Tinnitus - zur aktuellen Situation
in der Schweiz

In der Schweiz als einem der reichsten Länder der Welt mit einer der weltweit besten und zu Recht international führenden Gesundheitsversorgung wird Tinnitus stiefmütterlich behandelt, obwohl schätzungsweise 550.000 Menschen betroffen sind, 70.000 davon schwer. Oftmals wird der akute und subakute Tinnitus von den Hausärzten vernachlässigt, nicht oder zu wenig therapiert, zu spät zum Ohrenarzt überwiesen. Immer wieder kommen Fälle vor, wo z. B. eine Grippeotitis mit Innenohrschaden und Tinnitus als „einfache“ Mittelohrentzündung nur mit Schmerzmitteln, Antibiotika und abschwellenden Nasentropfen behandelt wird, ohne dass eine Hörprüfung erfolgt und ohne dass ggfls. sofort durchblutungsfördernd behandelt wird. Ganz düster steht es um die Therapie des chronischen Tinnitus, wo unter Ärzten oftmals die Meinung vorherrscht, man könne da nichts tun.

Diagnostik

Wenigstens bei den Ohrenärzten kann man sicher sein, dass der objektive Tinnitus, bei dem eine körpereigene gefäss- oder muskelbedingte Schallquelle existiert, deren Schall gehört wird, erkannt und behandelt wird. Abklärungen wie Abhören der Arteria carotis bei pulssynchronen Ohrgeräuschen, Otoskopie, Tympanometrie, Impedanzmessung, Tonaudiometrie, Unbehaglichkeitsschwelle, Bestimmung der Tinnituslautheit mit Schmalbandrauschen und der Frequenzcharakteristik, Hirnstammaudiometrie, Vestibularisprüfung, Kernspintomographie finden statt. Oft nicht durchgeführt hingegen werden weitere notwendige medizinische Abklärungen wie
Halswirbelsäulendiagnostik, insbesondere auf funktionelle Störungen im Atlas-Axis-Bereich,

  • Untersuchung des Gebisses und Kauapparates bei Hinweis auf Störungen des Kauapparates oder Bruxismus (Zähneknirschen),
  • Dopplersonographie der hirnversorgenden Arterien bei pulssynchronen Ohrgeräuschen oder bei zerebralen Durchblutungsstörungen bei Kopfdrehen,
  • Labordiagnostik wie Infektionsserologie (Borreliose, HIV, Lues), Immunologie (Immunglobuline, Rheumafaktoren, gewebsspezifische Auto-Antikörper wie z. B.
    das Anti-68 kDa Protein gegen Innenohr), Stoffwechsel wie Blutzucker, Blutfette, Leberenzyme, Schilddrüsenhormone oder Blutbild,
  • Internistische Untersuchung bei Verdacht auf Herz-, Kreislauf, Stoffwechsel- oder rheumatische Erkrankungen,
  • Psychologische Diagnostik bei Verdacht auf Dysstress-Situation im privaten, oft partnerschaftlichen oder beruflichen Bereich (Mobbing!).

Gelingt die Tinnitus-Diagnostik im Rahmen einer organischen Erkrankung oder bedingt durch Störung der Nervenzellfunktion des Innenohres letztlich noch häufig befriedigend, gestaltet sich die richtige Einschätzung des subjektiven Tinnitus, der durch eine fehlerhafte Informationsbildung im auditorischen System ohne Einwirkung eines akustischen Reizes bedingt ist, deutlich schwieriger.
Einerseits ist das Wissen um die Genese dieser häufigsten Tinnitusform als zentrale Verarbeitungsstörung des akustischen Systems noch zu wenig verbreitet, andererseits fehlt es oft an der Anwendung vorhandener, gut geeigneter psychometrischer Tests zur Erfassung des Handicaps durch den Tinnitus. Die grobe Einschätzung, ob der Tinnitus kompensiert ist, d. h. dass der Betroffene damit umgehen kann, nur geringer Leidensdruck besteht und die Lebensqualität nicht wesentlich beeinträchtigt ist, oder ob er dekompensiert ist, gelingt meist.
Noch nicht durchgesetzt hat sich die von Biesinger 1998 vorgeschlagene Einteilung in 4 Stadien:

Grad 1: Kompensiertes Ohrgeräusch, kein Leidensdruck
Grad 2: Der Tinnitus tritt hauptsächlich in Stille in Erscheinung und wirkt störend bei Stress und
Psychisch-physischen Belastungen
Grad 3: Der Tinnitus führt zu einer dauernden Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich.
Es treten Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich auf.
Grad 4: Der Tinnitus führt zur völligen Dekompensation im privaten Bereich.

