks oder Heils bei Gott zu deuten. Heil als "Gesundheit" wird von der WHO als ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens definiert. Aus diesen verschiedenen Heilsaspekten versucht nun der Einzelne, je nach seiner weltanschaulichen Ausrichtung, sein Leben im Diesseits oder in Ausrichtung auf das Jenseits zu bewerten.

In dieser Bewertung liegt dann sein Urteil, ob er sich als "heil" empfindet oder nicht. Mir scheint es ersichtlich, dass durch diese subjektiven Maßstäbe ein einheitlicher Begriff für Heil und Heilsein nicht möglich ist. Von meinem heilpraktischen Aspekt empfinde ich jemanden als "heil", wenn er auf seinem Weg bzw. im Fluss ist. Im Gegenteil fühlt sich jemand verloren, verwirrt, blockiert, gehemmt. Wegweiser oder Richtschnur sollte das eigene Gefühl sein: Jeder sollte sich selber besser kennen und erkennen, als jeder noch so ausgebildete Fachmann, der nur Hilfestellung geben sollte. Wenn man sich warm, fröhlich, stark und ausdauernd fühlt, ist man auf dem richtigen Weg. Beispiel: Beim Hobby kann man auch Schwerstarbeit leisten, ohne zu ermüden, oder sogar Entspannung dabei empfinden. Im Gegensatz dazu können leichtere Tätigkeiten als Pflicht sehr schnell ermüden.

Heilung

Der Begriff "Heilen/Heilung" ist an eine dreifache Spannung gebunden. "Behandeln versus Heilen" - Das englische Wortspiel "cure - care" zeigt die Diskrepanz zwischen Behandeln und Heilen. Das unbegrenzte Bedürfnis nach Behandlung (cure) löst nicht das Bedürfnis nach Heilung (care).

"Not und Hilfe" - Ist jemand in Not, wendet er sich an jemanden, der ihm Hilfe verspricht. Dazu bedarf es Informationen über Sachkompetenz und Vertrauen gegenüber dem Helfer, das auch missbraucht werden kann. Wird diese personale Spannung nicht wahrgenommen, geht Kompetenz verloren. "Objektivität versus Subjektivität" - Einerseits braucht Medizin den Befund, das Objektive gebunden an das Befinden des Individuums, das Subjektive. Voraussetzung für die moderne Medizin ist es, diese Spannung auszuhalten, ohne dem Objektiven oder dem Subjektiven den Vorzug zu geben. Nichts kann in der Medizin richtig sein, wenn es nicht objektiv und subjektiv zugleich ist.

Als Heilpraktiker habe ich das Gefühl, dass es in der Naturheilkunde leichter fällt, subjektiv zu sein. Zum einen ist die Ausbildung nicht so rational-wissenschaftlich wie bei der Schulmedizin, zum anderen wird dies auch bei den Patienten, die diesen Weg einschlagen, besonders gesucht. Aber auch hier sollte auf einen "objektiven" Ausgleich durch ärztliche Konsultation geachtet werden.

In meiner Tätigkeit achte ich darauf, dass der Patient wieder auf seinen Weg findet, bzw. wieder in Fluss kommt. Dies ist zu erreichen, wenn der Einzelne Vertrauen in seinen Körper überhaupt erst einmal aufbaut oder verstärkt. Dann muss dieses Vertrauen in seine Gefühle aufgebaut und verstärkt werden.

Spirituelle Gesundheit

Laut Definition der WHO ist Gesundheit ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Hierbei wird die spirituelle Seite des Lebens nicht beachtet. Wie bei den Definitionen des Heils zu sehen war, hat z. B. das Christentum eine erweiterte Auffassung. Im 2. Vatikanischen Konzil wurde festgehalten, dass der Mensch ein Wesen ist, das nur durch die Hingabe seiner selbst sich selbst verwirklichen kann. Der Mensch, der danach lebt und handelt, kann aus christlicher Sicht als spirituell gesund betrachtet werden. Der Egoismus hingegen macht den Menschen allmählich spirituell krank. Hier ist eine interessant e Übereinstimmung mit dem Buddhismus zu sehen, der das Greifen nach eigener Existenz als Wurzelübel betrachtet. Beim Egoismus handelt es sich um das Wesen der Sünde. Die Sünde ist aus christlicher Sicht die spirituelle Krankheit. Existenz - man beachte das Präfix "ex" (aus) - bedeutet, ausserhalb seiner selbst zu sein, siehe auch Ekstase (Extase), Exitus. Gott allein existiert wirklich, Gott allein ist die Fülle des Seins. Diese Seinsfülle besteht in einer vollendeten Liebe, die ausserhalb ihrer selbst steht, einer Liebe, die ihr Glück in der Hingabe findet. In der Hingabe empfängt man/Frau. Wer sich selbst stirbt, wird für das ewige Leben geboren, wird zur göttlichen Essenz.

