Von der Vielfalt des Heilens

Frank Nager

Dem Motto des heutigen Vormittags (Spiritualität und Gesundheit) und meinem eigenen Verständnis von Heilung kann ich nur gerecht werden, wenn ich am Anfang meine Gedanken zum so schwer ergründlichen Prinzip Gesundheit äussere - tastend, wissend, dass wir diese geheimnisvolle Kostbarkeit hier voll ausloten.

Heilung steht im Dienste der Gesundheit. Aber was ist Gesundheit ? Das Wesen von Gesundheit wird so grundverschieden definiert, dass wir nicht von der Gesundheit sondern von den Gesundheiten reden sollten: Eine Vielfalt von Gesundheiten mit entsprechenden unterschiedlichen Anforderungen an die Vielfalt der Therapien. Auf dem Hintergrund meiner beruflichen Erfahrung als Spitalarzt will ich mich mit fünf verschiedenen Gesundheitsbegriffen auseinandersetzen (1).

Das Geheimnis Gesundheit

Die akademische Medizin bewertet Gesundheit oft rein somatisch, als Abwesenheit von körperlicher Krankheit, als Freisein von objektiven Krankheitssymptomen: Das "Schweigen der Organe". Diese pragmatische Definition entspricht. dem mechanistisch-verkürzten Menschenbild unseres naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters, einer Sicht welche die spirituelle Dimension des Menschen ausblendet. Gesundheit in diesem heiltechnischen Sinn ist das reibungslose Funktionieren aller Einzelteile einer biologischen, zwar komplizierten, aber klar den Gesetzen von Mechanik und Chemie gehorchenden Maschine. Dieses mechanistische Gesundheitskonzept entspricht einer medizinischen Wissenschaft, die sich nicht mit einer umfassenden Wirklichkeit,' sondern lediglich mit der mathematisch-experimentell fassbaren Struktur dieser Wirklichkeit befasst. Gesundheit wird auf das Messbare eingeengt und ihres spirituellen Geheimnischarakters beraubt (2).

Die zweite Definition, jene der WHO ist umfassender. Wenn sie Gesundheit als einen ",.Zustand vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens" versteht dann stellt sie dem objektivier- und messbaren somatischen Befund immerhin die subjektive, leib-seelische Befindlichkeit gegenüber. Dennoch ist diese Definition fragwürdig, einerseits weil ihr das spirituelle Element ebenfalls fehlt, andererseits weil sie angesichts unseres pathischen Menschenschicksals nur selten vorliegt und schliesslich weil sie sich auf das trügerische Element des subjektiven Wohlbefindens stützt, während vielleicht verderbliche "Krankheit in Wartestellung" schon um sich frisst.

Auch eine dritte Kennzeichnung von Gesundheit und Normalität, jene von Sigmund Freud als "ein genügendes Mass von Genuss- und Leistungsfähigkeit" kann mich - bei aller Verehrung für diesen Vordenker - nicht befriedigen.

Umfassender und dynamischer erscheint mir ein vierter, ein uralter, aber keineswegs veralteter, vielmehr - ein mutatis mutandis - neu zu entdeckender Gesundheitsbegriff, nämlich jener des Hippokrates und seiner Nachfahren: Die Auffassung von Gesundheit als Gleichgewicht, als harmonische Mischung verschiedener Säfte, modern: Kräfte, die "Eukrasie". Sie versteht Gesundheit als Ausgewogenheit entgegengesetzter Tendenzen, als Harmonie komplementärer Strebungen, als Abrundung, Ganzheit. So verstanden ist Gesundheit kein aufzehrbares Kapital, sondern eine kreative Leistung. Sie besteht nur dort, wo sie aktiv erhalten, ja in jedem Augenblick des Lebens neu erzeugt wird - modern: Salutogenese, also Erzeugung von Gesundheit und Heilsein. Gesundsein im - zeitgemäss abgewandelten - Sinn der Eukrasie fordert einerseits gesunde, vernünftige Lebensführung, Mässigung, manchmal Entsagung. Anderseits beruht sie auf der Begabung, gegensätzliche Kräfte immer wieder in Harmonie zwingen auch wenn sie uns manchmal in die Luft sprengen möchten und all unsere widersprüchlichen Elemente zu einem fruchtbaren Ganzen auszusöhnen. Solche Gesundheit heisst Kraft zu menschlichem Leben, zu sinnvoller, kreativer Entfaltung unserer persönlichen Bedürfnisse und Lebensentwürfe.

Nun aber - gleichsam als Steigerung der Eukrasie - zu jener letzten, fünften Gesundheitsanschauung, welche den zutiefst spirituellen Kein dieser geheimnisvollen Kostbarkeit beherzigt: Zur "grossen Gesundheit".

Als Arzt bin ich immer wieder beeindruckenden Menschen begegnet, die trotz körperlicher Erkrankungen und seelischer Leiden, die trotz Altersgebresten, die sogar noch in der Krankheit zum Tode in einem vertieften Verständnis gesund waren. Sie haben die "Grosse Gesundheit" errungen. Friedrich Nietzsche, der Philosoph und Schmerzensmann, spricht bewegend von dieser "höheren Gesundheit hinter der Krankheit" und hinter dem Leiden. Sie sei vitaler und fruchtbarer als die Normalität der immer Gesunden, fruchtbarer als die Fitness mancher von Kraft und Selbstgefälligkeit strotzender Strahlemänner mit ihrem stumpfen Wohlbehagen. Das erkennt auch André Gide, wenn er in seinem Tagebuch schreibt: "Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen noch keinen getroffen, der nicht nach irgend einer Seite hin ein bisschen beschränkt wäre, so wie Leute, die nie gereist sind." Die Grosse Gesundheit hinter der Krankheit muss immer wieder neu erkämpft und mühsam behauptet werden. Sie ist die kostbare Frucht einer inneren Haltung, eines Habitus, einer Lebenskunst, ja einer Spiritualität, die aus dem Geschick der Krankheit und des Leidens Aas Gold höherer Gesundheit' gewinnt. So verstanden ist Gesundheit nicht Freiheit von Krankheit vielmehr ein tapferes Vorherrschen des "gesunden Ganzen" (Goethe) über das Krankhafte (3). Die Grosse Gesundheit ist ein geistiges Phänomen. Sie hat zu tun mit innerer Lebendigkeit, mit Lebenssinn und Wandlungsfähigkeit. Sie entspringt einem unbezwingbaren "élan vital", der sich mit einer gegebenen Krankheitsbelastung angemessen und in lebensdienlicher Weise auseinanderzusetzen vermag. Sie ermöglicht dem Menschen trotz Leiden und Anfechtung sein Leben zu führen, sich zu entfalten, der zu werden, der er ist.

