Die Rolle der Medizin

Gonsar Rinpotsche

Dank der Einladung des lieben Freunds Dr. Schapowal bin ich nun das zweite Mal beim Symposium Medizin und Ethik. Es freut mich sehr und ich betrachte es als eine große Ehre, hier sein zu dürfen und über diese Themen Gedanken auszutauschen. Es ist mir vor allem deshalb eine Ehre, weil die die meisten von Ihnen Ärzte sind.

Als Arzt haben Sie eine ganz gezielte Absicht, den Menschen, zu helfen; und das in einer tiefgreifenden, weitreichenden und effizienten Art und Weise. Das ist etwas Besonderes und außerordentlich wertvoll. Ein Versuch, die Medizin mit geistigen Bedürfnissen in Verbindung zu bringen ist eine wichtige Vorgangsweise, um den Menschen in behutvoller Weise helfen zu können.

Als Titel wurde im Programm Der Weg des Medizinbuddha angekündigt, aber ich hatte eigentlich nicht vor, speziell über den über den Medizinbuddha zu sprechen. Medizinbuddha heißt auf sanskrit Baikaze Guru, das heißt der heilende Lehrer. Es ist ein Ausdruck, der eigentlich auf alle Buddhas anzuwenden ist, es ist eine grundlegende Auffassung im Buddhismus, die an erster Stelle steht. Andererseits ist das, was als Baikaze Guru bezeichnet wird, im Buddhismus auch eine spezielle Erscheinung, eine Form, die visualisiert wird, über die gezielte Meditationen ausgeführt werden; eine spezielle Anwendung, die auch von Ärzten ausgeführt wird. Der Medizinbuddha ist eine Erscheinung der Buddhas, die eine spezielle Beziehung zum Bereich der Medizin hat, wie sie im Buddhismus beschrieben wird. Darüber mehr zu sagen in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, dürfte jedoch nicht angebracht sein.

Letztes Jahr hatte ich die Möglichkeit, hier bei den Vorträgen vieler außergewöhnlich gelehrter Persönlichkeiten zuzuhören. Auch heuer wieder, und im besonderen die Ausführungen von Professor Wiesel haben mich sehr beeindruckt. Ich habe von allen diesen Erklärungen viel profitieren können. Heute morgen hat Professor Wiesel über Medizin und Ethik gesprochen, über die Qualitäten und möglichen Fehler eines Arztes und über die Vorteile und Nachteile medizinischer Vorgangsweisen und technischer Möglichkeiten. In diesen Erklärungen habe ich viele eindrucksvolle Gedanken gefunden. Wenn man vom Standpunkt des Buddhismus aus über Medizin und Ethik sprechen möchte, dann wäre das genau das, was man sagen würde. Also bleibt für mich nicht mehr viel zu sagen. Aber dennoch bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als einige Auffassungen vom Standpunkt des Buddhismus hinzuzufügen.

Heute morgen wurden auch von einem Vertreter der Gesundheitsorganisation Ausführungen über Medizin und geistige Anwendungen vorgetragen. Auch das betrachte ich als einen sehr wichtigen Punkt. Auch die Definition, die im Oxford-Lexikon über Spiritualität zu finden ist, finde ich recht passend.

Wenn dieses Wort Spiritualität oder geistige Anwendung verwendet werden soll, dann ist dies ein Ausdruck, der im Buddhismus dem Sanskrit-Ausdruck Dharma entsprechen dürfte. Dieses Wort hat einen sehr weiten Bedeutungsumfang. Unter dem Sanskritwort Dharma kann man Religion, Unterricht, geistige Erkenntnisse und auch das Gesetz von Ursachen und Wirkungen verstehen.

Das ursprüngliche Wort ist dhara; der Ausdruck Dharma kommt vom Sanskritwort dhara, was die Bedeutung von Beschützen und Halten hat. Was ist also die grundlegendste Bedeutung dieses Ausdrucks? Das ist, aus Leid heraushalten, vor Leid beschützen. Wenn man also fragt, was ist die essentielle Bedeutung von Dharma oder eines geistigen Weges ist, dann ist die Antwort: Es ist das die Bemühung, Wesen aus Leid herauszuhalten, vor Leid zu beschützen.