Behandlung des akuten Tinnitus:

Die Behandlung sollte so schnell wie möglich, also in den ersten Tag nach Auftreten des Tinnitus begonnen werden. Folgende Verfahren sind üblich und können kombiniert werden:

  1. Rheologische Infusionsbehandlung mit Plasmaexpandern und Vasodilatatoren wie z. B.
    Pentoxyfyllin, niedermolekulare Dextrane, Hydroxyethylstärke für 10 Tage, danach Fortsetzung oral z. B. mit Pentoxyfyllin und Gingko biloba Extrakten.
  2. Kortisontherapie beginnend hochdosiert mit 500 mg Cortison/Tag für 3 Tage, danach jeweils reduziert über 10 Tage.
  3. Therapeutische Lokalanästhesie z. B. durch Blockaden des Ganglion stellatum auf der betroffenen Seite 1 x täglich.
  4. Manualmedizinische Behandlung bei zervikogenem Tinnitus.
  5. Bei Problemen mit den Kiefergelengen kieferorthopädische Therapie, bei Bruxismus Schienung nachts und Einleitung einer Psychotherapie.


Bei Punkt 1 – 3 könnte die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und HNO-Ärzten besser werden, bei Punkt 4 und 5 jene mit Orthopäden und/oder Chiropraktoren, bei Punkt 5 mit Zahnärzten und/oder Kieferorthopäden.
Wenn die vorgenannten Verfahren keine Besserung gebracht haben, kommt im einzelnen Fall die hyperbare Sauerstofftherapie in Frage.

Behandlung des subakuten Tinnitus

In dieser Phase soll die diagnostische Abklärung des Tinnitus komplettiert werden. Dem Patienten soll die Angst vor dem Tinnitus, ggfls. die Angst vor einem Hirntumor oder anderen bedrohlichen Erkrankung genommen werden.
Diverse zusätzliche therapeutische Optionen wie Lidocaintest und Behandlungsversuch mit Tocainid,
evtl. Versuch mit Neurotransmittern, evtl. Versuch mit Calciumantagonisten, Antikonvulsiva,
evtl. Versuch mit Antidepressiva u./o. Tranquilizern werden meist nicht durchgeführt. Dabei ist sicher zu beachten, dass viele dieser Therapieformen Nebenwirkungen haben und teilweise nur im Rahmen eines stationären Klinikaufenthaltes angeboten werden können.
Ferner soll in dieser Phase mit der Beratung des Patienten im Hinblick auf den Umgang mit seinem Tinnitus begonnen werden (Tinnitus-Counselling). Ihm soll Hoffnung vermittelt werden. Z. B. kann mit einem Entspannungstraining begonnen werden.

Behandlung des chronischen Tinnitus

Besonders in diesem Bereich ist in der Schweiz noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Dies fängt bei einem einheitlichen Tinnitusfragebogen zur Beurteilung des Schweregrades und zum Monitoren des Behandlungserfolges an. Am besten evaluiert und in viele Sprachen übersetzt ist der Tinnitus-Fragebogen nach Göbel und Hiller. Optimum ist die vernetzte, fachübergreifende Betreuung des Patienten im Sinne des Counselling der Retraining-Therapie. Subtil sollte die Indikation zur Versorgung mit Hörsystemen und Rauschgeneratoren (Noisern) geprüft werden. Hier ist enge Zusammenarbeit zwischen Ohrenarzt und Hörgeräteakustiker gefragt. Hörsysteme gehen zu Lasten der Versicherungsträger IV, AHV, SUVA oder MV, Noiser bis auf Einzelfälle von Knalltraumen beim Militär leider noch immer 100 % zu Lasten des Betroffenen, während sie in z. B. in Deutschland nach Einzelfallprüfung meist von den Krankenkassen übernommen werden. Die in Deutschland, England und den USA so verbreitete Tinnitus-Retraining-Therapie durch ein Team von Ohrenarzt, Hörgeräteakustiker und Psychotherapeuten wird noch nicht flächendeckend angeboten. Der Schweizerischen Tinnitus-Liga (STL) sind TRT-Teams in Thun, Chur/Landquart und Olten bekannt.