Wie viel von Krankhaftem einer auf sich nehmen, überwinden, zum Lebensdienlichen zwingen und wenden, gesund machen kann: Hier liegt das Geheimnis jener Menschen, die, obwohl von Krankheit zu Krankheit, von Krise zu Krise geworfen, obwohl von chronischen Schmerzen heimgesucht, Meister der höheren' Gesundheit sind. Ihnen und ihrer kreativen Leidensbewältigung können nur jene alten Gesundheitsanschauungen gerecht werden, welche das spirituelle Element dieser geheimnisvollen Kostbarkeit wahrnehmen.

Aspekte der Krankheit

Wir wollen uns jetzt den zweiten Therapieziel zuwenden: der zu heilenden oder zu lindernden Krankheit? Was ist Krankheit ?

Aus dem Blickwinkel des naturwissenschaftlichen Mediziners interpretiere ich Krankheit anders als aus der Anschauung des philosophierenden Arztes. Als Arzt in einem Akutspital war ich oft genötigt, Krankheit vordergründig zu betrachten als etwas Isoliertes und Fremdes, als etwas Skandalöses, dem Aerzte den unerbittlichen Kampf ansagen, als einen vertrackten Maschinenschaden, der philosophischen oder spirituellen Anschauungen Hohn lacht, der vielmehr nach Reparatur ruft. Aber: Angesichts chronischer sowie seelischer und psychosomatischer Krankheiten war ich oft aufgefordert "tiefer" zu dringen , nicht nur die Krankheit sondern auch ihr "Terrain" anzuschauen: die individuelle Persönlichkeit des Kranken.

Diese verschiedenen Anschauungen sind gleichberechtigt, komplementär und sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. In Hinblick auf die Vielfalt des Heilens möchte ich die zwei Gesichtspunkte gegenüberstellen. Eher: den vordergründig-heiltechnischen, dort: den psychologisch und spirituell hinterfragenden. Hier Krankheit als Fremdling aus dem Hinterhalt, zufällig, sinnlos, skandalös. Sand im Getriebe! Wegzufegen - cito, tuto, jucunde (rasch, sicher, möglichst angenehm) durch unsere Reparaturkünste. Dort Krankheit als zubemessene Schickung mit lebensgeschichtlichem Hintergrund und tieferem Sinn.

Hier die mechanistisch-pragmatische Sichtweise: Krankheit als somatischorganische, äusserlich verursachte Betriebsstörung im Uhrwerk unseres Körpers. Dort die ganzheitliche Betrachtung einer "beseelteren" Medizin: Krankheit als Heimsuchung mit Signalcharakter und lebensdienlicher Absicht, Anschauung des Kranken als individuelles, biologisch, psychologisch, sozial und spirituell geprägtes Wesen. Hier Frage nach dem "Wie", nach den äusseren pathogenetischen Ursachen, Etikettierung, lehrbuchmässige Benennung. Dort Erforschung des "Woher" und des "Wozu", Versuch die verschlüsselte Krankheitssprache zu deuten, ihren Sinn zu suchen.

Niemand soll bestreiten, dass das mechanistisch-somatische Krankheitsverständnis oft hinreichend und durchschlagend erfolgreich ist, zum Beispiel in der intensiv- und Akutmedizin der Spitäler, wo oft einzelne Organe kritisch, ja lebensbedrohlich erkrankt sind und so rasch als möglich "repariert" werden müssen. "Frapper vite et fort!" und nicht tiefsinnig-spirituelle Ueberlegungen sind gefordert, zum Beispiel bei einer Hirnhautentzündung, bei Lungenembolien oder Rhythmusstörungen, bei akutem Nierenversagen, Magenblutung oder Darmverschluss.

Aber wir sind uns auch bewusst dass dieses mechanistische Krankheitsverständnis bei vielen Patienten nicht genügt. Bei manchen chronisch Kranken', mit ihren oft ",selbstgestrickten" Leiden, bei der Heerschar seelisch oder psychosomatisch Kranker, süchtiger, neurotischer, depressiver sowie auch bei vielen geriatrischen Patienten müssen wir Krankheit umfassender betrachten und die spirituelle Dimension des Leidens wahrnehmen. Hier ist das andernorts bewährte mechanistische Maschinenmodell nicht hinreichend. Vielmehr müssen wir den heiltechnischen Horizont erweitern und beherzigen, dass Körper, Seele und Geist nicht getrennt werden können, und dass in der Entstehung mancher Erkrankungen neben den somatischen auch psychologische, soziale und spirituelle Aspekte eine Rolle spielen, oft sogar die Hauptrolle.

Bei fast allen sich vorwiegend seelisch manifestierenden, aber auch bei manchen Körperkrankheiten, vor allem bei den chronischen (wir leben im Zeitalter der Chronisch-Kranken!) ist nicht allein ein Organ "zufällig" erkrankt und technisch zu flicken, sondern der Mensch ist in seiner Ganzheit krank. Es fehlt im etwas grundsätzlich. Er ist nicht von aussen - gleichsam dekorativ -"reparabel", sondern er ist in einem tieferen Wortsinn heilungsbedürftig (4,5). Die geistigen Dimension tritt auf den Plan. Die Frage nach tieferen Gründen des Leidens, nach dem biographischen Hintergrund, nach dem Signalcharakter und nach dem - verborgenen - Sinn des Krankseins ist notwendig.

Manche, vor allem langwierige Erkrankungen, sei nun das seelische Leiden oder das Organsymptom im Vordergrund fordern von Ärztinnen und Ärzten etwas, das sie im Studium und oft auch in der Weiterbildung nicht lernen: die psychologische und die spirituelle Betrachtungsweise. Denn diese Krankheiten sind - hier stimme ich C.G. Jung bei - letztlich "Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat" (5). Der eigentliche Ursprung des Leidens ist nicht aussen zu suchen, sondern innen - zum Beispiel im Geist der Unordnung, in grundsätzlicher Fehleinstellung und Einseitigkeit, in seelischer Verknöcherung, in geistigem Stillstand, in einer, dem inneren Wachstumsgesetz feindlichen Lebensweise, in seelischen Verwundungen und Verlusten, in verdrängter Trauer, in heftigen Leidenschaften oder in negativer, menschenfeindlicher Grundgesinnung. Bei manchen Leiden, nicht nur den offensichtlich psychogenen, "tobt im Unbewussten der Bürgerkrieg", aber im Patienten und im Arzt herrscht oft Ahnungslosigkeit über die eigentliche Wurzel des Übels, die mit Sinnverlust, Erstarrung, Herzenshärtigkeit, geistiger Unfruchtbarkeit oder - vor allem in der zweiten Lebenshälfte - mit einer religiösen Entwurzelung zu tun hat.