An diesem Punkt, denke ich, sollte über den eigentlichen Kernpunkt des Buddhismus etwas gesagt werden. Was ist der Kernpunkt des Buddhismus? Wenn man denkt, daß es Buddha oder ein anderes mystisches Wesen ist, dann ist die Antwort nein. Fragt man sich, ob der Kernpunkt des Buddhismus ein spezifischer Lama oder Meister ist, dann ist die Antwort ebenfalls nein. Und fragt man sich, ob der Kernpunkt des Buddhismus eine philosophische Anschauung ist, dann ist auch hier die Antwort nein. Was ist also der Kernpunkt des Buddhismus? Die lebenden Wesen, die fühlenden Wesen, sind es, was als Kernpunkt des Buddhismus zu sehen ist.

Buddha hat eine außerordentlich große Zahl von Unterweisungen gegeben, und alle diese Erklärungen beziehen sich auf die Wesen. Das Zentrum des Interesses aller dieser Erklärungen sind die Erfahrungen, die die Wesen machen. So hat Buddha viele Erklärungen über philosophische Auffassungen gegeben; ebenfalls über bestimmte Anwendungen, Meditationen und auch über Medizin. Das Zentrum und der Zweck aller dieser Erklärungen ist es, Zusammenhänge der Erfahrungen der Wesen zu beschreiben. Meine persönliche Meinung ist, daß sich das nicht nur auf den Buddhismus beschränkt. Obwohl die philosophischen Auffassungen von einer Religion zur anderen recht unterschiedlich sein können, dürfte der eigentliche Punkt, auf den sich alle Erklärungen der Religionen beziehen, letztlich das Glück und Leid der Wesen sein.

Das ist vergleichbar mit dem Sinn und Zweck der verschiedenen medizinischen Systeme. Es gibt in der Welt eine ganze Reihe medizinischer Systeme, allopathische, homöopathische und so weiter. Und das Ziel aller dieser medizinischen Systeme ist doch nichts anderes, als letztlich den Menschen zu nützen, ihre Krankheiten zu heilen. Ganz gleich, ob es sich um Religion handelt oder ob es sich um Medizin handelt, die Auffassungen mögen etwas unterschiedlich sein, aber das Ziel der einzelnen Systeme ist letztlich das gleiche. Und so denke ich, daß es außerordentlich wichtig ist, in allen diesen Bereichen, sei es Religion oder Medizin, sich bewußt zu sein, was das eigentliche Ziel aller dieser Systeme und Bemühungen ist. Denn dann entsteht in einem Respekt gegenüber den anderen Systemen, entsteht ein richtiges Verhalten.

In bezug auf ein einzelnes Wesen wird das eine System oder das andere die bessere Wirkung hervorbringen, sowohl was Religion als auch Medizin anbelangt. Aber die bessere Wirkung für einen selbst eines spezifischen Systems als Grund zu nehmen, andere Systeme geringzuschätzen oder zu vernachlässigen, ist nicht gerechtfertigt. Denn indem wir uns bewußt sind, daß das eigentliche Ziel aller dieser Systeme einzig der Nutzen und die Hilfe für die Wesen ist, entsteht in uns eine offene, weite Auffassung, ein Respekt allen Wesen gegenüber, und das betrachte ich als einen sehr wichtigen Punkt. Indem man einerseits sich bewußt ist, daß das Ziel des eigenen Systems und das der anderen das gleiche ist, ist es richtig, Respekt zu haben. Aber mit der gleichen Begründung dann auch alles miteinander zu mischen wird hier auch nicht zum Ziel führen.