Was ist eigentlich Psychotherapie und was bringt sie bei Tinnitus?
In der Verhaltenstherapie geht es um Erlernen neuer Verhaltensmuster nach einem lerntheoretischen Ansatz z. B. bei Platzangst, Höhenangst etc.
Die tiefenpsychologisch fundierte Gesprächstherapie will unbewusste, konfliktbeladene Ursachen für psychosomatische Symptome in Einzelgesprächen oder in Therapiegruppen erfassen. Es finden Sitzungen von 1 bis 2 Stunden pro Woche in einer Kurzzeittherapie bis 25 Stunden oder wenn nötig einer Langzeittherapie über 2 bis 3 Jahre statt.
Seelische Bedingtheit/Mitbedingtheit und Modulation körperlicher Leiden:
Stimmung und Krankheit beeinflussen sich gegenseitig. Zum Beispiel: Schnupfen drückt die Laune –
bei schlechter Stimmung ist der Schnupfen subjektiv schlimmer („die Nase voll haben“).
Die Befindlichkeit triggert körperliche Symptome, z. B. Tinnitus. Klassische psychosomatische Erkrankungen können auch zu organisch fassbaren Veränderungen führen
Es gibt zwar keine Tinnituspersönlichkeit, aber es gibt
Stress ? als Trigger für Tinnitus,
starke Leistungsorientierung – Schuldgefühle,
geringe Wahrnehmungsfähigkeit für Erschöpfung, Ärger, Wut etc. (hier kann der Tinnitus Signalcharakter haben),
Abgrenzungsschwierigkeiten der eigenen Verantwortung oder der anderer (Gefühl des Ausgebranntseins, des Ausgenutztseins),
belastende Lebenssituationen ("zuviel um die Ohren").
Der erfahrene Therapeut wird praktische Angebote machen:
Fragebogen als diagnostisches Hilfsmittel zur Abklärung: „Wo liegt Ihr persönlicher Schwerpunkt/Konflikt bei Ihrem Ohrgeräusch?", fünf probatorische Sitzungen zur Abklärung der persönlichen Problematik und der erforderlichen Therapiebausteine.

Last but not least, und da sieht es in der Schweiz gar nicht so schlecht aus, sind die Tinnitus-Selbsthilfegruppen sehr wichtig als Modul des Heilwerdens. In der Selbsthilfegruppe können Tinnitus-Betroffene andere Betroffene sehen, beobachten, ihre Tinnitus-Geschichte hören, vergleichen, mit ihnen sprechen, Hilfe annehmen und weitergeben. Dies dient der Selbstkontrolle, der Entwicklung von Strategien zur Bewältigung des Tinnitus-Leidens und der Hilfe zur Selbsthilfe.
Selbsthilfegruppen der STL gibt es in Aarau, Basel, Bern, Biel, Chur, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Thun, Uri, Uster, Weinfelden, Zug, Zürcher Unterland und Stadt Zürich sowie im Tessin. Auskunft über die Gruppen, über Teams Ohrenärzte-Hörgeräteakustiker und Tinnitus-Retraining-Teams sowie über Veranstaltungen der STL erhält man im Sekretariat der STL bei Annerös Koch, Bahnhofstr. 16, Postfach 220, 3860 Meiringen, Tel: 033-9715573, e-mail: info@tinnitus-liga.ch, Homepage: www.tinnitus-liga.ch.
Die Herbstversammlung der STL wird am 25. 10. 2003 in Chur stattfinden; Schwerpunktthema wird Musiktherapie bei Tinnitus sein.

Projekt Notfalldienst Hörsturz/Tinnitus

Seit 1920 ist der Bund Schweizerischer Schwerhörigen-Vereine die Interessenvertretung für die inzwischen rund 600.000 Menschen mit Hörproblemen in der Schweiz. Seit 1. 6. 2002 heisst der BSSV neu pro audito schweiz.
Ein aktuelles Projekt von pro audito schweiz betrifft die Einrichtung eines Notfalldienstes für Hörsturz- (jedes Jahr 3.000 neue Fälle in der Schweiz) und Tinnitus-Betroffene. Dieser Notfalldienst soll jedermann in erster Linie als Notfallhilfe bei Hörsturz und Tinnitus zur Verfügung stehen, in zweiter Linie auch für Informationen über Hörschädigungen und Hörbehinderungen allgemein zur Verfügung stehen. Informationen sind erhältlich beim Zentralsekretär pro audito schweiz, Thomas Schmidhauser, der auch Vorstandsmitglied der STL ist, Schaffhauserstr. 7, Postfach, 8047 Zürich, Tel: 01-3631200, e-mail: info@pro-audito.ch, Homepage: www.pro-audito.ch.

Vortrag als PowerPoint-Präsentation, ca. 21 MB: Download


Dr. med. Andreas Schapowal
Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
Facharzt FMH für Allergologie und klinische Immunologie
Hochwangstr. 3, 7302 Landquart
Tel: 081-3224040, Fax: 081-3223262, E-mail: andreas@schapowal.ch