Viele Leiden, vor allem neurotische, psychosomatische aber auch Organkrankheiten, haben eine lebensdienliche Absicht. Sie sind potentielle Wegbereiter geistiger und spiritueller Erneuerung und wollen eine Reifung der Persönlichkeit bewirken. Wir können es auch als "Stirb und Werde" als Metamorphose, als Häutung, als "Etappe im Individuationsprozess" bezeichnen. Teleologisch, vom Sinn her betrachtet, ist manche Krankheit ein Versuch der Natur, den Menschen von Grund auf zu heilen. Solche Heilung im tiefsten S' des Wortes fordert Wandlung. Heilende Umgestaltung scheint ohne die Not des Leidens nicht möglich zu sein (5).

Die Quellen der Therapie

Wir sind jetzt vorbereitet uns im zweiten Teil der Vielfalt des Heilens zuzuwenden. Unser tiefverwurzelter, hochgewachsener und vielverästelter Therapiebaum wird über Jahrtausende und durch verschiedene Kulturen aus drei Quellen genährt: erstens aus der magisch-religiösen, zweitens der empirischen und drittens der rational-wissenschaftlichen. Diese Quellen sprudeln auch heute. Sie vermischen und befruchten sich. Manchmal leider bekämpfen sie sich vor allem unter der Tyrannei merkantiler und standespolitischer Motive (6,12). Das unbeirrte Fortströmen aller drei Therapiequellen - auch in einer Phase unerhörter, rational-wissenschaftlich gewachsener Triumphe der Heiltechnik beruht auf zwei fundamentalen und komplementären Grundhaltungen des abendländischen Menschen. Pascal stellt sie gegenüber als Raison de la mathématique und als Raison du coeur. Der Physiker und Nobelpreisträger Pauli kennzeichnet sie als das "kritisch-rationale, verstehen wollende" Streben einerseits und als die "mystisch-irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende" Grundhaltung, mit andern Worten: als das spirituell-religiöse Streben andererseits (1). Diese beiden Pole nennt Pauli komplementär und er, der Freund C.G. Jungs, ist der Auffassung, dass man den Menschen nur verstehen und ihm nur dann echt helfen kann, wenn man beide Haltungen anerkennt und entwickelt. In der Heilkunde ist die ausgewogene Mischung dieser zwei Grundstrebungen die Voraussetzung für ein umfassendes Verständnis unserer Patienten: Nämlich ihrer messbaren äusseren Realität sowie ihrer intuitiv erspürbaren inneren Wirklichkeit (7).

Nur die ausgewogene Pflege dieser zwei komplementären Tendenzen ermöglicht Ärzten und Heilern ihrer komplementären Wirklichkeit zu genügen und einer anspruchsvollen Doppelerwartung ihrer Patienten gerecht zu werden, nämlich sich einerseits als kritisch-rationale Experten zu bewähren, andererseits als kommunikative Partner, Berater und Notwender (7) in echte Beziehung zu treten, man kann auch sagen: sich selbst als heilsame Arznei verschreiben. Die Entwicklung und Pflege beider Pascal'schen und Paulischen Grundhaltungen ist auch eine entscheidende Voraussetzung für Heilkunst. Heilkunst aber ist meines Erachtens die Fähigkeit sich in der Vielfalt der Heilkonzepte zurechtzufinden und beim individuellen Patienten die jeweils angemessenen Therapien anzuwenden.

Grösse und Gefährdung der Heiltechnik

Im vierten Teil nun einige Blicke auf die Fülle und Vielfalt unseres modernen Therapiebaumes. Es wäre - auch an einer Tagung mit betont spirituell-religiösem Akzent - fehl am Platz, wenn ich - als früherer Spitalarzt, gegen vierzig Jahre konfrontiert mit Grösse und Gefährdung der akademischen Medizin (2)-nicht zuerst unsere hochentwickelte Heiltechnik erwähnen und würdigen, aber auch meine Sorge um ihre potentielle Entwicklung zum Ausdruck bringen würde. Es geht also zuerst um unsere phänomenalen medikamentösen, chirurgischen, radiotherapeutischen und gentechnologischen Errungenschaften, also jene bahnbrechenden Methoden, die der mathematischen Raison und der rationalwissenschaftlichen Wurzel der Heilkunde entstammen. Hier sind Ärzte und Ärztinnen vorwiegend als Experten gefordert. Hier genügt die Betrachtung des Patienten als biologischen Informations- und als Prothesenträger. Hier bewährt sich die übliche Strategie unseres Therapieverständnisses, nämlich als Reparatur, als Ausmerzung eines Maschinenschadens. Hier feiert unsere vielbewunderte und vielgescholtene Rezepte- und Instrumentenmedizin ihre Triumphe, zum. Beispiel, indem sie exogene Störfaktoren - wie infektiöse Erreger - austilgt, indem sie Krebse und Abszesse exstirpiert, indem sie defekte Funktionen durch Prothesen wiederherstellt, indem sie Organe transplantiert oder ausfallende Hormone synthetisch, neuerdings gentechnologisch herstellt und künstlich zuführt. Bis zum Schluss meines Referates könnte ich mich an diesen grandiosen Entwicklungen rational-wissenschaftlicher Heilungskonzepte berauschen und jenen gigantischen Therapie-Fortschritt bejubeln, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, jene geradezu abenteuerliche Entwicklung, die nicht nur der Chirurgie atemberaubende Erfolge gebracht, sondern die auch die innere Medizin (bis vor fünfzig Jahren noch eine Medizin der unheilbaren Krankheiten) schlechthin revolutioniert hat.

Auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert erscheinen am Horizont der Heiltechnik schlechthin abenteuerliche Entwicklungen, beispielsweise in der Gentherapie und der computer-unterstützten Chirurgie. Bald werden ferngesteuerte Robodocs (Roboter-Chirurgen) die Operationssäle "bevölkern". Für ertaubte Ohren und erblindete Augen werden elektronische Prothesen einspringen. Xenotransplantate, das heisst aus genetisch veränderten Schweinen stammende Herzen, sollen die Probleme des Organmangels lösen. Angesichts dieser Visionen halten wir den Atem an, teils fasziniert, teils beklommen.