Das eigentliche Ziel, kurz gesagt, sowohl der Religionen als auch der medizinischen Systeme ist es, das Leid der Wesen zu lindern, zu beseitigen. Und das Mittel, mit dem man die Wesen vor Leid schützt, ist es, was als Dharma bezeichnet wird, und das ist es, was die eigentliche Bedeutung von Spiritualität sein muß. In den einzelnen Religionen gibt es unterschiedliche Verhaltensweisen, verschiedene Arten zu beten, verschiedene Arten, seine Ehrerbietung zu zeigen. Aber alle diese Dinge sind nicht die Essenz der Religion. Die Essenz ist etwas anderes. Die wirkliche Spiritualität ist nichts anderes, als den Wesen zu dienen, ihnen zu nützen, Hilfe zu bringen, ihr Leid zu beseitigen. Und weshalb ist es so? Es ist deshalb so, weil es im allgemeinen, unter allem, was existiert, nichts Wertvolleres als die Wesen gibt. Es sind die Wesen das Bedeutendste, das Wertvollste. So wird es im Buddhismus beschrieben.

Nun, was ist unter einem Wesen zu verstehen? Unter den vielen Objekten, unter den vielen Phänomenen, die existieren, sind die Wesen eine Gruppe von Phänomenen, die sich dadurch auszeichnen, daß sie ein Bewußtsein haben. Und solche Objekte, die ein Bewußtsein haben, die Erfahrungen machen, werden als Wesen bezeichnet. Weil Wesen Bewußtsein besitzen, machen sie Erfahrungen von Glück und Leid, sind sie in der Lage, Unterscheidungen zu machen, und das macht sie, im Vergleich zu anderen Objekten, zu etwas so Besonderem. Unter allen Objekten, die in dieser Weise als Wesen zu bezeichnen sind, sind die Menschen wieder eine Untergruppe. Eine Untergruppe mit besonderen Merkmal, nämlich mit einem Zustand des Geistes, der sehr gut in der Lage ist, Unterscheidungen zu machen.

Wir geraten? manchmal in Situationen, wo wir vielleicht der Meinung sind, daß andere Gegenstände wertvoller sind als Menschen; daß vielleicht Gold oder Edelsteine wertvoller sind als die Wesen. Aber das ist nicht richtig. Solche Gegenstände sind von ihrer eigenen Seite her an und für sich etwas, das keinerlei besonderen Wert hat. Diese Gegenstände werden erst im Bezug zu Wesen zu einem Objekt bestimmten Wertes. Weil die Wesen etwas so Besonderes sind, werden auch alle Handlungen, die den Wesen nützen oder schaden, zu ganz besonders wirkenden Handlungen. Handlungen, die den Wesen Schaden zufügen, sind sehr schädliche, negative Handlungen, die es zu vermeiden gilt. Handlungen, die den Wesen nützen, ihnen helfen, sind Handlungen, die außerordentlich wertvoll sind, Handlungen, die man ausführen sollte.

Wenn man das Leben eines Wesens zerstört, dann ist das eine sehr negative Handlung. Wenn man, im Vergleich dazu, ein Glas zerstört, dann mag das dem Besitzer des Glases ein bißchen weh tun, aber dem Glas selbst tut es nicht weh. Es ist deshalb keine negative Handlung, die vergleichbar ist mit dem Zerstören des Lebens eines Wesens. Wenn wir vielleicht ein Glas, das einem Wesen sehr großen Nutzen bringt, sehr wertvoll für ein bestimmtes Wesen ist, zerstören, dann entsteht dadurch eine negative Konsequenz. Aber eben wiederum nicht durch das Zerstören des Glases selbst, sondern durch den Schaden, den man dadurch diesem spezifischen Wesen zufügt.