Eine Bewertung von "Ist - Zuständen" stellt eine weitere Möglichkeit dar, aus seiner gesunden Mitte in die Krankheit zu fallen. Ähnlich wie in einigen östlichen Religionen, in dem eine Bewertung von Gut und Böse abgelehnt wird, ist es auch für den Christen der Beginn der Sünde. Im Sündenfall stellt die Erkenntnis von Gut und Böse und dem nicht richtigen Umgang damit den Verlust des Paradieses dar. Die Gebote Gottes und die moralische Anforderung des Glaubens entspringen aus dieser göttlichen Realität. Sie sind göttliche Hinweise, "Gebrauchsanweisungen", dass der Mensch seine spirituelle Gesundheit behalten und entfalten kann. Die Seligpreisungen sind die Apotheke der spirituellen Gesundheit, die Sünde macht den Menschen krank. In diesem Sinne sollte eine ganzheitliche Heilweise nur in Notfällen "reparieren" und in den meisten Fällen nur zur eigenen Heilung Anstoss geben. Sie sollte dem Hilfesuchenden Wege oder Hinweise geben, seinen eigenen Heilungsvorgang in Gang zu setzen oder zu beschleunigen, mehr nicht. Alles andere wäre Problemabwälzung oder Wegnahme von Lernmöglichkeiten. Die viel gescholtene Symptombehandlung nimmt dem Körper das Zeigen von Problemen. Wenn diese Zeichen behoben, also ausgeschaltet werden, muss der Körper sich andere Möglichkeiten suchen, auf Fehler hinzuweisen. Der Körper wird also durch diese Behandlung zusätzlich belastet. Sinnvoller erscheint mir, nicht erst im Patientenstadium, sondern möglichst schon im gesunden Stadium, den Menschen beizubringen, wie die Z eichen des Körpers zu lesen sind, nicht wie sie zu unterdrücken sind. Hierbei erscheinen mir alte Spruchweisheiten wie folgende sehr wichtig und hilfreich:

"Was ist mir zu Herzen gegangen?" - bei Herzschmerzen
"Was ist mir an die Nieren gegangen? " - bei Nierenschmerzen

Bei diesen Fragen fallen einem völlig verschiedene Situationen ein. Der Schmerz ist auch ein anderer.

"Was bedrückt mich?" - bei Druckproblemen (Blutdruck, Atembeschwerden etc.)
"Was finde ich zum Kotzen?" - bei Übelkeit
"Was fresse ich in mich hinein?" - bei Magenproblemen oder Magengeschwüren
"Was raubt mir den Atem? " - bei Atembeschwerden

- oder wenn man die typische Therapeutenfrage einmal ernst nimmt:

" Was fehlt Ihnen (zum Gesundsein)?"

Hinter diesen Überlegungen stehen folgende Vorstellungen: Die Seele kommt auf die Erde, um hier zu lernen, sich zu bewähr en um dann ins nächste Leben, die Ewigkeit oder das Paradies einzukehren. Sie benötigt den Körper als Vehikel zur Umsetzung der Möglichkeiten in dieser Welt. Sie hat nur zwei Möglichkeiten, sich bemerkbar zu machen:

  1. Die innere Stimme - auf sie hören wir in der lauten und schnellebigen Welt schon lange nicht mehr.
  2. Warnsignale durch den Körper, die wir als Schmerz, Schwäche oder Defekt erkennen.

Eigentlich sollen das nur Warnlampen zum Korrigieren der Lebens weise sein. Erst wenn wir zu lange nicht auf sie hören, werden sie so schlimm, daß sie nicht mehr umkehrbar oder reparabel, sind. Jeder Körperteil hat eine bestimmte Bedeutung, die es zu verstehen gilt. Die rechte Seite bedeutet den Intellekt, die linke Seite das Ge fühl. Die Knie haben etwas mit Wissensdurst (vorn) und Planungsfähigkeit und Durchhaltevermögen zu tun. Da der moderne und aufgeschlossene Mensch dieses Wissen vergessen hat und andere Werte vermittelt bekommt, ist es heutzutage, trotz aller technischen Möglichkeiten schwerer den je, seine spirituelle Gesundheit zu erlangen oder gar zu erhalten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit bei meinen manchmal auch bewusst einseitigen Ausführungen, die Denkanstösse provozieren sollen.

Ernst August Prinz zur Lippe
Fünfbronn 22
D-91174 Spalt