Für mich persönlich und auch für manche andere Ärztinnen und Ärzte sind diese Entwicklungen zweischneidig (2,6) - aus verschiedenen Gründen: In der Heiltechnik" diesem stärksten und erfolgreichsten Zweig am modernen Therapiebaum waltet ein herrischer technologischer Imperativ. Er fragt ausschliesslich, was gemacht werden kann und er ist geschlagen durch eine eklatante Blindheit gegenüber seinen Grenzen. Wenn er - in letzter Zeit - etwas gebremst wird, dann mehr durch einen "ökonomischen Imperativ", das heisst die Unbezahlbarkeit, als durch einen meilenweit nachhinkenden ethischen Imperativ der fragen möchte, was denn gemacht werden darf. Im Rahmen dieses Missverhältnisses zwischen Technik und Ethik zeichnet sich ein potentielles Szenarienspektrum einer zwiespältigen Allmacht über das Leben ab - das Leben in der Hand blitzgescheiter, innovativer, aber emotional und ethisch zurückgebliebener geistiger Jünglinge und Zauberlehrlinge (3). Im Gefolge diese überstürzten Fortschritts dominiert die kritisch rationale Grundhaltung, die mathematische Raison. Diese einseitig naturwissenschaftlich-technische Ausrichtung hat vergessen, dass die Medizin nicht nur Naturwissenschaft (nicht nur Schwester der Biologie) sondern auch Geistes- und Kulturwissenschaft ist. Ihrem Menschen- und Arztbild entsprechend, beruht auch die Ausbildung der Mediziner auf einer streng kritisch-rationalen Grundhaltung, auf sorgfältiger Pflege der mathematischen Raison. Unter der Führung eines intelektuellen und patriarchalen Geistes werden angehende Ärztinnen und Ärzte einseitig kortikal selektioniert und imprägniert. Ihre Denkfunktion, die kognitiven und memorativen Fähigkeiten werden gedrillt. Gescheit und vielwissend sind sie, aber sie laufen Gefahr, den kordialen, den intuitiv-emotionalen und spirituellen Gegenpol, also die raison du coeur verkümmern zu lassen, oft mit entsprechenden Frostschäden an ihrer Seele (1, 4). Unsere akademische Medizin schult ihre Adepten einseitig zu Hirn- und Wissensathleten. Sie vermittelt fast nichts vom Archetypus des Arztes, der im Patienten den ganzen Menschen erfühlt, versteht, annimmt und begleitet.

Ich bin manchen Studentinnen und Studenten, Ärzten, vor allen Ärztinnen begegnet, welche unter diesem Intellektualismus der naturwissenschaftlichen Medizin leiden, entsprechend dem lyrischen Stossseufzer des Dichter-Arztes Gottfried Benn, der sich (schon damals) in seinem Arztdasein verzweifelt als ,.,.Hirn-Hund" schwer mit Gott behangen .... (und) der Stirn so satt" bezeichnet (9). ""Schwer mit Gott behangen" -dieses durchdringende Wort bezeichnet jene kompensatorische Gegenströmung des Irrationalen, Emotionalen, Metaphysischen, Spirituell-Religiösen und jene Suche nach Sinn und Einheit, die Pauli der irrational-mystischen Grundhaltung des Menschen zumisst. Im eklatanten Mangel an Emotionalität, Innigkeit, Herzlichkeit, Religio und Empathie gründet ganz allgemein die Gefährdung unseres technischen Zeitalters mit seiner robusten, immer rücksichtsloser auf ökonomische Effizienzsteigerung ausgerichteten Denkungsart. Hier gründen auch die Fehlleistungen, genauer die fehlenden Leistungen unserer technisch-apparativ so grossartigen Medizin, diesem getreuen Spiegelbild des Zeitgeistes.

Ich halte jetzt - trotzig optimistisch, vielleicht utopisch - Ausschau auf andere Zweige unseres Therapiebaumes. Da erblüht einiges, das diesen Mangel an Emotionalität und Spiritualität der modernen Heiltechnik mehr oder weniger kompensiert. Ich denke an komplementärmedizinische, an psychotherapeutische, an salutogenetische und an palliative Heilungskonzepte.

Komplementärmedizinische Heilkonzepte

Zuerst wende ich mich einem Therapiezweig (oder ist es eher ein Therapiedickicht ?) zu, das der empirischen sowie der magisch-religiösen Wurzel der Heilkunde entspringt, und das -um bei der Pascal'schen und Paulischen Terminologie zu bleiben - der Raison du coeur (10), beziehungsweise der mystisch irrationalen, also der spirituellen Grundhaltung des Menschen entstammt: der Komplementärmedizin. Nur noch wenige akademische Mediziner sind heute derart verblendet und in ihren Erfolg verstiegen, das sie die Naturheilkunde im bunten Strauss der vielfältigen Therapiekonzepte verachten und in jener sterilen Defensivhaltung verharren, die sich darauf beschränkt, die "Unwissenschaftlichkeit" dieser weitgehend. empirischen Heilkunde anzuprangern. Die meisten Schulmediziner haben erkannt, dass diese gerade heute, in einer überrationalen Epoche, kompensatorisch aufblühenden, ja fast wuchernden Therapiekonzepte den unausrottbaren und legitimen magischen, religiösen, spirituellen, mystischen Bedürfnissen des Menschen Rechnung tragen; dass dieser komplementärmedizinische Trend einem sich wandelnden Zeitgeist mit ganzheitlich-integrativem Denken und "ökologisch-grünen" Bestrebungen entspricht, dass er eine vermehrte Berücksichtigung matriachaler Nonnen widerspiegelt, vor allem aber, dass er gleichsam eine Quittung für die Unterlassungssünden der akademischen Medizin darstellt (11, 12).

Uns naturwissenschaftlichen Aerzten und unserer zahlenbesessenen, immer verbissener auf Ökonomisierung und Effizienzsteigerung eingeschworenen Sehweise wird durch die Komplementärmedizin, vor allem die Naturheilkunde ein Spiegel vorgehalten. Es gehört zu den ermutigenden Entwicklungen, dass sich die akademische Medizin nicht mehr mit ihrer Grösse identifiziert sondern dass sie auch ihre Gefährdung wahrnimmt. In dieser Bewusstmachung gleichsam ihres Schattens, das heisst ihrer Ausblendungen, ihrer Einseitigkeiten, Versäumnisse und Uebereilungen liegt eine enorme Entwicklungschance. Selbstkritik und Offenheit für fremde Standpunkte sind ja der fruchtbare Mutterboden für Wandlung und Weitung - Weitung auch im therapeutischen Spektrum unserer Medizin (4).

Die wachsende Vielfalt des modernen Therapiebaumes beruht nicht allein auf den enormen Anstrengungen moderner Heiltechnik, die Pyramide ihrer naturwissenschaftlich-rationalen Heilmethoden unentwegt in die Höhe zu spitzen; sondern dieser Therapiereichtum beruht ebenso auf einer grundsätzlichen Erweiterung unseres heilkundlichen Paradigmas. Diese Horizonterweiterung des medizinischen Grundkonzepts ist gekennzeichnet durch Rückbesinnung auf früheres, im Taumel naturwissenschaftlich-technischer Fortschritte lange ausgeblendetes heilkundliches Urwissen sowie durch vermehrte Offenheit und Vorurteilslosigkeit gegenüber alternativen Heilungskonzepten. Das zeigt zum Beispiel die Schaffung von immer mehr komplementärmedizinischen Fähigkeitsausweisen durch die FMH und die bundesgesetzlich dekretierte Übernahme komplementärmedizinischer Leistungen durch die Krankenkassen.