Wenn wir von Gut und Schlecht sprechen, von Sinnlos oder Sinnvoll sprechen, dann brauchen wir eine Grundlage, auf der wir entscheiden, was gut und schlecht, was sinnvoll und sinnlos ist. Es gibt keine einzige andere richtige Grundlage als die Erfahrungen der Wesen, um eine solche Unterscheidung zu machen. Wenn man sich also fragt, was ist die Ethik des Buddhismus, dann ist das nicht eine Ethik, die Buddha gemacht hat, nicht eine Liste von Regeln, die Buddha verfaßt hat. Was ist dann also die Grundlage, auf der Buddha deutlich macht, welche Handlungen richtig sind, welche Handlungen falsch sind, was gut und was schlecht ist? Die Grundlage ist der Nutzen und der Schaden der Wesen. Das heißt, Handlungen, die den Wesen Hilfe und Nutzen bringen, werden als richtige, heilsame Handlungen bezeichnet. Handlungen, die den Wesen Schaden bringen, werden als negative, unheilsame Handlungen bezeichnet. Das ist die einzige Grundlage, es gibt kein anderes Kriterium. Es wird oft gesagt, daß die Grundlage der Ethik im Buddhismus Ahimsa ist. Ahimsa wird oft als Gewaltlosigkeit übersetzt, oder Schadloshalten. Das heißt, anderen keinen Schaden zuzufügen, es zu vermeiden, anderen zu schaden.

Das ist die allergrundlegendste Ethik im Buddhismus. Und auf dieser Grundlage gibt es dann noch viele Erweiterungen und Präzisionen, die auch gezielt das Nützen den Wesen gegenüber betreffen. Das ist also die Bedeutung der Ethik im Buddhismus.

Was ist es, was die Wesen alle immer anstreben, was ihr grundlegendster Wunsch ist? Der grundlegendste Wunsch aller Wesen ist es, immer Glück zu erfahren und Wohlbehagen zu erfahren. Es ist ihr grundlegendster Wunsch immer, kein Leid und kein Unbehagen erfahren zu müssen. Das ist die grundlegendste Eigenschaft aller Wesen. Und auch das Recht, Glück erfahren zu dürfen und kein Leid erfahren zu müssen, steht allen Wesen in genau gleicher Weise zu. Es wäre falsch zu denken, daß das eine Wesen mehr Recht hätte, glücklich zu sein als ein anderes Wesen.

Und wo beginnt dann also wirkliche Spiritualität, wo beginnt ein wirklicher geistiger Weg? Ein wirklicher geistiger Weg beginnt dort, wo man diese grundlegende Eigenschaft der Wesen erkannt und verstanden hat, aus einem richtigen, tiefen Verständnis des gleichen Rechtes aller Wesen auf Glück und Wohlergehen sein eigenes Glück in den Hintergrund stellt und nicht nur sein eigenes Glück und Wohlergehen, sondern vor allem auch das der Wesen ins Auge faßt. Wenn der Wunsch für das Wohlergehen der anderen in einem Platz finden, dann hat in einem wirkliche Spiritualität begonnen.

Wenn man sich fragt, was im Buddhismus das Kriterium ist, ob jemand ein Anwender des Buddhismus ist oder nicht - das Kriterium wird beschrieben als ein Anwenden des Gesetzes von Handlungen und Wirkungen. Und das bedeutet nichts anderes, als zu verstehen, was die Situation der Wesen ist, zu erkennen, wie die Handlungen wirken, und aus einem solchen Verständnis heraus bemüht zu sein, alle Handlungen, die Schaden für einen selbst und andere verursachen, zu vermeiden, und Handlungen, die einen wirklichen Nutzen für die Wesen darstellen, auszuführen.

Wenn man sich über diesen Punkt nicht klar ist, das nicht als Grundlage seines Verhaltens sieht, aber sich vielleicht zurückzieht und stundenlange Meditationen ausführt in wunderbarer aufrechter Haltung und sich dann fragt, ob man ein Anwender des Buddhismus ist, dann ist die Antwort nein. Wenn man auch noch so viele wunderbare Rezitationen ausführt, viele Stunden täglich, aber nicht dieses grundlegende Verhalten als Ziel sieht, dann sind auch diese vielen Rezitationen keine Anwendung des Buddhismus. Keinerlei Interesse am Glück und Leid der Wesen zu haben, nicht bemüht zu sein, den Wesen keinerlei Schaden zuzufügen, und nicht bemüht zu sein, den Wesen zu nützen und zu dienen, ist eine Grundlage, die keinerlei Anwendung von Spiritualität oder Religion darstellen kann.

Und meine Meinung ist, daß das nicht nur für den Buddhismus gilt, sondern daß das wohl in jeder Religion zutreffen müßte. Ich kenne andere Religionen nicht in großer Tiefe und großem Umfang, aber ich habe die Bibel ein bisschen studiert und habe dort ganz deutlich den Eindruck, daß die Essenz der Unterweisungen, die Jesus Christus gegeben hat, es ist, den Wesen keinen Schaden zuzufügen, ihnen von Nutzen zu sein. Erbarmen und Liebe wird es oft genannt, oder Nächstenliebe, das ist die Essenz einer Religion. Das heißt, diese Entschlossenheit, dieser Wunsch, den Wesen von Nutzen zu sein, ihr Glück und Wohlergehen erfüllen zu können.

So haben wir einerseits Anwendungen von Religion, andererseits Anwendungen von Medizin. Und die Natur dieser beiden Arbeiten ist genau die gleiche, es ist den Wesen Wohlergehen und Glück zu bringen und sie von Leid und Unbehagen loszulösen. Das ist das einzige Ziel, sowohl der Religion als auch der Medizin. Die Unterteilung dieser beiden würde man so sehen, daß Medizin das Mittel ist, um die manifesten, deutlichen körperlichen Krankheiten der Wesen zu heilen; und die Religion das Mittel ist, um die Wurzel, die zu diesen Krankheiten führt, diese Wurzeln, die im Geist vorhanden sind, zu beschwichtigen und zu beseitigen. Es sind diese zwei Arbeiten vollständig miteinander verbunden, weil das manifeste Leid der Wesen und die Ursachen dieses Leids eine direkte Beziehung miteinander haben.

Sowohl in der Philosophie als auch in der Medizin wird beschrieben, daß die eigentliche Wurzel aller körperlichen Krankheiten, die Wesen erfahren, im Geist liegt, in bestimmten Aspekten des Geistes. Alles Leid, das Wesen in der Gesellschaft erfahren, ebenso wie sie es als individuelle Personen erfahren, hat seinen Ursprung in bestimmten Aspekten des Geistes. Das ist einer der wichtigsten Punkte der Philosophie des Buddhismus. Viele Einflüsse können Faktoren bilden, die zu Erfahrungen von Leid führen. Schlechtes Wetter kann einen entsprechenden Einfluß haben. Aber diese äußeren Einflüsse sind nicht die eigentliche Ursache. Die eigentliche Ursache für alles Leid, das wir erfahren, sieht man im eigenen Geist.

Was ist der Grund, weshalb wir in einer Weise existieren, daß wir Leid erfahren können, daß wir verletzbar sind, daß wir Leid und Krankheiten überhaupt unterliegen können? Der eigentliche Grund dafür, wird in der buddhistischen Philosophie deutlich gemacht, liegt im Geist. Unsere spontane Auffassung widerspricht dem, und wir denken fälschlicherweise, daß alles äußere Einflüsse sind, die verantwortlich sind für die verschiedenen Leiden, die wir erfahren. Entweder ist es die Gesellschaft, die schuld ist, oder es ist die Umgebung, die schuld ist, oder es ist der Nachbar, der schuld ist am eigenen Leid, und wenn man einfach partout nichts mehr finden kann, dann erfindet man irgendwelche Gespenster, die schuld sind am eigenen Unbehagen sind: Solche Auffassungen entsprechen jedoch nicht der Wirklichkeit. Äußere Einflüsse können Umstände für entsprechende Erfahrungen sein, können Erfahrungen auslösen. Oft sehen wir auch äußere Einflüsse, die gar nicht verantwortlich sind, als Ursache für unser Unbehagen. Aber diese, sagt man im Buddhismus, sind nicht die wirkliche Ursache. Die eigentlichen Ursachen liegen nur im eigenen Geist. Die äußeren Einflüsse sind sehr veränderlich. Sie können zum einen Zeitpunkt Wohlergehen in einem auslösen, dasselbe Objekt zu einem späteren Zeitpunkt Unbehagen. Es kann eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine Person ein Faktor des Wohlergehens sein, zum anderen Zeitpunkt ein Faktor des Leides. Für die eine Person ist ein bestimmter äußerer Einfluß angenehm, für die andere Person unangenehm. Die äußeren Faktoren sind in ihrer Wirkung nicht bestimmt.