In ihrer wachsenden Bereitschaft alternative Therapien vorurteilslos zu prüfen und -je nach Ergebnis - schrittweise zu integrieren, muss die akademische Medizin allerdings viel Spreu vom Weizen trennen, denn im verschlungenen Bereich der Komplementärmedizin tummeln sich auch Scharlatane und pilzartig schiessen Heilmethoden aus dem Boden, die hoffnungslos aus dem Rahmen wissenschaftlich nachprüfbarer oder empirisch erfahrbarer Heilkunde fallen.

Trotz dieser Erschwernisse ergänzt und bereichert sich die akademische Medizin ununterbrochen, wenn auch gegen Widerstände, indem sie komplementäre Therapiemethoden integriert - darunter auch Konzepte, die sich der naturwissenschaftlich-analytischen Forschung widersetzen, und die ihren therapeutischen Nutzen dennoch empirisch beweisen. Denken wir zum Beispiel an mannigfache psychotherapeutische Konzepte, an die verschiedenen Formen der Gestalttherapie, die Musiktherapie, denken wir an manche Formen der Diätetik, an die vielfältigen Aspekte der Hydrotherapie, der Balneologie und vor allem der Physiotherapie, deren Wirksamkeit in doppelblinden Studien zwar statistisch kaum gemessen werden kann, deren Wert aber heute nur noch vom Messbarkeitswahn einiger hoffnungsloser hard-facts-Technokraten in Frage gestellt wird. Für diese allerdings und für ihr allein seligmachendes Messbarkeitsideal ist alles, was nach Naturheilkunde riecht, ein "Rückfall in die mystischen Vorstellungen mittelalterlicher Klostermedizin"; und sie lächeln über "das idyllische Bild von der Apotheke Gottes". Dieser Integrationsprozess muss kontinuierlich weitergehen. Er ist meines Erachtens nichts anderes als eine Umwandlung ursprünglich alternativer Heilkonzepte in schulmedizinische und ist damit ein wesentlicher Beitrag zu einer immer reicheren Verästelung und Blüte des heilkundlichen Therapiebaumes.

Im Rahmen dieses Integrationsprozesses sollten sowohl die Schulpsychiatrie der Universität als auch die somatische Medizin endlich gründlicher von den Erkenntnissen der Tiefenpsychologie Kenntnis nehmen. Leider muss man die bahnbrechenden und horizonterweiternden tiefenpsychologischen Entdeckungen eines S. Freud, C.G. Jung, V.E. Frankl, Viktor von Weizsäcker oder Medard Boss noch immer als "komplementärmedizinische" Konzepte bezeichnen, weil sie noch nicht integriert sind. Sie werden von der Schulpsychiatrie, in ihrer einseitig "hirnpsychologischen", biochemischen und psychopharmakologischen Vorliebe nur sehr zögernd wahrgenommen. Die Sprache der Träume, die via regia (S. Freud) in die Abgründe der Seele und Inbegriff spiritueller Botschaften, wird in der Schulmedizin belächelt oder löst Verlegenheit aus. Vor allem die analytische Psychologie C.G. Jungs, tief verankert in mythologischem Urwissen, in Kunst und Religion wäre geeignet, die philosophische und die spirituelle Dimension in der Heilkunde zu fördern.
Meines Erachtens dürften aber auch alternative Methoden im engeren Sinn des Wortes in unsern Spitälern eine Heimstatt finden. Ich persönlich finde: Die Zeit ist reif für "ökumenische" Oeffnung nicht allein in der Religion sondern auch in der Heilkunde. Die in der ärztlichen Praxis verbreiteten komplementären Methoden wie Phytotherapie, anthroposophische und traditionelle chinesische Medizin, Homöopathie und Neuraltherapie sollten in unsern Spitälern Eingang finden. Auch Gestalttherapie, Maltherapie, Musiktherapie, Bibliotherapie, autogenes Training, Meditationspraktiken, auch geistiges Heilen (wie im diesbezüglich fortschrittlichen England) könnten in Spitälern ein Heimatrecht finden, d.h. also auch Therapieformen, die nicht von Aerzten ausgeübt werden (12). Ich bin mir allerdings bewusst, dass die Vision einer so weitgehenden "heilkundlich-ökumenischen Gemeinschaft" einigen Kollegen à priori undenkbar ist und als weltfremde Utopie oder als unreflektierte "Paradigmen-Pluralismus" eines Phantasten beurteilt wird.

Ein Wort zur Akzentsetzung, damit ich nicht falsch verstanden werde. Für uns Ärzte bleibt -bei allem Streben nach unvoreingenommener Offenheit - die naturwissenschaftlich hochentwickelte Schulmedizin das solide Fundament, das zwar therapeutisch erweitert, das aber auf keinen Fall verlassen werden soll. Vor al lern im Spital erbringt die klassische Medizin ja täglich den Beweis, dass sie bei den meisten Patienten die durchschnittlich beste Therapie sicherstellt.

Die freie Praxis hingegen mit ihrer Heerschar von Patienten, die an psychosomatischen, psychovegetativen, neurotischen, depressiven, funktionellen Störungen, vitaler Erschöpfung, Befindensstörungen von oft ausgeprägtem subjektivem Krankheitswert leiden, dürfte meines Erachtens vermehrt die Domäne alternativ-medizinischer, nicht nur sanfterer, sondern auch kostensparender Methoden sein - Therapien, die in erster Linie die im Patienten vorhandenen Selbstheilungskräfte beleben, eine heilsame Durchstrukturierung ihrer Lebensweise fördern und ihren spirituellen Bedürfnissen gerecht werden.

Nach diesem Abstecher in die Komplementärmedizin möchte ich mich zwei weiteren zeitgemässen Aspekten therapeutischer Vielfalt zuwenden, nämlich einerseits jenem uralten, aktuell neu entdeckten Heilungskonzept, das man modern Salutogenese (13) nennt, andererseits der Palliativtherapie (1).