Buddha hat beschrieben, daß die eigentliche Wurzel für alles Leid, das wir erfahren, im eigenen Geist liegt. Und das sind die sogenannten drei Gifte. Auch in den medizinischen Schriften wird deutlich gemacht, daß es diese drei Gifte sind, die an der Wurzel jeglicher Krankheit liegen. Diese drei Gifte sind Unwissenheit, Begierde und Haß. Die eigentliche Wurzel ist Unwissenheit. Und aus dieser Wurzel entstehen dann viele Zweige, die als Verblendungen bezeichnet werden. Alle Gedanken und alle Handlungen, die von diesen Verblendungen beeinflußt sind, werden als Grundlage für unsere Erfahrungen von Leid und Krankheit gesehen.

Die tiefste Wurzel liegt in Unwissenheit und Ichbezogenheit. Die Antwort darauf ist, daß wir Erfahrungen von Leid und Krankheit zwar wohl beeinflussen können, aber nicht vollständig beseitigen können, solange wir diese innersten Ursachen, diese Wurzel für alles Leid, nicht aus unserem geistigen Kontinuum entfernt haben. Wenn hier von Unwissenheit gesprochen wird, ist das nicht einfach ein Nichtwissen bestimmter Zusammenhänge, sondern sehr tiefgreifende Zusammenhänge werden darunter verstanden, deren Nichtverstehen als Unwissenheit bezeichnet wird. Im Buddhismus wird der Ausdruck selbstgreifende Unwissenheit verwendet. Dieser Ausdruck bezieht sich auf dieses Selbst, das eigene Ich, diese Person, die die Leiden erfährt, die im Zentrum aller dieser Erfahrungen von Leid und Krankheit steht. Was ist dieses Ich, das sich nach Glück sehnt und Leid zu vermeiden wünscht? Dieses Ich ist in Wirklichkeit eine Anhäufung vieler Teile und Aspekte, die in abhängig von Ursachen und Umständen in gegenseitigen Bezug bestehen.

Unsere spontane Auffassung dagegen ist die, daß dieses Ich in einer unabhängigen Weise als etwas ganz Konkretes, aus sich Bestehendes irgendwo im eigenen Inneren existiert. In Wirklichkeit ist dieses Ich lediglich etwas, das in abhängiger und bezogener Weise, in nomineller Weise, besteht. Aber diese Wirklichkeit erfassen wir nicht. Diese Wirklichkeit des eigenen Ichs erkennen wir nicht. Stattdessen sind wir der Meinung, daß ein unabhängiges Ich im eigenen Inneren besteht. Und zu dieser Fehlauffassung kommt dann noch die Auffassung, daß wir dieses vermeintlich unabhängig bestehende Ich sehr wichtig ist, daß sein Glück und Leid wichtiger ist als das anderer Personen. Dadurch entsteht Selbstschätzen, und daraus entstehen alle weiteren Verblendungen des Geistes. Aus dieser Einstellung heraus entsteht auch die Auffassung von Freunden, Feinden und Gleichgültigen, aus dieser Einstellung heraus teilen wir die anderen Wesen in drei solche Gruppen ein. Aus dieser Einstellung heraus hängen wir an einer Gruppe, haben Haß und Abneigung gegenüber einer anderen, und stehen der dritten Gruppe gleichgültig gegenüber.

In dieser Weise sind es die Verblendungen, die die Erfahrungen von Leid anziehen. Wenn die Verblendungen im eigenen Geist stark sind, mag der Körper in einem gesunden Zustand sein, die Person wird aber kein richtiges Wohlergehen erfahren. Daß übermäßige Gier und übermäßiger Ärger ganz konkret körperliche Krankheiten herbeiführen, ist etwas Offensichtliches, das wir auch aus Erfahrung kennen. Die Vorgangsweise ist die, daß das Auftreten dieser Verblendungen das subtile System der Energien stört, und dieser gestörte Fluß der Energien ist es, der im Laufe der Zeit dann zum Entstehen der Krankheiten führt. Damit wir Wohlergehen erfahren, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, daß diese subtilen Energien im Körper in einer harmonischen Weise fließen. Und einer der am meisten störenden Faktoren, der gegen das harmonische Fließen der Energien wirkt, ist das Auftreten der Verblendungen. Wenn das über längere Zeit immer wieder auftritt, wird diese Störung immer gröber, führt zu Störungen des Blutes, der Nerven und so weiter und zieht damit allmählich auch körperliche Krankheiten herbei.

Wenn wir eine wirkliche Besserung des Zustandes der eigenen Person und anderer Wesen erreichen wollen, dann müssen wir einerseits in richtiger gesundheitlicher Vorgangsweise den Körper pflegen und gleichzeitig auch die eigentlichen Ursachen für Unbehagen und Krankheiten, nämlich diese störenden Faktoren des Geistes, in Angriff nehmen. Um also den Wesen wirklichen Nutzen und Hilfe zu bringen, ist das Wichtigste Erbarmen, diese Zuneigung zu den Wesen, diese Wertschätzens der Wesen.

Und was ist Erbarmen? Erbarmen ist ein intoleranter Zustand des Geistes. Und worauf bezieht sich diese Intoleranz? Sie bezieht sich auf die Erfahrung von Leid der Wesen. Erbarmen ist ein Zustand, der es nicht tolerieren kann, daß andere Wesen Leid erfahren. Wenn man in bezug auf das geringste Unbehagen, das man selbst erfährt, intolerant ist, in bezug auf das Leid, das ein großer Teil der anderer erfahren mag, unglaubliche Toleranz an den Tag legt, dann ist das ein Zeichen dafür, daß man nicht das geringste Bißchen spiritituelle Bemühung in sich hat.

Wenn wir also die Arbeiten von Religion und Medizin betrachten, dann sehen wir, daß aus den vielen Dingen, die wir für die Wesen tun können, es diese zwei Aktivitäten sind, die direkt das Wohlergehen der Wesen in Angriff nehmen, die somit zu den allerwertvollsten Beschäftigungen gehören, denen man nachgehen kann. Wenn man selbst in die Situation kommt, solcher Arbeit nachgehen zu können, sollte man das als etwas Außerordentliches schätzen und sich freuen, solche Fähigkeiten gewonnen zu haben. Wenn man andere sieht, die das tun, sollte man sich über deren Bemühungen aus tiefstem Herzen freuen.

Ob diese Beschäftigung aber wirklich zu einer spirituellen Anwendung wird oder nicht, hängt von der Motivation ab. Wenn die Absicht hinter diesen Beschäftigungen es ist den anderen Nutzen zu bringen und zu helfen, dann wird diese Beschäftigung zu einem geistigen Weg. Wenn nicht Erbarmen den Wesen gegenüber als Grundlage vorhanden ist, dann werden solche Beschäftigungen ebenfalls wieder zu nichts anderem als zu gewöhnlichen, weltlichen Beschäftigungen. Großzügigkeit zum Beispiel ist eine sehr wertvolle Eigenschaft und ist eigentlich nichts anderes, als anderen etwas zu geben, zu schenken. Wenn man aus Erbarmen den anderen gegenüber schenkt, aus dem Wunsch, anderen zu nützen, dann ist das eine wirkliche, spirituelle Verhaltensweise. Wenn man aber zum Beispiel die Absicht hat, anderen zu schenken, um dadurch berühmt zu werden, dann hat das nichts mit Spiritualität zu tun, dann treibt man lediglich Handel und versucht ein Geschäft zu machen. Deshalb ist die Motivation so entscheidend.