Vordergründig betrachtet sind diese zwei Heilungskonzepte konträr und markieren die zwei entfernten Pole des therapeutischen Spektrums. Genauer betrachtet sind sie sich verwandt, vor allem wenn wir uns auf den etymologischen Wortsinn von Heilen,' von Therapie aber auch von Salus sowie auf die eingangs geschilderte Vielfalt der Gesundheiten besinnen. Dem salutogenetischen und dem palliativen Heilprinzip gemeinsam ist auch die wohltuende, zur heiltechnischen Spitzenmedizin kompensatorische Abwesenheit des Spektakulären und Schlagzeilenträchtigen. Beide Konzepte bilden einen ausgleichenden Gegenlauf zu jenen oft überbordenden reparativen Therapieaspekten, welche die Medizin, trotz all ihrer Triumphe, der Kritik aussetzen und Zwiespalt verursachen. Beide Konzepte vereinen ausserdem integrativ alle drei Wurzeln der Heilkunde: Die magisch-religiöse, die empirische und die rational-wissenschaftliche; und sie benötigen die Pflege beider menschlicher Grundhaltungen - vielleicht mit Schwergewicht auf der Raison du coeur, bzw. der mystisch-irrationalen Grundhaltung, also der spirituellen Dimension.

Salutogenese versus Pathogenese

In einer Aera unendlicher heiltechnischer Reparaturkunststücke konzentriert sich dieses Konzept auf die Bewahrung, ja Erzeugung jenes offenbaren Geheimnisses, das wir Gesundheit nennen. Gesundheit also nicht mehr als verzehrbarer Proviant, sondern als kreativer und spiritueller Prozess, als Lebenskunst könnte zu einem erstrangigen Thema der Medizin 2000 zu werden.

Heilkundliches Urwissen erlebt eine Renaissance. Aerzte, Therapeuten, Pflegende erinnern sich, dass Heilkunde schon seit Plato in erster Linie "Hygieinou episteme", das Wissen um den gesunden Menschen ist; damit die Kunst Gesundheit zu erhalten - und erst in zweiter Linie Wissen um die Krankheiten und ihre Behandlung.

Unsere meist pathogenetisch eingeschworene, verbissen kurative, korrektive, reparative, interventionelle Medizin öffnet sich zunehmend auch einem salutogenetischen Horizont und setzt dadurch in ihrem Therapiespektrum ungeahnte neue Akzente. Die salutogenetische Dimension pflegen heisst, die Gesundheit fördernden, die präventiven, die regulativen, die adaptativen Potenzen des Menschen, seine Selbstheilungskräfte zu berücksichtigen, zu unterstützen und zu beherzigen, dass sich die vis medicatrix naturae aus somatischen, psychischen und spirituellen Wurzeln nährt.

Präventive Faktoren rücken in den Vordergrund, das heisst einerseits ein engagiertes Kämpfen gegen die bekannten mörderischen, z.B. atherogenen und karzinogenen Risikofaktoren. Das bedeutet andererseits sorgfältigen Umgang mit den Umweltfaktoren, z.B. dem Lebensraum, der Luft, die wir atmen, mit der Arbeitswelt, dem Stress; heisst aber auch verantwortungsvollere Berücksichtigung der Inweltfaktoren, wie Lebensstil, menschliche Beziehungen, Verhältnis zur Kunst, Religiosität, Spiritualität. Auf dem Hintergrund eines dynamischen Gesundheitsbegriffes sind Aerzte berufen - vielleicht als ihre vornehmste Aufgabe - die eigene Mitarbeit ihrer Patienten zu fördern, sie zu überzeugen, dass ihnen selbst, ihrem eigenen "inwendig Arzt", wie Paracelsus (14) sagt, die wichtigste Rolle für die Erhaltung oder Wiederherstellung ihrer Gesundheit zukommt.

Wenn wir als Aerzte unserer komplementären Wirklichkeit - als Experte und als Doctor - gerecht werden wollen, müssen wir je nach Krankheit und Patient subtil unterscheiden, wenn es darum geht "napoleonisch" vorzugehen, d.h. rasch und kräftig zuzuschlagen, oder aber, wann wir - gleichsam salutogenetisch - als hegende und pflegende Gärtner auf therapeutische Hyperaktivität und Grandiosität verzichten und den Heilungsprozess weitgehend dem Patienten anheimstellen müssen. Manchmal, vor allem in der Spitzenmedizin, müssen wir rein pathogenetisch und reparativ denkend - direkt,. aggressiv, ja rabiat auf das Symptom oder Organ loskurieren. Vor allem in der Spitalmedizin ist Heilung tatsächlich, zumindest in einer ersten Etappe, Reparatur. Bei manchen Krankheiten, vor allem bei Seelenleiden und psychosomatischen Erkrankungen müssen wir -uns an die etymologische Herkunft der Wörter heilen und Salutogenese erinnern und beherzigen, dass im Heilen, im salutogenetischen Bemühen das ursprünglich Heile, das Harmonische, Ganze, dem in der Krankheit etwas fehlt, das gestört oder zerstört wurde, wiederhergestellt werden muss - und zwar weniger durch uns Aerzte als durch den Patienten selber, sein aktives Mitgehen, seine Einsicht und Wandlungsbereitschaft. In solchen Krankheitssituationen, z.B. bei seelischen oder psychosomatischen Leiden, müssen wir - zum Nutzen des Patienten und im Dienst seiner Selbstheilung - auf voreilige, rein äusserliche, gewissermassen dekorative Beseitigung seines Symptoms verzichten, z.B. auf die verbreitete, voreilige und so zweischneidige, manchmal eher zerstümmelnde als heilende Amputation neurotischer und depressiver Störungen durch Psychopharmaka und Antidepressiva.

Salutogenetisches Heilen heisst, geeigneten Kranken als doctor auf dem Weg zur Sinnerkenntnis ihres Leidens behilflich zu sein, damit zu Selbstverantwortung und Mitgestaltung ihrer Gesundheit, zu einer salutogenetischen Eigenleistung, die unabdingbar mit Spiritualität und innere Metamorphose verbunden ist (5): Mühsames, aber heilsames Abstreifen einer Schlangenhaut anstelle der Stagnation eines pharmakologisch oder psychotechnisch ruhig gestellten Menschen.

Palliatives Heilen

Im heiltechnischen Betrieb eines Akutspitals lauert die Versuchung, unheilbar kranke, sterbende Menschen zu verlassen - innerlich und äusserlich, ihren Schmerz, ihr Schwäche, ihr Sterben, diese schwere persönliche Prüfung und spirituelle Herausforderung in ein technisches Problem zu verwandeln. Die verheissungsvolle, konkrete Gegenmassnahme ist die Kultivierung palliativer Therapiekonzepte (1).