Um es ganz kurz zusammengefaßt zu sagen: Das, was das Wichtigste ist, das, was man als universelle Ethik und universelle Spiritualität bezeichnen kann, das, was man als universelle Religion bezeichnen kann, ist nichts anderes als Erbarmen. Und das ein Erbarmen, das ehrlich ist, das die ehrliche Absicht hat, den anderen zu nützen. Dann ist das eine wirkliche Spiritualität, ist es eine wirkliche Anwendung von Religion. Und so, wie das heute Vormittag auch schon erwähnt wurde, wird selbst eine Person, die sich vielleicht als Atheist bezeichnet, aber solche Absichten hat und einem entsprechenden Verhalten folgt, zu einer wirklichen spirituellen Person. Eine solche Person, sagt vielleicht 'ich akzeptiere keine Religion', 'ich akzeptiere keine Kirche'. Die Einstellung des Wertschätzens der anderen und der Wunsch anderen zu dienen und zu nützen, und die wirklichen Bemühungen für das Wohl der anderer, werden eine solche Person jedoch zu einem wirklichen Anwender eines geistigen Weges machen.

Ein solches Erbarmen gilt es mit genauem Wissen, und einer richtigen Weisheit zu verbinden. Die Absicht allein, anderen zu nützen und zu helfen, ist nicht genug. Vielmehr muß diese Absicht von dem klaren Wissen, wie der Nutzen anderer erreicht wird, begleitet sein, um auch wirklichen Nutzen bringen zu können. Sonst wird man leicht Dinge tun, die im Moment etwas nützen, auf die Dauer aber großen Schaden bringen. Wenn man genau erkennt, was die Situation des anderen ist und was ihm wirklich nützt, und aus einer solchen Weisheit mit einem tief erbarmenden Wunsch vorgeht, wird man wirklichen Nutzen bringen können.

Es war heute vormittag die Frage in bezug auf progressive Methoden, neue, technische Methoden, um den Wesen zu nützen. Nun, den Buddhismus, kann man durchaus als eine progressive Religion betrachten. Auch neue, technische Mitteln, die den Wesen wirklichen Nutzen zu bringen, sind geeignet, benützt zu werden. Es gilt dabei aber genau zu untersuchen, ob die verwendeten Mittel mehr Nutzen als sie Schaden bringen, oder ob es umgekehrt ist. Wenn sie großen Nutzen bringen und nur geringer Schaden entsteht, dann sind es geeignete Mittel. Wenn der Schaden groß ist und der Nutzen nur gering ist, dann sind es Dinge, die man vermeiden sollte. Und das ist nicht nur auf kurzfristige Wirkungen, sondern auf weitreichende Wirkungen zu prüfen.

Abschliessend möchte ich noch bemerken, daß Dr. Schapowal eine sehr weite Sicht ins Auge gefaßt hat in seiner Absicht, diese Veranstaltungen zu organisieren - etwas, das ich als sehr wertvoll, sehr wichtig sehe, und ich möchte aus tiefstem Herzen dafür beten, daß er diese Bemühungen weiterführen wird und sie weiterhin gut gelingen werden.

Empfohlene Literatur:
Geshe Rabten: Schatz des Dharma. Edition Rabten, Le Mont Pèlerin (1997)
Geshe Rabten: Inneren Frieden bewahren. Edition Rabten, Le Mont Pèlerin (1999)

Lama Gonsar Rinpotsche
Centre des hautes études tibétaines
CH-1801 Le Mont Pèlerin