Palliativtherapie ist der moderne Beitrag der medizinischen Wissenschaft zu einer zeitgemässen ars moriendi. Diese edle Blüte am vielgestaltigen Therapiebaum der modernen Heilkunde ergänzt die uns vertrautere, oft über das Ziel schiessende Kunst der Lebensverlängerung, jenen totalen Krieg schrankenloser Heiltechnik gegen den Erzfeind Tod.
Palliativmedizin ist eine dienende, kommunikative, integrative, interdisziplinäre und der spirituellen Dimension offene Disziplin, ein wohltuendes Gegengewicht zu den auf reparative Therapie konzentrierten heiltechnischen Sparten.

Dieses fürsorgliche und barmherzige Umlegen eines wärmenden Mantels empfinde ich auch als matriarchal, denn hier ist das gefordert, was Frauen genuin oft mehr liegt als Männern - nämlich seelische Beziehung. Als Spitalarzt habe ich Palliativtherapie als spirituelles Bemühen erlebt. In ihrer letzten Bitternis des Lebens sind Menschen ungemein offen für die religiöse Dimension des Heilens - in seinem tiefsten, geheimnisvollsten Sinn.

Guérir quelquefois, solanger souvent, consoler toujours. Im palliativen Heilbezirk ist - um mit Paracelsus zu sprechen - "Barmherzigkeit der eigentliche Schulmeister der Arzten" (14) . Barmherzigkeit, Humanitas sind also gefordert, weniger unsere angelernten Stärken, z.B. unser enzyklopädisches Wissen, unsere reparativen Fertigkeiten. Hier wird umso zwingender unsere Arztpersönlichkeit auf den Plan gerufen. Hier geht es nicht nur darum, rechtzeitig und richtig dosiert Analgetika und Antidepressiva zu verschreiben; vielmehr wir selber sind die ausschlaggebende Arznei. Das gelingt nur dann, wenn wir als Ärzte selber auf Unendliches ausgerichtet, also für das Spirituelle offen sind.

Während sich die Heiltechnik oft wortkarg, ja averbal gebärdet, ist im palliativen Bezirk die Kunst einfühlsamer, beruhigender und dennoch ehrlicher ärztlicher Sprache notwendig. In palliativen Grenzsituationen sind beide Säulen der Heilkunde gefordert: Wissenschaft und Humanität, die Herzensraison mehr als die mathematische> die mystisch-irrationale mehr als wissenschaftlich-rationale. Die bestehende Vielfalt der Therapie ist eine anspruchsvolle Herausforderung an alle Ärzte und Therapeuten. Der rational-wissenschaftlichen Herausforderung werden moderne Mediziner meist gerecht, gegenüber der irrational-mystischen, der spirituellen sind sie oft ratlos und inkompetent. Auf Grund ihrer rein kortikalen, anstatt auch kordialen Selektion zum Studium und ihrer Ausbildung sind sie meist "metaphysisch leichtsinnig", spirituell unsensibel und auf Unendliches, Religiöses nicht bezogen.

Aerzte und Aerztinnen von morgen - eine Utopie ?

Die moderne Idee des Arztes gründet zu sehr auf der mathematischen, zu wenig auf der Herzensraison. Das Bild des Arztes hat sich ja über Jahrtausende gewandelt (8) und von seiner ursprünglich fast rein spirituellen Ausrichtung dramatisch wegbewegt. In Urzeiten war sie ganz vom animistischen und spiritistischen Denken archaischer, Kulturen geprägt. Ihre Heiler waren Magier, Schamanen, sie heilten spirituell. Später hat die Heilkunde oft das Weltbild grosser Kulturreligionen übernommen, ihre Ärzte trugen priesterliche Züge. Bei den hippokratischen Medizinern gingen ärztliche Kunst und die philanthropische Rolle des Arztes als Freund untrennbar Hand in Hand. Bei Sokrates und Plato spielte der dialoggewandte doctor, der Pädagoge die zentrale Rolle. Im Christentum der Frühzeit und des Mittelalters ist der Arzt in erster Linie ein barmherziger Samariter. In all diesen Arztbildern war das spirituelle Element omnipräsent. Seit dem 19. Jahrhundert aber wird der Arzt zum kenntnisreichen naturwissenschaftlichen Experten. Seine Heiltechnik, die im Menschen vorzüglich physikalisch-chemische Abläufe wahrnimmt, ist das folgerichtige Produkt seines mechanistischen und unspirituellen Menschenbildes. Es gründet zu sehr auf der mathematischen, zu wenig auf der Herzensraison. Das derzeitige Medizinstudium ist ganz auf die moderne Arztidee des brillanten heiltechnischen Experten eingeschworen. Richtungweisend für ein zukunftsfähiges Arztbild ist aber nicht das spezialistisch geprägte Idealbild der Universität, sondern die eingangs erwähnte Erwartung der Patienten, die im Arzt sowohl den Experten als auch den Partner suchen: einerseits den fachkundigen Experten, der ihnen hilft, ihre Beschwerden und ihre Leistungseinbusse zu überwinden - also den verlässlichen Techniker, den kenntnisreichen Fachmann. Anderseits suchen sie den zugewandten, beziehungsfähigen Partner, den Lebensberater, Begleiter und Notwender, der nicht nur einzelne Organe, gewissennassen Maschinenteile repariert, sondern der ihre ganze Persönlichkeit in ihrem gesamten biopsychosozialen und geistigen Kontext ernst nimmt und sich auch empathisch den subjektiven Aspekten ihres Krankseins zuwendet, der ihrer inneren Wirklichkeit inne wird" und der sich in ihre eigene Denkweise einfühlt, der ihre spirituellen Bedürfnisse wahrnimmt, und der ihnen hilft, ihre existentiellen Ängste und ihr Herzeleid zu ertragen.

Dies ist die anspruchsvolle Doppelerwartung der Patienten gegenüber uns Ärzten in unserem Beruf so "wunderlicher Natur", diesem seltsam-reichen "Gemisch von Wissenschaft, Kunst, Handwerk, Liebestätigkeit und Geschäft."(17) Die Ingredienzien Wissenschaft und Handwerk, auch Geschäft (und fast nur von ihnen ist heute in den Medien die Rede !) entsprechen dem Expertentum. Die Elemente Liebestätigkeit und Kunst (15) gründen in empathischer Partnerschaft und Wahrnehmung der spirituellen Dimension.

Im Blick auf die komplementäre Wirklichkeit des Arztes als Experte und als Partner (7) geht es um die harmonische Mischung dieser Ingredienzien. Sie allein ermöglicht Heilkunst, das heisst, die Fähigkeit sich - je nach Patient und Krankheitsbild - in der unendlichen Vielfalt des Heilens zurechtzufinden. Sie auch allein befähigt Ärztinnen und Ärzte, je nach Situation, allen, auch jenen früheren, scheinbar archaischen Arztrollen gerecht zu werden, spirituell geprägten Arztbildern, von denen wir in unserer einseitigen Medizinerausbildung so wenig erfahren, die manche sogar dünkelhaft belächeln, und die nicht zuletzt deshalb ihre Heimstatt in komplementären Heilkonzepten suchen und finden.

Künftige Ärzte, die Expertentum und Partnerschaft in Einklang bringen wollen, kümmern sich ausgewogen um die mathematische, aber auch die Herzensraison im Sinne Pascals oder, in der Übersetzung Paulis: Sie pflegen die kritischrationale sowie die irrational-mystische Grundhaltung. Als naturwissenschaftliche Experten beherrschen sie ihre medikamentös-apparative Technik. Als herzenskundige Partner reduzieren sie die komplexe Wirklichkeit des Patienten jedoch nicht auf das Mess- und Berechenbare, nicht aus das im Endoskop, im Ultraschall oder CT Sichtbare. Da sie nicht nur Befunde sammeln, sondern auch Befindlichkeiten erspüren, können sie wahrnehmen, dass bei manchen Krankheiten nicht allein ein Organ sondern der Mensch in seiner Ganzheit krank und in einem umfassenden Sinn heilungsbedürftig ist, dass zum Beispiel herzkrank und krank am Herzen eng verschlungen sein können (16)

Der Psychiater Jakob Klaesi forderte in seiner Berner Rektoratsrede etwas Mutiges: "Das alles ist der Arzt: Ein Wissenschaftler, ein Krieger, ein Erbarmer, ein Erzieher, ein Priester, ein Künstler." In einer Epoche krass ökonomischen und wirtschaftlichen Profitdenkens regt sich hier und dort als kompensatorische Gegenströmung eine verheissungsvolle Neuorientierung in der Idee des Arztes, eine Neubesinnung, die sich an dieses Postulat Klaesis erinnert, sich auf ein umfassendes Arztbild und auf die vier gleichberechtigten Aufgaben praktisch tätiger Ärzte besinnt, nämlich: Erstens müssen sie als "Erzieher" als Gesundheitserzieher die salutogenetischen Potenzen ihrer Patienten fördern. Zweites sollen sie als "Wissenschaftler" und "Krieger" Krankheiten heilen, also kurativ, reparativ, dabei oft kriegerisch-aggressiv eingreifen. Drittens müssen sie als "Erbarmer" oft palliativ handeln, das heisst sich auf lindem allein beschränken und auf alle therapeutische Grandiosität verzichten. Viertens müssen sie - gewissermassen als "Priester" - Sterbende bis am Schluss begleiten und beherzigen, dass sie auch für die Qualität des Sterbens verantwortlich sind (1). So müssen sie sich - als "Künstler" - auch auf dem schwersten Prüfstand ärztlicher Kompetenz bewähren: nämlich, wenn die Krankheit unheilbar geworden ist. Dies ist ein Idealbild und ich weiss - auch aus eigener, schmerzlicher Erfahrung - um die Kluft zwischen Postulat und Realität.

Auch im Zeitalter der molekularen Medizin mit ihren rasanten Entwicklungen verstehen jene Ärzte und Ärztinnen, die uns als Ideal vorschweben, Heilung und Therapie nicht allein, als Reparatur - sei es am Gelenk oder im Gen - sondern auch im ursprünglichen Wortsinn des griechischen therapeuein, nämlich als Dienen an einem, der in seiner Not mich ruft. Das ursprüngliche Wesen der Therapie bedeutet offenbar - etymologisch gesehen - nicht reparieren, dozieren, ordonnieren, rezeptieren, kurieren, sondern dienend, pflegendes Beistehen, mitschwingen, einfühlen, verstehen, begleiten. Dementsprechend ist Heilkunde, wenn von künftigen Ärzten richtig verstanden, anders als sie sich heute in den Medien darstellt, nämlich nicht nur Spitzenmedizin, nicht nur Geschäft, nicht nur ein Arsenal immer raffinierterer Herrschaftstechniken, sondern eine dienende, eine kommunikative und eine für die spirituelle Dimension des Menschen offene Disziplin.

Literatur

[1] Nager F.: Gesundheit - Krankheit - Heilung - Tod. Luzern: Maihofverlag. 3. Auflage 1997
 
[2] Nager F.: Grösse und Gefährdung der Medizin. Schweizerische Medizinische
Wochenschrift; 1996; 126: 19: 793-800
   
[3] Nager F.: Der heilkundige Dichter - Goethe und die Medizin. Zürich und München:
Artemis, 1992
   
[4] Nager F.: Zwiespalt und Wandlung des Arztes. Schweiz. Aerztezeitung 1984; 65: 94-104
 
[5] Barz H., Kast V., Nager F.: Heilung und Wandlung. C.G. Jung und die Medizin. Zürich
und München. Artemis 1986
   
[6] Nager F.: Die Medizin zwischen Technik und Ethik. Schweizerische Rundschau für
Medizin PRAXIS 1992; 44:1313-1317
   
[7] Nager F.: Die komplementäre Wirklichkeit des Arztes. Schweizerische Rundschau für
Medizin PRAXIS 1993; 82:633-638
   
[8] von Uexküll Th., Wesiack W.: Theorie der Humanmedizin. München: Urban und
Schwarzenberg, 1988
   
[9] Zitiert in Schmid K.: Das Genaue und das Mächtige, S. 154. Artemis, Zürich/München
1977
   
[10] Nager F.: Das Herz als Symbol. Basel: Editiones Roche, 1993
 
[11] Nagel G.A.: Naturheilkunde als Metapher. Schweizerische Rundschau für Medizin
PRAXIS 1993; 82:678-682
   
[12] Nager F.: Brückenschlag zwischen naturwissenschaftlicher Medizin und
Komplementärmedizin. Schweizerische Rundschau für Medizin PRAXIS 1994; 12: 1425-143 1
   
[13] Pauli H.G., Balsiger Ph.W., von Uexküll Th.: Wandel des Denkens und Handelns in der
Medizin eine Chance! Schweizerische Aerztezeitung 1992; 73: 986-992.
   
[14] Nager F.: Das Arztbild des Paracelsus - und wir heute. Schweizerische Rundschau für
Medizin PRAXIS 1993; 82: 1485-1495.
   
[15] Schipperges H.: Der Arzt von morgen. Von der Heiltechnik zur Heilkunde. Berlin: Severin
und Siedler, 1982
   
[16] Nager F.: Herzkrank oder krank am Herzen ? Schweizerische Medizinische
Wochenschrift 123, 349-356, 1.993
   
[17] Geisler L.S.: Sprechende Medizin - Luxus oder Notwendigkeit ? Medizinische Klinik
  1992; 87: 274-277
   

Prof. Dr. F. Nager
Schilfweg 26
CH-6402 Merlisschachen